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SAGENMATT: Felssicherung in luftiger Höhe

In der Stadt Luzern sind spektakuläre Arbeiten in vollem Gange. Damit soll ein hundertjähriges Flickwerk beendet werden.
Raphael Gutzwiller
Hoch über dem Boden sichern Arbeiter von sogenannten Bauschlitten aus den Fels an der Sagenmattstrasse. (Bild Nadia Schärli)

Hoch über dem Boden sichern Arbeiter von sogenannten Bauschlitten aus den Fels an der Sagenmattstrasse. (Bild Nadia Schärli)

Raphael Gutzwiller

Die Baustelle bei der Sagenmattstrasse ist alles andere als gewöhnlich. «Sie ist einmalig», sagt der Luzerner Geologe Beat Keller bei einer Besichtigung. Der bis zu 40 Meter hohe und 160 Meter lange Steinbruch Sagenmatt wird saniert. Damit ist es die grösste Felssicherung, die je in der Schweiz durchgeführt wurde – auch weltweit gibt es kaum vergleichbare Objekte. «Ein Projekt in dieser Dimension ist für jeden Beteiligten eine spezielle Herausforderung», sagt Keller.

10 bis 15 Meter lange Anker

Bereits seit den 1990er-Jahren ist der Steinbruch als Sicherheitsrisiko bekannt. Wie man eine so grosse Wand am effizientesten sichern kann, war Experten aber lange nicht klar. Nun hat man eine Lösung gefunden: Der untere Teil der Felswand, der auszuknicken droht, wird mit regelmässig angeordneten Betonrippen und 15 Meter langen Ankern gesichert. Der obere Bereich der Felswand wird vorgängig mit Einzelankern stabilisiert, damit der Arbeitsraum am Fuss der Wand überhaupt sicher ist. Mit diesem System wird die labile Felswand zusammengehalten und soll mindestens für die nächsten 100 Jahre stabil bleiben.

«Man kann die Felswand mit einer schräg gestellten Matratze vergleichen, die am Fuss bauchartig durchgebogen ist. Im Gegensatz zur flexiblen Matratze bricht der Felsen schichtweise durch, bis er schlussendlich einstürzt», erklärt Mathias Amstad, Ingenieur der Firma Basler & Hofmann, die für die Sanierung des Steinbruchs zuständig ist. «Der untere Teil der Wand muss mit den Betonrippen gestützt werden, im oberen Bereich braucht es zusätzliche Befestigungen an einzelnen Punkten.»

Kein fester Boden unter den Füssen

Rund 15 Arbeiter sind stets auf der Baustelle. Festen Boden unter den Füssen spüren sie aber nur selten. Der Grossteil der Arbeiten findet nämlich am Seil hoch oben in der steilen Wand statt. Um die Anker zu befestigen, wird die verwitterte und aufgelockerte, äusserste Schicht des Felsens abgetragen. Danach bohren die Bauarbeiter die Löcher für die Anker. Dafür wird ein Diamantbohrer verwendet, da dieser keine Vibration hervorruft. «Ansonsten könnte es gefährlich werden», sagt der Luzerner Geologe Beat Keller. Um die Sicherheit zu gewährleisten, wird der Steinbruch permanent überwacht. Bei Bewegungen würde ein Alarm ausgelöst.

Mit sogenannten Bauschlitten bewegen sich die Bauarbeiter an der Wand. Auf diesen Schlitten, die man an der Wand verschieben kann, haben die Arbeiter unter anderem Bohrmaschinen. Die Bauarbeiter sind mehrfach gegen Absturz gesichert. Falls die doppelte Sicherung nicht eingehalten wird, fliegt man von der Baustelle. Jeder Spezialtiefbauer muss zudem eine Ausbildung absolviert haben, um am Seil arbeiten zu dürfen.

Das Projekt sei auch speziell, weil es beim Steinbruch Sagenmattstrasse noch Spuren des Wattmeers vor 20 Millionen Jahren gibt, wie Geologe Keller erklärt. «Deshalb ist der Steinbruch geologisch auch geschützt.» Unter anderem sind Spuren von Seeigeln und Würmern, die im Meer gelebt haben, auch heute noch sichtbar. Weil der Steinbruch geschützt ist, soll er auch nach den Sicherungsarbeiten ansprechend aussehen. Deshalb wurde mit Eduard Imhof ein Architekt beigezogen – aussergewöhnlich für ein solches Projekt.

125 Menschen evakuiert

Die riesige Felswand an der Sagenmattstrasse stammt von einem ehemaligen Steinbruch, der Anfang des 20. Jahrhunderts eingestellt wurde (Ausgabe vom 1. Februar). Sicherheitsvorkehrungen wurden damals noch keine angebracht. In den 1960er-Jahren löste sich bereits eine grosse Felsschwarte, glücklicherweise ohne dass jemand zu Schaden gekommen wäre. Daraufhin wurden erste Anker angebracht, allerdings waren diese viel zu klein, wie Beat Keller heute erklärt. «Damit konnte nur die äusserste Schicht befestigt werden. In Anbetracht, dass die ganze Wand einzustürzen droht, entstand dadurch nur eine Scheinsicherheit.»

Seit den 1990er-Jahren wird die Felswand mit Sensoren überwacht. Diese lösten mitten in der Nacht des 19. Januars einen Alarm aus. 125 Menschen, die im Hochhaus an der Sagenmatt­strasse wohnen, mussten evakuiert werden. «Die Reaktion war richtig: In so einem Fall, wo das Ausmass eines drohenden Absturzes nicht klar ist, muss man nur noch weg. Wäre der Fels am Tag abgestürzt, hätte es Tote geben können», sagt Geologe Keller. Erst seit dem 22. April – dann wurden die nötigen Sofortmassnahmen abgeschlossen – ist die Tiefgarage wieder zugänglich.

Vermutungen bestätigen sich

Die Erkenntnisse aus den Bauarbeiten haben die ungünstige geologische Prognose und die erkannten Risiken bestätigt, erklärt Beat Keller. So hat es in der Felswand bis in über 10 Meter Tiefe durchgehende offene Risse und Spalten. «Diese sind mit Wasser gefüllt, was einen grossen Wasserdruck verursacht, der die Wand zum Einstürzen bringen kann», so Keller. Aus diesem Grund haben die Arbeiter auch sogenannte Entwässerungsbohrungen gemacht. Aus den Löchern kann das angestaute Wasser nun rausfliessen. «Die Situation ist effektiv so riskant wie vermutet. Wir haben erwartet, dass der Steinbruch sehr gefährlich ist.»

Bis im November soll der Fels an der Sagenmattstrasse gesichert sein. Die Arbeiten kosten vier bis fünf Millionen Franken – bezahlen müssen die Hauseigentümer neben dem Steinbruch. Denn: Steinbrüche gelten nicht als Naturgefahren, die öffentliche Hand muss deshalb keinen Beitrag leisten. Eine Eigentümerin ist die Baugenossenschaft ABL, die an der Adresse Sagenmatt­strasse 7 gemeinnützigen Wohnungsbau realisieren will. Zuerst muss aber die Felswand wieder sicher sein.

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