SCHÄRER LINDER: Ein Luzerner Dessous-Geschäft behauptet sich seit 90 Jahren

Das Familienunternehmen an der Zentralstrasse setzt auf Qualität und hat eine besondere Geschichte. Neu führt es gar Männerwäsche – und hat erstmals einen Mann als Geschäftsführer.

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Geschäftsgründerin Lina Schärer-Linder beim 30-Jahre-Geschäftsjubiläum 1956 mit Tochter Irène Schärer (später Truninger), umrahmt von Mitarbeiterinnen. (Bild: PD)

Geschäftsgründerin Lina Schärer-Linder beim 30-Jahre-Geschäftsjubiläum 1956 mit Tochter Irène Schärer (später Truninger), umrahmt von Mitarbeiterinnen. (Bild: PD)

Immer mehr Fachgeschäfte in der Stadt Luzern schlossen in den vergangenen Jahren ihre Türen. Die Gründe: Online-Handel, hohe Mietpreise, Konkurrenz durch Einkaufszentren. Vom Lädelisterben ist die Rede. Dem allgemeinen Trend trotzt ausgerechnet ein Fachgeschäft für Lingerie, Dessous und Bademode, nämlich Schärer Linder in Luzerns Neustadt, an der Zentralstrasse 12, vis-à-vis vom Bahnhof.

Seit 90 Jahren ist das Unterwäschegeschäft am gleichen Standort eingemietet – mit Erfolg. Im Rahmen eines grossen Umbaus hat Schärer Linder dieses Jahr seine Verkaufsfläche um einen Drittel vergrössert. Bemerkenswert ist auch, dass sich Schärer Linder seit 90 Jahren im Besitz der gleichen Familie befindet.

Adrett gekleidet, mit akkurater Hochsteckfrisur

Es begann 1926, als Lina Schärer-Linder – eine gelernte Corsetière, die einige Jahre in Paris und England gelebt hatte – den Mietvertrag für ihr Corset-Spezialgeschäft in Luzern unterzeichnete. Damals gab es in der Deutschschweiz keine Corset-Manufaktur, in der sie als Näherin hätte arbeiten können. Deshalb eröffnete sie ihr eigenes Geschäft – mit einem kleinen finanziellen Zustupf ihres Vaters. Lina Schärer-Linder war stets adrett gekleidet, mit akkurater Hochsteckfrisur. So beriet sie tagsüber Kundinnen im Geschäft und nähte nachts im Atelier. Unterstützt wurde sie von einer Verkäuferin, einer Corse­tière und einem Kindermädchen, das in der Wohnung über dem Geschäft auf die drei Kleinen aufpasste.

«Die Corsets trafen den Nerv der Zeit», erzählen ihre Nachkommen. «Aus der ganzen Deutschschweiz reisten Kundinnen an, um bei Schärer Linder massgefertigte Corsets und Büstenhalter zu kaufen.» Bald wurde das Sortiment um Strumpfwaren und Unterröcke erweitert, bald nähten zehn Näherinnen im zweiten Stock des Gebäudes, das damals den Namen Bärenhof trug. Die älteste Tochter von Lina Schärer-Linder machte ebenfalls eine Lehre als Corsetière. «Wenn man mich als fünfjähriges Mädchen fragte, was ich werden wollte, sagte ich ‹Corsetière›», sagt Irène Truninger-Schärer heute mit einem Schmunzeln. «Das hatte in unserer Familie Tradition.» Sie übernahm das Geschäft ihrer Mutter 1987 und führte dieses bis 1998. Dann nahm ihre Tochter Brigitte Kuster – zurück nach einem dreijährigen New-York-Aufenthalt und anschliessender Ausbildung in einer Corset-Fabrikation in Paris – die Geschicke von Schärer Linder in die Hand. Trotz ihren heute 95 Jahren ist Irène Truninger immer noch oft im Geschäft und unterstützt ihre Tochter bei Büroarbeiten.

Nach 90 Jahren Schärer-Linder übernimmt nun Patrick Kuster als erster Mann das Geschäft. Während sich seine Mutter Brigitte Kuster weiterhin um den Einkauf kümmern und den Verkauf leiten wird, ist ihr Sohn für die Strategie, das Marketing und Spezialprojekte verantwortlich. Patrick Kuster hat Molekularbiologe studiert und verfügt über internationale Marketing- und Verkaufserfahrung in der Medizinproduktebranche. «Die vielen Neukunden bestätigen uns, dass das Einkaufen in einem richtigen Einkaufsladen nach wie vor ein echtes Kundenbedürfnis ist – trotz Onlinehandel», sagt er.

Ein Erfolgsrezept von Schärer Linder ist, dass es hier viele Marken exklusiv in der Zentralschweiz zu kaufen gibt. «Bei gewissen Lieferanten haben wir sogar Mitspracherecht; einige von ihnen produzieren limitierte Linien ausschliesslich für uns», erklärt Brigitte Kuster.

«Heute haben Frauen nicht mehr nur einen BH»

«Heute haben Frauen nicht mehr nur einen BH so wie früher», sagt Irène Truninger. «Sie leisten sich mehrere Stücke für unterschiedliche Anlässe. Viele Kundinnen kaufen mehrmals pro Monat bei uns ein.» Deshalb wächst das Sortiment stetig. «Nebst unseren Klassikern, wie zum Beispiel der Schweizer Marke Zimmerli, lancieren wir laufend neue Marken und Modelle, viele Kundinnen erwarten dies heutzutage», erklärt Patrick Kuster.

Dennoch bleibt einiges beim Alten: So gibt es neben modischen auch weiterhin funktionale Produkte wie formende Unterwäsche oder Prothesen-BHs. «Als Fachgeschäft versuchen wir, für jede Kundin etwas Passendes im Angebot zu haben. Wenn etwas nicht perfekt sitzt, kann es unsere hauseigene Schneiderin anpassen», sagt Brigitte Kuster. Die Mischung des Angebotes scheint zu überzeugen, Kundinnen kommen auch heute noch aus Basel oder Graubünden zu Schärer Linder.

Über die 90 Jahre hinweg hat sich der Hauptfokus jedoch mehr und mehr auf ästhetische Wäsche, Lingerie und Bademode verlagert. Diesbezüglich hat sich der Geschmack stark verändert: «Slips waren vor 90 Jahren hochgeschnitten, wurden im Laufe der Zeit aber immer tiefer», erzählt Irène Truninger-Schärer. Vor rund 15 Jahren war der String-Tanga voll in – weniger Stoff ist nicht mehr möglich. Mittlerweile sind Pantys und hochgeschnittene Slips wieder sehr gefragt. Nach dem Ausbau gibt es nun gar einen eigenen Männer-Corner. Hier gibt es qualitätsvolle Unterwäsche, Pyjamas, Bademäntel und Badehosen für Männer in verschiedenen Preislagen zu kaufen.

Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch