SCHÄFER: Mit 700 Schafen durch Luzerns Landschaft

Michael Cadenazzi zieht mit einer riesigen Schafherde von Weide zu Weide. Mit dabei drei Hunde, ein Esel und das zutrauliche Lineli.

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Schäfer Michael Cadenazzi mit seiner Herde auf einem Weidefeld nahe Rain. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)

Schäfer Michael Cadenazzi mit seiner Herde auf einem Weidefeld nahe Rain. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)

Dicke Erdklumpen kleben an den Stiefeln. Der frühmorgens hart gefrorene Boden hat sich in der Nachmittagssonne in einen matschig weichen Teppich verwandelt. «Das mögen wir gar nicht. So verdreckt das Gras, und die Schafe fressen es dann nicht mehr gerne. Besser ist es, wenn alles schön gefroren ist», sagt Michael Cadenazzi. Der 44-jährige Wanderhirte aus Hospental UR ist wieder auf den Winterweiden im Kanton Luzern unterwegs und zieht derzeit von Rain Richtung Sempach und Beromünster.

Vier Monate unterwegs

Die Wanderschaft mit 700 Schafen hat auf dem Littauerberg begonnen und dauert rund vier Monate. Von einem Weideplatz gehts zum nächsten. Auch wenn mal Schnee liegt, stört das die Schafe nicht. Solange die weisse Decke nicht gefroren ist, können die Tiere mit ihren Klauen den Schnee beiseite scharren, um an die Gräser zu kommen. Mit dabei sind auch die drei Hunde Stella, Fero, Merlo und Eselin Caroline, die auf ihrem starken Rücken die Zäune trägt. Jeweils beim Eindunkeln stellt Cadenazzi die Zäune auf, damit keines der Schafe verloren geht.

Die Nächte verbringt der Wanderhirte in seinem Kleinbus. Viel Komfort liegt nicht drin, aber das braucht Michael Cadenazzi nicht. «Ich habe zwar ein Handy, mit dem ich auch ins Internet kann. Aber ich benutze es nicht oft», sagt er. Mit seinem breitkrempigen Hut, dem Hirtenstab und dem bärtigen Gesicht sieht er genauso aus, wie man sich einen Schafhirten vorstellt.

Auch wenn das Leben als Wanderhirte auf den ersten Blick einsam erscheint, täuscht dies. Oft erhält Michael Cadenazzi Gesellschaft von Passanten. Beim Besuch unserer Zeitung auf der Winterweide in Rain hält er gerade mit einem Bauern einen Schwatz. Mit den Landwirten muss der Wanderhirte auskommen, wenn er die 700 Schafe auf den «fremden» Weiden grasen lassen will. «Viele Bauern schätzen es, wenn das Gras im Winter von den Schafen gefressen wird. Die Qualität der Weide ist im Frühling dadurch besser, weil das Gras gleichmässiger nachwächst», erklärt er. Andere Bauern hingegen wollen ihre Weiden nicht zur Verfügung stellen.

Im Sommer mit Familie auf der Alp

Die Sommermonate verbringt Michael Cadenazzi zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern auf der Alp. Auch in der warmen Jahreszeit ist sein Leben durch die Wanderschaft bestimmt, wenn die ganze Familie mit einer riesigen Schafherde und einer Wagenburg über die Berge zieht. Im Winter kümmert sich seine Frau Bea auf dem Heimbetrieb in Hospental um die Kinder und die Schafe, die nicht auf die Winterweide gehen.

Während Cadenazzi die Fragen beantwortet, schweift sein Blick unermüdlich über die Schafherde, die in einiger Distanz zu ihm weidet. Jede fremde Person in der Nähe lässt die Tiere unruhig werden. Nur das schwarz-weiss gescheckte Schaf Lina steuert zielstrebig auf die Besucher zu und stupst sie mit seiner weichen Nase an, um flattiert zu werden. «Lineli wurde mit der Flasche aufgezogen, darum ist es so zutraulich», sagt Cadenazzi.

Jedes einzelne Schaf im Blick

Auch während er spricht, registriert der Schäfer jede Bewegung in der Herde. Immer wieder schickt er mit lauten Pfiffen und Befehlen auf Italienisch seine Hunde zu den Schafen, um sie beisammenzuhalten oder von einer Fruchtfläche zu vertreiben. Plötzlich hält er inne. Ein Schaf inmitten von vielen Schafen für einen Laien kaum zu erkennen – liegt auf dem Rücken am Boden. «Jetzt ist es wieder aufgestanden», sagt der Schäfer kurz darauf erleichtert. «Wenn Schafe auf dem Rücken liegen, können sie sich oft nicht mehr selber umdrehen, zumindest wenn sie dick sind», erklärt er.

Wanderung mit Hindernissen

Die winterliche Wanderschaft durch den Kanton Luzern ist für den Hirten und die Tiere eine Herausforderung. Oft sind Hindernisse wie Hauptstrassen zu bewältigen, der Schäfer muss auskundschaften, wo Zäune, Bachläufe oder Fruchtfolgeflächen im Weg stehen. Und vor allem, wo es gutes Gras gibt, das die Schafe fressen dürfen. Nur ein kleiner Teil der Schafe auf der Winterweide gehört Cadenazzi. Den grössten Teil vertrauen ihm andere Schafhalter an. Während der Wanderung fressen sich die Tiere verschiedene Fleischrassen – zur Schlachtreife.

Erneut tauchen am Weiderand Leute auf. Mit einem Picknickkorb kommen eine Frau und ein Mann auf den Wanderhirten zu. Man kennt sich, man begrüsst sich mit wenigen Worten. Dem Ehepaar gehören einige Schafe der 700-köpfigen Herde. Schaf Lineli reckt neugierig seinen Kopf, lässt sich das dichte Fell kraulen und geniesst die Prozedur sichtlich.

Susanne Balli