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Russland: Vor 25 Jahren liess Jelzin das Weisse Haus in Moskau beschiessen

Nur eine Handvoll Unentwegter erinnert an den blutigen Oktober 1993 in Moskau. Doch der damalige Bruderkrieg zwischen Präsident Jelzin und den Altkommunisten hat in Russland Narben hinterlassen. Eine Rückschau.
Friedemann Kohler, DPA
Russische Panzer eröffnen das Feuer auf das Moskauer Parlamentsgebäude. (Bild: Velenguri/DPA, 4. Oktober 1993)

Russische Panzer eröffnen das Feuer auf das Moskauer Parlamentsgebäude. (Bild: Velenguri/DPA, 4. Oktober 1993)

Galina Wassiljewna kennt die Namen der Toten auswendig. «Hier, Natalja Petuchowa», sagt die 82-jährige Moskauerin und zeigt auf das Foto einer jungen Frau. «Sie wurde nur 19 Jahre alt.»

Die Wand voller Fotos in Schwarzweiss steht hinter dem massiven Weissen Haus in Moskau, in dem jetzt die russische Regierung sitzt. Auch Reste einer Barrikade, sowjetische Fahnen und orthodoxe Kreuze gehören zu dem improvisierten Gedenkpark.

Aufstand von Altkommunisten

Er erinnert an eine blutige Episode in der russischen Geschichte: Vor 25 Jahren liess Präsident Boris Jelzin das Weisse Haus von Panzern beschiessen und erstickte einen Aufstand der Altkommunisten.

Im Rückblick kehrte mit dem Oktober 1993 nach dem friedlichen Zerfall der Sowjetunion die politische Gewalt nach Russland zurück. Die junge russische Demokratie erlitt einen irreparablen Schaden. «Ein äusserst unbequemes Jubiläum» nennt es die Zeitung «Nowyje Iswestija».

Galina Wassiljewna gehörte damals zu den Demonstranten und hat die Schüsse von Polizei und Armee überlebt. «Wir haben nur die Verfassung verteidigt», sagt die frühere Chefin eines Lebensmittelladens. Viele Veteranen zieht es zu dem Gedenktag wieder hinter das Weisse Haus. «Hier gehören wir hin», sagt sie. Mit frischer Farbe haben sie das verhängnisvolle Datum an einen Zaun gemalt: 4. Oktober 1993.

Sonst unterbinden die russischen Behörden jede politisch gemeinte Eigenmächtigkeit. Hier lassen sie die alten Leute gewähren, an deren sowjetischer Gesinnung sich nichts geändert hat, die aber politisch eine Randerscheinung sind.

Für Boris Jelzin (1931-2007), den Hoffnungsträger eines neuen Russlands, bedeuteten die Schüsse auf das Weisse Haus eine bittere Ironie. Nur zwei Jahre zuvor, im August 1991, hatte er selbst dort auf einem Panzer gestanden und den damaligen Parlamentssitz gegen einen Putsch konservativer Geheimdienstler und Militärs verteidigt.

Damals verhinderte sein Mut die Gewalt, nun liess er auf seine Gegner schiessen. Jelzin sprach später vom «tödlichen Atem des Brudermords».

Parlament aufgelöst

1993 hatte sich die russische Verfassungskrise über Monate zugespitzt. Jelzin und seine Regierung wollten marktwirtschaftliche Reformen durchsetzen, wollten liberalisieren und privatisieren. Der noch von Kommunisten dominierte Oberste Sowjet bremste, wo er konnte. Die Bevölkerung litt unter einem wirtschaftlichen Absturz.

Am 21. September 1993 löste Jelzin mit seinem Erlass Nr. 1400 das Parlament auf, was er nicht durfte. Seine Gegner sahen ihre Chance gekommen. Parlamentschef Ruslan Chasbulatow erklärte den Erlass für nichtig, Jelzins Vize Alexander Ruzkoi liess sich zum neuen Präsidenten ausrufen, ein Gegen-Verteidigungsminister wurde ernannt. Zehntausende Demonstranten umringten das Weisse Haus.

Am 3. Oktober entwickelte sich die Konfrontation zu einem bewaffneten Aufstand. Jelzins Gegner versuchten, die Fernsehzentrale in Ostankino zu stürmen. Es kam zu einem Gefecht mit vielen Toten. Einen Tag später liess Jelzin auf das Parlament schiessen.

Die Armee eroberte das Gebäude in zehn Stunden Stock für Stock von den verschanzten Abgeordneten zurück. Das Weisse Haus kohlte oben schwarz aus. Von 187 Toten und 437 Verletzten sprach die Polizei später. Es waren für Moskau die schlimmsten Strassenkämpfe seit der Oktoberrevolution 1917.

Neue Verfassung

Im Dezember 1993 stimmten die Russen mit knapper Mehrheit für eine von Jelzin vorgeschlagene neue Verfassung. Sie gab dem Präsidenten fast alle Macht in Russland; dem Parlament kommt seitdem nur noch eine Nebenrolle zu. Das Ausland stand in all dem an Jelzins Seite, weil es ebenfalls eine Rückkehr der Kommunisten an die Macht in Russland befürchtete.

An einem grossen Fliederbusch hinter dem Weissen Haus hält eine andere alte Frau kurz inne. Ihren Namen will sie nicht nennen. Auch sie hat 1993 zwei Wochen Tag und Nacht an dieser Stelle ausgeharrt und ist dann den Kugeln entkommen.

Natürlich wolle sie die Sowjetunion zurückhaben. «Ich bin durch und durch sowjetisch», sagt sie. Die Erinnerung lässt sie nicht los. Sie knotet Hunderte rote und schwarze Bänder in den Busch zum Gedenken an die Toten.

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