SALLE MODULABLE: «Der Theaterplatz hat nur Vorteile»

Der Standortentscheid steht kurz bevor. Ein profunder Kenner der Theaterszene wagt eine Prognose – und warnt vor falschen Erwartungen.

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Der Theaterplatz in Luzern: einer der beiden meistgenannten möglichen Standorte (neben dem Inseli) für ein Nachfolgeprojekt der Salle Modulable. (Bild Pius Amrein)

Der Theaterplatz in Luzern: einer der beiden meistgenannten möglichen Standorte (neben dem Inseli) für ein Nachfolgeprojekt der Salle Modulable. (Bild Pius Amrein)

Interview Hugo Bischof

Heutiger Theaterplatz, Inseli-Carparkplatz, Schotterplatz Alpenquai: Das sind die drei offiziellen Standortkandidaten für den Bau eines neuen Luzerner Musiktheaters (Salle Modulable). Stadt und Kanton Luzern wollen den Standortentscheid noch dieses Jahr kommunizieren. Der Luzerner Anwalt Michael Gnekow ist ein profunder Kenner der Luzerner Theater- und Kulturszene. Er regte bereits 2007 an, das heutige Luzerner Theater abzureissen und an seiner Stelle die Salle Modulable zu errichten.

Michael Gnekow, Sie sind nicht in die Planung der «Salle» involviert. Dennoch: Wie lautet Ihre Prognose?
Michael Gnekow*: I
ch bin sehr zuversichtlich, dass der Neubau dereinst auf dem heutigen, zentralen Theaterplatz mit seiner 175-jährigen Tradition stehen wird. Dieser Platz hat nur Vorteile. Er löst das Standortproblem, ohne zugleich neue Probleme zu schaffen, wie dies beim Standort Inseli-Carparkplatz der Fall wäre. Die Opposition gegen den Standort Inseli-Carparkplatz wäre riesig – von Seiten der Lozärner Määs, die zurzeit mit grossem Erfolg stattfindet, des Natur- und Heimatschutzes und der Tourismusverantwortlichen. Das zeigten Berichte in Ihrer Zeitung deutlich auf.

Stichwort Inseli: Die Stadtluzerner Bevölkerung wird im Frühling 2016 über die Initiative «lebendiges Inseli statt Blechlawine» abstimmen, die eine Erweiterung der Grünfläche verlangt.
Gnekow:
Spätestens dann werden die Stimmbürger Nein sagen zum Standort Inseli. Wollen die Verantwortlichen wirklich riskieren, am Schluss mit leeren Händen dazustehen? Deshalb nochmals klar: Auf dem Inseli-Carparklatz hat eine Salle Modulable keine Chance.

Aber gegen den heutigen Theaterplatz sprechen der beschränkte Platz und die laut den Projektverantwortlichen ungenügende Verkehrserschliessung.
Gnekow:
Warum sollte man am Theaterplatz auf einer doppelten Fläche, wie sie das heutige Theatergebäude beansprucht, kein wegweisendes Theater zu Stande bringen? Ein Platzangebot von rund 700 Plätzen – im heutigen Theater sind es 500 – genügt den Bedürfnissen unserer Stadt vollauf. Zudem ist die kantonale Dienststelle Steuern in der Nachbarliegenschaft Buobenmatt untergebracht. Diese könnte an den Seetalplatz in Emmen zügeln und so Platz schaffen für die rückwärtigen Dienste nicht nur des Theaters, sondern im Interesse des Publikums zugleich für die Administration von Lucerne Festival und LSO. Die angeblich ungenügende Verkehrserschliessung des Theaterplatzes ist ein Scheinargument. Auch dieser Platz liegt in Gehdistanz zum Bahnhof und zu den grossen Parkhäusern. Zudem: Die Zufahrt auch für Sattelschlepper zu verlangen, wie im Rahmenkonzept offenbar vorgesehen, verkennt die Realitäten eines Theaterbetriebs. Und ganz wichtig: Ein beschränkter Planungsperimeter wirkt kostendämmend; das ist in Zeiten mit grossen Sparpaketen der öffentlichen Hand ein ganz wichtiges Kriterium.

Das Haus an der Reuss als einziger klassizistischer Bau in der Stadt ist schutzwürdig. Darf es einfach abgerissen werden?
Gnekow:
Seit Jahrzehnten habe ich eine enge emotionale Bindung zum Haus. Aber wenn der Bau nach Meinung aller Fachleute nicht mehr zukunftsfähig und baufällig ist, muss er im Interesse des Fortbestandes eines Luzerner Theaterlebens einem Neubau weichen, auch wenn dies mit Verlustängsten verbunden ist. Auch der Vorgänger des KKL, das alte Kunsthaus, musste weichen, damit Neues und sehr Erfolgreiches entstehen konnte. Jüngste Umfragen haben ergeben, dass sich die Luzerner ein neues und attraktives Theatergebäude wünschen.

Könnte man das heutige Theatergebäude nicht einfach erhalten und es künftig anders nutzen?
Gnekow:
Das Haus an der Reuss ohne Theaterbetrieb erhalten zu wollen oder es anderen Kunstvermittlern zu überlassen – in spontanen Drittäusserungen war die Rede vom Kleintheater und von der freien Szene –, wäre realitätsfremd. Geradezu absurd wäre ein ersatzloser Abriss des Gebäudes zu Gunsten eines Parks. Das unüberbaute Inseli zu überbauen, um gleichzeitig am Theaterplatz eine Erholungszone einzurichten, wäre niemandem zu vermitteln. Und die Abgabe des Theaterplatzes an private Investoren käme dem Verkauf von Tafelsilber gleich.

Die Befürworter des Inseli-Standortes erwarten aus der Nähe zum KKL beträchtliche Synergieeffekte.
Gnekow:
Diese sollte man auf keinen Fall überbewerten. Für ein offenes und mehrheitsfähiges Haus gibt es keinen besseren Platz als den historisch gewachsenen an der Reuss. Damit wirken wir auch der kulturellen Ausblutung der Altstadt entgegen. Zudem: Warum sollten von der Umwegrentabilität eines Theaters nicht auch die Betriebe in der Altstadt profitieren? Die autofrei geplante Bahnhofstrasse als Flaniermeile zum neuen Theaterhaus wäre doch eine grosse Chance zur Aufwertung des linken Reussufers. Zugleich liesse sich mit der baulichen Nutzung der heutigen Brachfläche zwischen Theater und Jesuitenkirche endlich eine städtebaulich bedenkliche Lücke schliessen.

Aber ein modernes Gebäude neben die Jesuitenkirche zu bauen – wäre das nicht fast schon ein Sakrileg?
Gnekow:
Zwischen dem heutigen Theatergebäude und der Jesuitenkirche stand bis 1949 der Freienhof. Zudem sind alle vom Jesuitenorden initiierten Kirchen in eine Häuserzeile eingebunden. Aber wir sollten und wollen dem Ergebnis eines Architekturwettbewerbs nicht vorgreifen. Es wird Sache der Fachleute sein, hier eine städtebaulich überzeugende Lösung zu finden. Ich wage die Behauptung, dass es für die Architekten attraktiver und dankbarer sein wird, einen eigenständigen Theaterneubau am linken Reussufer zu planen als im Windschatten beziehungsweise im Kielwasser des KKL.

Woher nehmen Sie Ihren Optimismus? Favorit ist doch die Standortvariante Inseli-Carparkplatz.
Gnekow:
Will man Volkes Stimme eigentlich nicht wahrnehmen? Auf politischer Ebene haben sich bereits die FDP sowie die SVP für den Standort Theaterplatz ausgesprochen. Dies ist sehr wohl nachvollziehbar. Es handelt sich um einen traditionellen und bestens bewährten Platz, an dem in neuen Räumen auch in Zukunft innovatives und zugleich mehrheitsfähiges Theater vorab für uns Luzerner möglich sein wird. In Theater-affinen und kulturell interessierten Kreisen fragt man sich schon lange, warum sich die Verantwortlichen so schwer tun mit ihrem Standortentscheid.

HINWEIS
* Michael Gnekow (70) ist Rechtsanwalt und Notar in Luzern. Er war von 1996 bis 2005 Mitglied des Stiftungsrats Luzerner Theater und präsidierte während 15 Jahren, bis 2004, den Theaterclub Luzern. Gnekow hat die Stiftung Konzerthaus Luzern mitbegründet. Von 1984 bis 2014 präsidierte er zudem die Gemeinschaftsstiftung zur Erhaltung und Schaffung von preisgünstigem Wohnraum (GSW).