SALLE MODULABLE: Vision für eine Theaterinsel

Das Betriebskonzept liefert demnächst Grundlagen für den Standortentscheid. Aber eine Bilanz der bisher geführten Debatte zeigt: Klarer Favorit ist der Alternativstandort Inseli Süd.

Urs Mattenberger
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So bestechend können Kompromisse sein: Eine dem Inseli südlich vorgelagerte Salle Modulable (im Bild stünde sie hinten in der Verlängerung der Allee) würde die Grünzone mit der Idee eines Piccolo Canale zur Theaterinsel aufwerten. (Bild: Computergrafik Hiss/Heggli)

So bestechend können Kompromisse sein: Eine dem Inseli südlich vorgelagerte Salle Modulable (im Bild stünde sie hinten in der Verlängerung der Allee) würde die Grünzone mit der Idee eines Piccolo Canale zur Theaterinsel aufwerten. (Bild: Computergrafik Hiss/Heggli)

Urs Mattenberger

Die Umsetzung von Visionen in die Realität scheitert oft bereits beim ersten Schritt. Die Salle Modulable, für die der Mäzen Christof Engelhorn 120 Millionen Franken zugesprochen hatte, ist dafür ein Paradebeispiel. Vieles wies darauf hin, dass sie jetzt zum zweiten Mal an der Standortfrage scheitern könnte.

Unter anderem die aufwendige Evaluation von 20 Standorten für einen Campus mitsamt Musikhochschule stand schon in der ersten Phase nach 2007 einer zügigen Umsetzung im Weg. Und die Vision schien zu platzen, als Engelhorn starb und dessen Erben die Spende gerichtlich zurückziehen wollten.

Entscheidende Standortfrage

Umso vielversprechender schien der Neustart, als nach dem spektakulären Prozesserfolg in Bermuda das Projekt im Rahmen der Neuen Theaterinfrastruktur Luzern (NTI) 2014 neu aufgegleist wurde (vgl. Kasten). Den Lead übernahmen Kanton und Stadt Luzern, denen das Projekt die Chance für einen privat mitfinanzierten Ersatz für das Luzerner Theater bietet, das den Ansprüchen an ein Repertoire-Theater namentlich im Bereich Musiktheater nicht mehr genügt. Die Initianten hatten das Projekt abgespeckt und stellten ein Betriebskonzept in Aussicht, das den Rahmen der heutigen Theatersubvention nicht übersteigt.

Aber ausgerechnet in der für eine breite Öffentlichkeit relevanten Standortfrage zeichnete sich wieder ein zeitraubendes Lavieren ab, das sich das Projekt nicht leisten kann. Umso unverständlicher blieb, dass die Projektverantwortlichen an ihrer zurückhaltenden Öffentlichkeitsarbeit festhielten und vorliegende Standortstudien unter Verschluss halten. So wurde die Standortdebatte bislang nur durch Bürger über unsere Zeitung geführt. Ihre Vorschläge schienen die Lage zu komplizieren – mit neuen Varianten zu den offiziellen Kandidaten Theaterplatz, Inseli-Carparkplatz und Alpenquai-Schotterplatz. Aber die Ausgangslage war, dank dieser Debatte, noch nie so klar wie heute. Realistisch betrachtet ist überhaupt nur noch ein Standort im Rennen.

Sackgasse 1: Theaterplatz

Die Erkenntnis, dass ein Abriss des Luzerner Theaters ausgeschlossen ist, weil es sich in einer Schutzzone A befindet, hat formal besiegelt, was sich in einer Volksabstimmung ohnehin abgezeichnet hätte. Gegen einen Abriss wären alle, die das älteste Theater der Schweiz erhalten wollen. Hinzu kämen Stimmen, die die Jesuitenkirche nicht verbauen und den Theaterplatz für eine verkehrsfreie Bahnhofstrasse nutzen möchten. Gegen einen Abriss sind auch Kreise, die das Theater als Kulturzentrum «für alle» umnutzen möchten – vielleicht mit einem Umzug des neu positionierten Kleintheaters ins Haus an der Reuss?

Zusammen ergäbe das wohl eine gegnerische Mehrheit wie gegen den Abriss der Zentralbibliothek. Was von der Option Theaterplatz bleibt, ist die Einsicht, dass die Salle Modulable die Dimension des heutigen Theaters nicht wesentlich überschreiten darf. Es gilt nun, diese Einsicht auch an anderen Standorten ernst zu nehmen.

Sackgasse 2: Inseli-Carparkplatz

Man kann leicht nachvollziehen, wieso der Inseli-Carparkplatz der Favorit der Salle-Modulable-Stiftung war. Er war schon in der ersten Evaluation dabei und entspricht am direktesten der vom Gerichtsurteil geforderten Gehdistanz zu Bahnhof und KKL. Wie wichtig diese ist, zeigen Schätzungen des KKL, wonach «rund die Hälfte der Konzertgäste mit Zug oder Bus anreisen», wie dessen Marketingleiter Andreas Roth sagt.

Trotzdem ist auch diese Variante eine Sackgasse, weil sie die Grünoase auf jeden Fall empfindlich tangieren würde. Das Nein gegen den Abriss der Zentralbibliothek schützte auch das Vögeligärtli. Und ist ein Fingerzeig, dass eine Carparkplatz-Lösung, die die Grünfläche auf dem Inseli reduziert, in einer Abstimmung ebenfalls keine Chance hätte.

Der Ausweg: Inseli Süd

Der abgelegenere Schotterplatz beim Alpenquai spielte in der bisherigen Debatte zu Recht eine marginale Rolle. Er bietet zwar genügend Platz, aber der Fussweg dahin ist weiter als zum Theaterplatz und wesentlich unattraktiver.

In dieser verfahrenen Situation wirkte der Vorschlag des früheren Luzerner Denkmalpflegers André Meyer wie ein Befreiungsschlag. Seine Idee, das neue Theater dem Inseli südlich auf Seegrund vorzulagern, bewahrt die Vorteile des zentralen Standorts und vermeidet dessen Nachteile. Die Grünzone wird nicht nur nicht tangiert, sondern als «grüner Teppich» hin zum Theater sogar aufgewertet (Ausgabe vom 31. August 2015).

Bestechend ist die Verlagerung des Theaterhauses nach «Inseli Süd», weil sie zeigt, dass es für diesen Standortfavoriten realistische Optionen gibt. Klar hat auch sie ihre Knacknuss, weil eine Pfählung See und Ufer tangieren würde. Aber dass es da Spielraum gibt, bestätigten die Aussagen von Landschaftsschutzpräsident Urs Steiger im Gespräch mit unserer Zeitung.

Er verlangte zwar Abklärungen, inwieweit hier Unterwasservegetation tangiert würde. Aber er schloss eine Zustimmung nicht aus, wenn ökologische Ersatzmassnahmen in einem angemessenen Umfang gesprochen würden. Zudem gelte es, das öffentliche Interesse am Seeufer gegen jenes an einem Theater an dieser innerstädtischen Lage abzuwägen.

Öffentliches Interesse?

Damit spielen inhaltliche Fragen in die Standortevaluation hinein. Tatsächlich dürfte das Betriebskonzept neben dem innovativen Musiktheater, das Lucerne Festival neben Salzburg an die Spitze der grossen Klassikfestivals stellen könnte, den Charakter eines breit abgestützten städtischen Theaters betonen. Im Rahmen der NTI wird etwa abgeklärt, wie sich dieses zur freien Szene öffnen lässt. Und das öffentliche Interesse am neuen Haus dürfte dadurch gegeben sein, dass es sich stärker als das KKL ausserhalb der Spielzeiten öffnet. Vielleicht gar – endlich in Luzern – mit einem Restaurant an bester Lage am See.

Womit wir wieder bei den Visionen sind. Zu einer solchen beflügelte mich ein Besuch in der Elbphilharmonie Hamburg. Dieses ungleich grössere Konzerthaus, das fast an den explodierenden Kosten gescheitert wäre, ist zwar in den Dimensionen – und Risiken – nicht mit Luzern zu vergleichen. Aber die Vision der Schweizer Architekten Herzog und de Meuron, die es am Leben hielt, spielt mit der See-Metapher wie Nouvel beim KKL: nicht mit einem spiegelglatten, sondern wellenförmig aufgeworfenen Dach, das wilden Seegang evoziert. Von den Freiluftterrassen sieht man auf Hafenanlagen und die Elbe hinaus: Einen ähnlich atemberaubenden Ausblick könnte eine Salle Modulable bieten, die vom südlichen Ende des Inseli auf die Dampfschiffe vor der Werft und hinaus auf den Vierwaldstättersee blickt.

Vision Theaterinsel

Dass da auch nüchtern betrachtet Visionen möglich sind, zeigte die von den Architekten Frieder Hiss und Markus Heggli lancierte Idee, das Inseli mit einem Piccolo Canale wieder als Insel in Stand zu stellen (Ausgabe vom 8. März). Die Renaturierung würde im Gegenzug die Inseli-Grünzone aufwerten und käme Naturschutzanliegen entgegen. Und die Kosten für die Pfählung würden zum Teil dadurch eingespart, dass nur auf dem Inseli teure Pumpwerk-Verlagerungen wegfallen (Ausgabe vom 14. März).

Eine grüne Luzerner Theaterinsel: Wenn das keine Vision ist, die auch überregionales Publikum anziehen könnte. Und dieses braucht ein neues Theater, wenn es der Region zu einer ähnlichen Erfolggeschichte verhelfen soll wie das KKL Luzern.

Erste Entscheide

ZeitplanDas Projekt Neue Theater-Infrastruktur von Stadt und Kanton Luzern will mit der Salle Modulable ein neues, integratives Theatermodell realisieren, ab 2023 genutzt vom Luzerner Theater, Lucerne Festival, Luzerner Sinfonieorchester und der Freien Szene. Anfang April informieren die Verantwortlichen über Standorts- und Machbarkeitsstudien, die Grundlage sind für Entscheide zu Standort, Kostendach für Bau und Betrieb sowie Finanzierungskonzept. Die politischen Vorlagen zu Projektierungskrediten und Baurechtsvertrag sind auf das Sommerhalbjahr 2016 geplant. Über den weiteren Zeitplan wird ebenfalls im April informiert. Gemäss Gerichtsurteil muss bis 2018 ein spruchreifes Projekt vorliegen.

Urs Mattenberger