SAGENMATT: Der instabile Fels war bereits gesichert

Wegen Felssturzgefahr mussten vor drei Wochen 125 Bewohner evakuiert werden. Die lockere Felsplatte wurde nun ab­ge­tragen. Dabei gabs eine faustdicke Überraschung.

Guy Studer
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Die labile Felsplatte an der Sagenmattstrasse in Luzern ist bereits abgetragen (Bild links). Darunter sind alte Sicherungseisen zum Vorschein gekommen (rechts). (Bilder Dominik Wunderli)

Die labile Felsplatte an der Sagenmattstrasse in Luzern ist bereits abgetragen (Bild links). Darunter sind alte Sicherungseisen zum Vorschein gekommen (rechts). (Bilder Dominik Wunderli)

Der Bagger hat ganze Arbeit geleistet. Von der 20 Meter hohen und 50 Meter breiten Felsplatte an der Sagenmatt­strasse sind nur noch Trümmer übrig. Die Sensoren in der Felsplatte hatten in der Nacht auf den 19. Januar in kürzester Zeit eine Bewegung von 1,5 Millimetern registriert. Dafür braucht es sonst mehrere Jahre. Die Platte drohte einzustürzen. Das Hochhaus davor mit 125 Bewohnern musste deshalb nachts evakuiert werden (Ausgabe vom 20. Januar).

Eisenstangen im Fels

Die inzwischen abgetragene Felsplatte stand einer grossen, 50 Meter hohen und 160 Meter breiten Felswand vor – der Zeugin eines früheren Steinbruchs.

Ein Augenschein vor einigen Tagen zeigt: Hinter der abgetragenen Fels­platte ragen verbogene Eisenstangen rund einen halben Meter aus der Wand. Über zwei Dutzend der teils rostigen Stangen sind sichtbar. Kaspar Huber, Bewohner des Hochhauses, sieht sich bestätigt: «Nach der Stilllegung des Steinbruchs Anfang der 60er-Jahre wurde der Fels gesichert.» Das weiss er schon längst. Denn der 85-Jährige lebt seit der Fertigstellung des Hochhauses 1960 darin und kannte die früheren Steinbruchbesitzer. Deshalb ist er über die nun sichtbaren Eisenstangen alles andere als erstaunt und ist überzeugt, dass auch niemals Felssturzgefahr bestanden hätte. Seine Skepsis äusserte Huber damals auch gegenüber unserer Zeitung. «Auch viele andere Bewohner sind dieser Meinung.» So haben nebst Huber weitere Bewohner des Hochhauses eine Erklärung unterzeichnet, in der sie die Evakuierung als unnötig und übertrieben bezeichnen. «Seit elektrische Sensoren in der Wand eingebaut wurden, wird hier ein riesiges Tamtam veranstaltet und eine überflüssige Evakuierung inszeniert.» Eine Entschuldigung dafür an die Bewohner sei bisher nicht eingetroffen.

Seitens Behörden und Geologen wurden die Eisenstangen bisher nie erwähnt. Das wirft Fragen auf: Wusste man bei den Verantwortlichen darüber nicht Bescheid? Bestand gar keine Felssturzgefahr?

Vermutlich aus den 60er-Jahren

Für die Überwachung und Sicherung des Felsens ist der Geologe Beat Keller zuständig. Er klärt auf: «Es handelt sich bei diesen Stangen um sogenannte Schubeisen, mit denen vermutlich in den 1960er-Jahren die relativ dünne Felsplatte nach damaligem Wissen stabilisiert wurde.» Solche Schubeisen würden teilweise auch heute noch für temporäre Sicherungen eingesetzt. «Für die Sicherung einer solch grossen Fels­masse im Siedlungsgebiet sind diese kurzen, heute verrosteten Eisen sicher völlig unterdimensioniert und ungeeignet», so Keller. Solche nicht korrosionsgeschützte Schubeisen entsprächen mit Sicherheit nicht den heute geltenden Normen. Von einer eigentlichen Felssicherung könne nicht die Rede sein, «denn die Schubeisen sind viel zu dünn, zu kurz und weisen überdies keine Ankerköpfe an den Enden auf, die eine Lastauf­nah­me im Belastungsfall garantieren könnten».

Von Kaspar Huber wurde Keller bereits früher über die Schubeisen informiert, wie beide sagen. «Als wir die Wand, die völlig überwuchert war, letztes Jahr freilegten, haben wir auch einige rostige Enden dieser Eisen erkannt», sagt der Geologe. «Doch daraus auf eine nach heutigen Massstäben fachgerechte Sicherung zu schliessen, wäre fahrlässig.» Dennoch sagt er: «Man hat sich damals schon etwas überlegt.» So sei im Speziellen die vorgelagerte, inzwischen abgetragene Platte mit diesen Schubeisen versehen worden. «Man erkannte also auch damals die Gefahr, die von der Platte ausging.» Zudem hätten die Stangen wohl das Schlimmste verhindert: «Sonst wäre die Platte Mitte Ja­nuar wohl spontan eingebrochen, wofür auch das von Polizisten gemeldete Knacken in der Wand spricht», vermutet Keller. Denn beim Abtragen sei das Gestein extrem brüchig gewesen. «Wir fragten uns, warum die Platte überhaupt noch gehalten hatte.»

«Platte hing an seidenem Faden»

Dennoch verteidigt Keller die Evakuie­rung und die Entfernung der Felsplatte: «Die Platte war nicht sicher, sie hing sozusagen an einem seidenen Faden – oder besser gesagt, an einigen rostigen Schubeisen.» Auch wenn man diese Schubeisen genau gekannt hätte, so Keller, «wäre das Risiko sicher zu gross gewesen». Denn nebenan befinde sich ein Kinderspielplatz, ausserdem gebe es an der Sagenmattstrasse viel Publikumsverkehr wegen der Druckerei Bächler und Siedler. «Und Fakt ist: In jener Nacht hat sich der Fels stark bewegt, trotz der Schubeisen.» Auch in der grossen Felswand als Gesamtes gebe es Bewegungen im Zentimeterbereich. «In etwa vier Metern Tiefe öffnet sich eine Spalte, weitere bis in rund zehn Meter Tiefe.» Deshalb war schon früher beschlossen worden, die Wand zu sichern. «Voraussichtlich im März beginnen die Hauptarbeiten», sagt Keller.

Doch warum wusste niemand – ausser den langjährigen Mietern des Hochhauses – von diesen Schubeisen? Keller seufzt. «Das ist heute oft ein Problem. Im letzten Jahrhundert wurde meist einfach etwas gemacht nach dem Motto ‹Danach kümmert es niemanden mehr›.» So seien auch nirgends Pläne hinterlegt worden. Und wenn, dann sind diese bei Eigentümerwechseln oft verschwunden. Denn die Felssicherung war und ist jeweils Sache der Eigentümer. «Und ausführende Ingenieurbüros von damals existieren heute teilweise nicht mehr, so wie in diesem Fall.» Anders als früher müssen heute bei einer Fels­sicherung die Pläne bei der Stadt hinterlegt werden.

Sicherung wegen Besitzerwechsel

Der Grund, dass letztes Jahr die Sensoren automatisiert und Anfang 2016 mit automatischem Alarm versehen wurden, um den Fels permanent zu überwachen, liegt auch in den Plänen der ABL. Diese hat das Druckereigebäude gekauft und will in rund zehn Jahren ein Wohnhaus erstellen. Deshalb hat man gemäss Keller die erkannten Bewegungen des Felsen sehr ernst genommen. Für den Geologen eine wichtige Massnahme: «Wir waren keine Sekunde zu spät. Nun ist es wichtig, dass wir diese Felssicherung durchziehen und die Risiken beseitigen.»

Kaspar Huber hingegen sieht sich in seiner Meinung bestärkt: «Hätte die ABL das Nachbarhaus nicht gekauft, dann wären bis heute keine automatischen Sensoren eingebaut worden, und wir würden wie eh und je in Ruhe leben.»
 

Guy Studer