RUSWIL/PRIZREN: Er baut den Kosovo wieder auf

Matthias Wagner (28) ist für die Swiss­coy im Kosovo im Einsatz. Der Ruswiler zeigt, dass die Arbeit dort alles andere ist als ein «Abenteuerurlaub».

Ismail Osman
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Matthias Wagner (28) aus Ruswil ist mit der Swisscoy in Prizren im Einsatz.

Matthias Wagner (28) aus Ruswil ist mit der Swisscoy in Prizren im Einsatz.

Jeder Tag beginnt pünktlich um sechs Uhr morgens, die Arbeitswoche ist in der Regel sechs Tage lang. «Wenn nötig, kann die auch zur 7-Tage-Woche erweitert werden», sagt Matthias Wagner mit gelassener Stimme. Der 28-Jährige ist einer von rund 220 Schweizer Soldaten, die derzeit im ehemaligen Krisengebiet Kosovo im Einsatz sind (siehe Kasten). Welchen Schlag Menschen es dorthin zieht und welche falschen Vorstellungen viele von seinem Beruf haben, erzählt er während eines kurzen Urlaubs in der Heimat.

Schweres Geschütz

Die Idee, für die Schweizer Armee in den Kosovo zu ziehen, kam nicht von ungefähr: «Eigentlich wollte ich mich schon vor sechs Jahren melden – gleich nach dem Abschluss meiner Lehre zum Landwirt», erinnert sich Matthias Wagner. Für sein Vorhaben hatte er ein klares Vorbild: seinen älteren Bruder Thomas. Dieser war damals, 2006, im Dienste der Swisscoy im Kosovo tätig.

Wagner war von den Berichten seines Bruders beeindruckt und wollte seine eigenen Erfahrungen im aktiven Militärdienst machen. «Ich habe mich dann aber doch für eine zweite Ausbildung als Maurer entschieden», erzählt Wagner. Diese Zweitausbildung kommt ihm jetzt zugute: Als Wachtmeister leitet er derzeit im Kosovo eine achtköpfige Truppe an Pioniersoldaten. Diese treten mit schwerem Geschütz auf: «Bagger, Planierfahrzeug, Lastwagen – alles, was man für den Tiefbau braucht», berichtet Wagner. Seine Truppe ist im ganzen Kosovo tätig und setzt eine Vielzahl von bautechnischen Massnahmen um. Das kann alles sein; von der Instandsetzung einer Strasse bis hin zur Erstellung einer neuen Brücke. «Der schweizerische Pionierzug ist bei den Kfor-Truppen sehr angesehen», sagt Wagner mit aufrichtigem Stolz. Dies liege vor allem am fundierten Fachwissen seiner Mitglieder. «Alle von uns haben eine Lehrausbildung gemacht – das ist sicherlich der grosse Vorteil einer Milizarmee gegenüber Berufssoldaten, die alles vor Ort erlernen müssen», erklärt Wagner.

Flexibilität gefordert

Seit vergangenem November sind Wagner und seine Schweizer Kollegen in einer Kfor-Basis, einem sogenannten «field camp», in der südlich gelegenen Stadt Prizren stationiert. Wagners Einsatz dauert noch bis Mitte April.

«Eine der wichtigsten Eigenschaften, die man mitbringen muss, ist Flexibilität», sagt Wagner, «in allen Bereichen.» So sei zuweilen Improvisationskunst gefordert, wenn etwa etwas mit der Materialversorgung nicht klappt. «Nicht überall läuft alles so reibungslos wie in der Schweiz», hat Wagner gelernt. Und fügt an: «Aber irgendwie klappts immer.» Flexibilität müsse man auch im Umgang mit den Kameraden besitzen: «Es gibt so gut wie keine Privatsphäre. Man ist 24 Stunden pro Tag zusammen und lebt auch auf sehr engem Raum. Die meisten von uns teilen sich zu zweit ein Zimmer.»

Reibungen und Freundschaften

Dass es unter solchen Verhältnissen zu Reibungen kommen könne, sei selbstverständlich. Es seien aber alle professionell genug, um kleinere Unstimmigkeiten nicht unnötig aufkochen zu lassen oder gar die Mission zu behindern. «Auf der anderen Seite bindet diese Nähe auch. Manche der Freundschaften, die ich dort geknüpft habe, sind fürs Leben, das kann ich jetzt schon sagen.» Für manche der Soldaten sei die Entfernung zur Heimat das grössere Thema. Man rede dann jeweils vom «Kosovo-Koller». Die Entfernung und das zeitintensive Engagement können gerade für Armeeangehörige, die in Beziehungen stehen, ziemlich belastend wirken.

Der in Triengen aufgewachsene Wagner ist erst kurz vor dem Start seines Einsatzes von seiner Wohnung in Schenkon mit seiner Freundin in eine Wohnung in Ruswil gezogen. «Bei mir war dies insofern kein Problem, weil meine Freundin schon seit wir uns kennen wusste, dass ich das eventuell machen würde. Ein anderer wichtiger Faktor war auch, dass ich wusste, dass die ganze Familie hinter mir steht.»

Rambos unerwünscht

Doch welchen Schlag Mensch zieht es in den Auslandeinsatz? «Es sind auf jeden Fall keine Rambos, die Action suchen», sagt Wagner. «Die Menschen, die ich hier kennen gelernt habe, stehen zu Hause in der Schweiz mit beiden Beinen fest im Leben.» Wagner selbst bezeichnet sich als unkomplizierten Typ. Einen gewissen Ehrgeiz streitet der Sportschütze und Korporal der Feuerwehr Region Sursee allerdings nicht ab: «Klar, wollte ich für mich persönlich etwas Neues erleben und mich neuen Herausforderungen stellen», sagt Wagner. «Ich will aktiv etwas für den Frieden leisten und auf diese Weise auch etwas meiner Heimat zurückgeben, die mir vieles ermöglicht hat.»

Falsche Vorstellungen

Es gebe aber nicht wenige falsche Vorstellungen rund um die Kosovo-Einsätze, meint Wagner. «Ich höre manchmal Begriffe wie ‹Ferienlager› oder ‹Abenteuerurlaub›. Es gibt aber nichts Lustiges daran. Es ist ein ehemaliges Kriegsgebiet, und die Narben des Kriegs sieht man heute noch überall.» Schmierereien mit Hetzbotschaften und Einschusslöchern seien noch immer allgegenwärtig. «Auf dem Land, fernab der grösseren Städte, erlebt man zum Teil auch bitterste Armut», berichtet Wagner. Von den Einheimischen werden die Schweizer Truppen grösstenteils positiv aufgenommen. Zum Selbstschutz leistet aber auch Wagner seinen Dienst bewaffnet. «Die Situation ist ruhig, aber eine gewisse Anspannung ist allgegenwärtig.»

Für Matthias Wagner dauert der Kosovo-Einsatz noch knapp zwei Monate. «Für mich ist das Kapitel danach beendet», sagt er. Wagner will wieder in seinen Beruf als Maurer einsteigen, allerdings auch möglichst bald die Weiterbildung zum Polier in Angriff nehmen. Die nächste Herausforderung hat Matthias Wagner demnach bereits ins Visier genommen.