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Katholischer Kirchenvertreter nach Rekord-Exodus in Luzern: «Ein Austritt ist die falsche Antwort»

Schluss, Aus, Amen: Wegen Missbrauchsskandalen sind im Kanton Luzern so viele Katholiken aus der Kirche ausgetreten wie noch nie. Trotzdem bleiben die Kirchenverantwortlichen optimistisch.
Raphael Zemp
Ein Blick in die Luzerner Jesuitenkirche: Immer mehr Katholiken treten aus der Kirche aus. Grund für den Negativrekord des letzten Jahres dürfte eine Reihe von Missbrauchsskandalen sein. (Bild: Boris Bürgisser, Luzern, 2. Dezember 2015)

Ein Blick in die Luzerner Jesuitenkirche: Immer mehr Katholiken treten aus der Kirche aus. Grund für den Negativrekord des letzten Jahres dürfte eine Reihe von Missbrauchsskandalen sein. (Bild: Boris Bürgisser, Luzern, 2. Dezember 2015)

Das vergangene Jahr war für die katholische Kirche turbulent. Nicht zuletzt, weil Missbrauchsskandale von ungeheuren Ausmassen publik wurden. Im August etwa zeigten Untersuchungen, dass sich katholische Priester im US-Bundesstaat Pennsylvania gleich tausendfach vergangen hatten – während die Kirche dies systematisch vertuschte. Nur wenig später, im September, deckte ein Bericht der deutschen Bischofskonferenz auf, dass mindestens jeder zwanzigste Priester in der Nachkriegszeit zum Täter geworden sei. Die Anzahl der Opfer alleine in Deutschland: 3677.

Diese Skandale, sie haben auch im katholischen Luzern ihre Spuren hinterlassen. Diese Vermutung legt zumindest die aktuellste Schätzung der römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern nahe, wie die «NZZ» berichtet. Gemäss dieser haben im vergangenen Jahr im Kanton Luzern rund 2500 Personen der katholischen Kirche den Rücken zugewandt – so viele wie noch nie.

Sie zählt derzeit noch 245 000 Gläubige. Der Luzerner Synodalverwalter Edi Wigger erklärt gegenüber unserer Zeitung, wer besonders häufig abtrünnig geworden ist und was man die Entwicklung aufhalten will.

Edi Wigger

Edi Wigger

2018 sind im Kanton Luzern im Vergleich zum Vorjahr fast 25 Prozent mehr Katholiken aus der Kirche ausgetreten. Wie können Sie sich diesen enormen Anstieg erklären?

Edi Wigger: Noch liegen zwar keine definitiven Zahlen vor, weil einzelne Kirchgemeinden ihre Austritte noch nicht gemeldet haben. Trotzdem gibt es nichts zu beschönigen: Es zeichnet sich tatsächlich ein starker Anstieg ab. Schuld daran tragen hauptsächlich eine Reihe von Missbrauchsfällen, in welche die katholische Kirche weltweit verwickelt ist. Diese werden bei einigen wohl das Fass zum Überlaufen gebracht haben. Im Sinne von: Jetzt reicht es mir aber, mit denen will ich nichts mehr zu tun haben. Das kann ich verstehen. Und doch ist ein Kirchenaustritt die falsche Antwort.

Warum?

Er trifft vor allem die Kirche vor Ort. Hier fehlen dadurch die Kirchensteuern, die zu 93 Prozent in der örtlichen Kirchgemeinde und Pfarrei verwendet werden. Fünf Prozent bleiben im Kanton Luzern und nur je ein Prozent fliessen an die nationale Kirche und ans Bistum. Der grösste Teil der Kirchensteuer wird somit vor Ort eingesetzt.

Täglich leisten Mitarbeitende in den Pfarreien und Kirchgemeinden wertvolle Dienste, etwa für sozial benachteiligte und ältere Menschen, für Jugendorganisationen wie Jungwacht, Blauring und Pfadi. Viele Mittel werden auch für den Erhalt der hiesigen Kulturgüter verwendet. Entfallen diese Mittel aufgrund von Kirchenaustritten zunehmend, muss dereinst wohl der Staat einspringen. Denn wer lässt schon ein Kulturgut wie die Hofkirche verlottern?

Austreten ist die falsche Antwort. Was aber ist Ihrer Meinung nach die richtige Reaktion unzufriedener Kirchenmitglieder?

Nur Mitglieder können eine Organisation verändern. Das ist in der Kirche nicht anders als in der Gemeinde oder in einem Verein. Und gerade in der Schweiz bieten die staatskirchenrechtlichen, demokratischen Strukturen der Kirchgemeinden und Kantonalkirchen viele Möglichkeiten zum Mitmachen. So kann die «andere Kirche vor Ort» gefördert werden. Uns ist allerdings bewusst, dass dieses Sich-einbringen und Mitmachen ein hoher Anspruch ist.

Auch in anderen Regionen der Schweiz haben im vergangenen Jahr signifikant mehr Leute der Kirche den Rücken zugewandt. Und doch scheint gemäss der NZZ das Ausmass nirgends so gross wie in Luzern.

Dass die Austritte nur in Luzern einen Höchststand erreicht haben, ist zu bezweifeln. Es müssten erst die Daten aller 26 Kantone vorliegen, um schlüssige Aussagen dazu zu machen.

Wer tritt besonders häufig aus der Kirche aus?

Ein eindeutiger Trend ist nicht auszumachen. Die Austrittszahlen steigen aber ab dem Übergang ins Erwachsenenalter und somit mit dem Eintritt in die selbstständige Steuerpflicht an. Vielen dürfte es in erster Linie auch um das Einsparen der Kirchensteuern gehen. Dies beweist auch die Tatsache, dass es in Kantonen ohne Kirchensteuern praktisch keine Austritte gibt.

Was tun Sie also, um die gegenwärtige Entwicklung aufzuhalten?

Indem wir vor Ort eine Kirche leben, die den Menschen offen begegnet, ihnen zuhört und sie stärkt. Dabei wollen wir auch aufzeigen, welche Leistungen die katholische Kirche tatsächlich für die Gemeinschaft erbringt. Dabei macht uns allerdings die schwindende Bindung der Menschen zur Kirche zu schaffen – gerade in der Stadt und Agglomeration. Einfacher ist es auf dem Land: Dort ist es viel unmittelbarer und augenfälliger, was die Kirche zum Gemeinwohl beiträgt. Entsprechend verfangen unsere Argumente dort auch mehr – und halten den einen oder die andere davon ab, auszutreten.

Trotzdem: Wird der Trend hin zu immer mehr Kirchenaustritten langfristig aufzuhalten sein?

Wir gehen davon aus, dass sich die Situation nach diesem Ausreisser nach oben wieder normalisieren wird – ähnlich wie im Jahr 2010. Auch damals verzeichneten wir eine Zunahme von Kirchenaustritten, ebenfalls ausgelöst durch Missbrauchsskandale. Zudem geht bei der Austrittsdiskussion gerne vergessen, dass wir laufend auch eine erhebliche Anzahl von Zuzügen verzeichnen, weil die Bevölkerung im Kanton Luzern wächst. Es gibt jedes Jahr bis zu 100 Wiedereintritte. Das wiegt die Austritte zwar nicht auf, aber entschärft diese.

Hinweis:
Edi Wigger (55) amtiert seit 2009 als Synodalverwalter der römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern. Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Egolzwil.

Negativrekord auch bei den Reformierten

664 Kirchenaustritte hat die Reformierte Kirche Luzern im letzten Jahr verzeichnet. Das ist der höchste Wert der letzten zehn Jahre. Im Gegensatz zu den Katholiken ist der Anstieg aber deutlich sanfter ausgefallen. 2018 haben, verglichen mit dem Vorjahr, 24 Protestanten mehr ihre Kirchenmitgliedschaft gekündigt.

Über die genauen Beweggründe kann Ursula Stämmer, Synodalratspräsidentin der Reformierten Kirche Luzern, nur spekulieren. Unter anderem spielten aber sicherlich Entfremdung wie auch Einsparung der Kirchensteuern eine Rolle, so Stämmer. Zudem könne man nicht ausschliessen, dass auch bei den Reformierten sexuelle Missbräuche stattfinden – und dass Menschen aus diesem Grund der Kirche den Rücken zukehren. (zar)

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