SAMMLUNG: In Adligenswil findet man ungeahnte Schätze

Das Tintenfassmuseum von Erhard Durrer ist mit 2000 historischen Exponaten weltweit eines der umfangreichsten seiner Art. Dabei konnte dieser früher gar nichts mit Geschichte anfangen.

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Erhard Durrer präsentiert die Schreibschatulle des französischen Kardinals Jules Mazarin. (Bild: Nadia Schärli (Adligenswil, 29. August 2017))

Erhard Durrer präsentiert die Schreibschatulle des französischen Kardinals Jules Mazarin. (Bild: Nadia Schärli (Adligenswil, 29. August 2017))

Angefangen hat alles im Jahre 1961 in einem Brockenhaus in Schwyz. «Ich habe damals zwei Tintengefässe von Soennecken gekauft», erinnert sich Erhard Durrer (77), Besitzer des Tintenfassmuseums Adligenswil. Diese seien dann erst einmal bei ihm zu Hause im Büchergestell verstaubt, bis ein Freund ihn fragte, ob er denn solche Gefässe sammle. «Ich habe mit Nein geantwortet», sagt Durrer. Das liegt nun schon 30 Jahre zurück.

Inzwischen hat Durrer das Sammelfieber gepackt. Heute stehen über 2000 Exponate in den Vitrinen des 2004 eröffneten Tintenfassmuseums in Adligenswil. Natürlich befinden sich auch die 1961 erworbenen Tintengefässe darunter.

Schatulle eines französischen Ministers

«Mein Museum ist neben einer Sammlung in Deutschland weltweit das umfangreichste seiner Art», sagt Durrer. Zu Beginn seiner Sammlerzeiten habe er die Trödelmärkte nach verlorenen Schätzen durchforstet. Schon bald hätten diese aber seinen Anforderungen nicht mehr genügt. «Die ganz seltenen Stücke findet man nicht auf den Märkten.» Nun geht er in Auktionshäuser, Fachgeschäfte oder an Messen. Bekannte Hotspots für antike Stücke gäbe es beispielsweise in München und Wien.

 Das Dorf der Museen

In Adligenswil gibt es neben dem Tintenfassmuseum auch das Feuerwehrmuseum und das Museum1 (www.museum1.ch). Dessen Initiant ist Stephan Wittmer, Künstler und Dozent an der Hochschule Luzern im Bereich Kunst & Vermittlung. Es bietet Platz für jegliche Ausstellungen zeitgenössischer Kunst.

Das Feuerwehrmuseum thematisiert die Entwicklung des Feuerlöschens bis zum Beginn der Motorisierung. Als Beispiel dafür dient die Ausrüstung der Gemeindefeuerwehr von Adligenswil. Mehr Infos dazu gibt es auf der Seite www.museums.ch unter «Museumssuche». (os) 

An einer Messe in München hat Durrer auch die lederne Schreibschatulle von Jules Mazarin aus dem Jahre 1650 erworben. Mazarin war zu dieser Zeit Kardinal sowie regierender Minister Frankreichs. «Im Leder ist vierzehn Mal das Königswappen und Monogramm in Gold eingeprägt. Dieses Stück ist ein weltweites Unikat im Topzustand.» Wer jetzt denkt, Durrer habe damit sein Pulver verschossen, täuscht sich. Hinter jedem der 2000 Sammlerstücke steckt eine einzigartige Geschichte, die er selbstverständlich samt Jahreszahlen und Namen auswendig erzählen kann. Übrigens stehen nicht nur seltene Tintengefässe in den Vitrinen. «Irgendwann habe ich begonnen, meine Sammlung mit Schriften zu ergänzen. Es macht das Ganze noch interessanter», sagt Durrer. Sämtliche Schriften in deutscher Sprache sind eigenhändig von ihm entziffert, in Neudeutsch übersetzt und niedergeschrieben worden. Dafür hat Durrer einen Kurs besucht und sich später stundenlang durch die alten Schriften gekämpft. Das Resultat: metergrosse Ordner mit antiken Schriften und ihren exakten Übersetzungen in Blockschrift.

Um einen besseren Blick auf die Sammlerstücke zu kriegen, nimmt Durrer sie beim Museumsbesuch unserer Zeitung aus den Vitrinen und Ordnern heraus. Hier eine 5,6 Kilogramm schwere, silberne Schreibkassette, in der man sämtliche Schreibutensilien aufbewahrte, da eine Mikroschrift in Elfenbein aus China, deren Zeichen nur mit einer Lupe lesbar sind, dort ein Koran, der 1536 zweisprachig in Arabisch und Persisch geschrieben wurde. «Den Schriften tut es sogar gut, ab und an einmal frische Luft zu schnappen.»

Der Platz wird langsam knapp

Bis heute habe Erhard Durrer kein einziges Stück seiner Sammlung wieder verkauft. Doch der Platz im Museum werde langsam knapp. «Darum bin ich nur noch auf der Suche nach ganz speziellen Objekten», sagt Durrer. In den eineinhalb bis zwei Stunden, die er jeweils für private Museumsführungen einrechnet, kann bei weitem nicht jede Geschichte erzählt werden.

Beim Hinausgehen kommt man übrigens an einer hölzernen Schulbank vorbei. Durrer selbst habe in der Schule nie wirklich aufgepasst, nicht einmal dem Geschichtsunterricht konnte er etwas abgewinnen. «Die Begeisterung für die verschiedenen Epochen ist erst viel später mit den originalen Stücken gekommen.»

 

Oliver Schneider

region@luzernerzeitung.ch

Hinweis

www.tintenfassmuseum.ch, Telefon: 041 371 01 00