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Schausteller an der Lozärner Määs:
Ein Leben auf Rädern

Sie kommen aus der ganzen Schweiz und machen die Määs zu dem, was sie ist: Die Schausteller mit ihren Bahnen. Während 16 Tagen leben sie in einem provisorischen Wohnwagen-Dorf am Alpenquai Luzern – eine Reportage.
Larissa Haas
Die Familie Rodel mit Karin, Hund Zorro, Alex, Celine und Nadine in ihrem Wohnwagen. (Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 11. Oktober 2018))

Die Familie Rodel mit Karin, Hund Zorro, Alex, Celine und Nadine in ihrem Wohnwagen. (Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 11. Oktober 2018))

Frühmorgens, zwei bis drei Stunden, bevor an Schiessbuden Maxi-Plüschtiere verteilt werden und die Popmusik über den Bahnhofplatz hallt, gleicht das Luzerner Määs-Gelände einem Geisterdorf. Die Rollladen der Kassenhäuschen sind geschlossen, die Karussells stehen still, als hätte man den Stecker gezogen.

Mitten auf dem Europaplatz steht Alexander «Alex» Rodel, ein gestandener Mann, dichtes Haar, muskulöse Statur. Er trägt eine blaue Arbeiter-Hose, darunter Faserpelz. Rodel ist ein Handwerkertyp, aber auch ein wenig Cowboy, der allerdings statt Pferde einen «Polypen» bändigt. Er ist Herr der dunkelgrünen Krake, die zurzeit auf dem Europaplatz, neben dem KKL, ihre Tentakel in alle Himmelsrichtungen schwingt.

Vier Personen und ein Hund im Wohnwagen

Alex Rodel bewohnt – wie alle anderen 16 Schausteller der Määs – das provisorische Wohnwagendorf beim Alpenquai, direkt neben dem Eingang der SNG-Bootsverleihstelle. Mit dabei sind seine Frau Karin, die beiden Töchter und Hund Zorro. Die Familie nennt ein rund neun Tonnen schweres Gefährt ihr Daheim. Es ist rund 13 Meter lang und etwa 35 Quadratmeter gross. Ausser den engen Platzverhältnissen weist nichts darauf hin, dass die Wohnung anstelle eines Fundamentes einen Satz Räder besitzt. Sie ist mit allem ausgestattet, was eine vierköpfige Familie mit Hund zum Leben braucht. Im Wohnraum steht ein grosser Küchentisch, daneben eine Kaffeemaschine und ein Sofa mit Flachbildfernseher.

Vor 23 Jahren hat Karin den aus einer Schaustellerfamilie stammenden Alex Rodel kennen gelernt – und mit ihm auch das Schaustellerleben, das «nie langweilig wird». Seither touren «die Rodels» mit ihren Fahrgeschäften – neben dem Polypen gehört auch ein Kinderkarussell und der «Speed» zu ihrem Inventar – durch die Dorf- und Messeplätze der Schweiz. Sie betreiben ihren Familienbetrieb bereits in fünfter Generation. Alex Rodels Bruder, Ernst Rodel, ist ebenfalls Schausteller: «Eigentlich meine Konkurrenz, aber wir helfen einander aus.»

«Das Schöne am Schaustellerleben ist, dass du so viel siehst von der ganzen Schweiz – und du hast immer dein Zuhause mit dabei.»

Karin Rodel, Schaustellerin

Gegen 36 Wohnwagen und Campings reihen sich im Alpenquai während den 16 Määs-Tagen labyrinthisch aneinander. Viele davon sind grösser und höher als jene Wohnwagen, die man aus den Campingferien kennt. Es sind imposante, futuristische Gefährte, deren Innenausstattung – abgesehen vom Platz – genauso viel bietet, wie eine Mietwohnung oder ein Einfamilienhaus. «Das Schöne am Schaustellerleben ist, dass du so viel siehst von der ganzen Schweiz – und du hast immer dein Zuhause mit dabei», sagt Karin Rodel. Sie ist der treibende Motor hinter dem Schaustellergeschäft, erledigt Büroarbeiten, bestellt die Fahrtchips und sitzt fast täglich hinter der Kasse. Auch die beiden Töchter Celine und Nadine sind ins Geschäft ihres Vaters eingebunden: «Wir kaufen CDs, hören uns diese an und wählen die besten Songs aus, die unser Vater dann auf CD brennt und während den Fahrten abspielt», sagt Nadine.

Sie und ihre Schwester sind allerdings nur während der Schulferien mit ihrem Vater unterwegs, sonst wohnen die beiden, zusammen mit ihrer Mutter, in ihrem «permanenten» Zuhause – einem 40-Quadratmeter-Wohnwagen im Zürcher Werdhölzli-Areal, dem «Chilbidorf» der Schweiz, wo Schausteller und Artisten in Wohnwagen und Containern leben. «Klar macht es die Freunde in der Schule neugierig, wenn sie wissen, was mein Vater macht und wie ich wohne», sagt Nadine. Aber dann zeige sie Bilder von ihrem Zuhause auf Rädern und erkläre, dass es gar nicht so klein sei, wie es scheine. Für die beiden Teenager ist der Job ihres Vaters ein Job wie jeder andere auch.

Zitterpartie vor jedem Saisonstart

Die Messen und Chilbis in der Deutschschweiz sind ein hart umkämpfter Markt. Jedes Jahr beginnt für die Schausteller das Ringen um einen der beliebten Plätze von Neuem – und immer wieder ist es eine Zitterpartie. Idealerweise starte ihre Saison Ende April mit der Luga und hört Mitte November mit der Basler Herbstmesse auf, sagt Alex Rodel. Dieses Jahr seien sie aber zu einem frühzeitigen Saisonende gezwungen: Alex Rodel konnte die Verantwortlichen der Basler Messe nicht von ihren Fahrtgeschäften überzeugen – ihnen blieb deshalb ein Platz an der beliebten Herbstmesse verwehrt. «Wir haben wahrscheinlich nicht ins Konzept der Veranstalter gepasst», sagt Karin Rodel.

Deshalb kehrt die Familie bereits Ende Oktober in ihr Zuhause in Zürich zurück. Karin Rodel wird dann als Lastwagenchauffeuse arbeiten, Alex Rodel als Hausmann.

Blick auf das provisorische Wohnwagendorf der Schausteller, das während der Määs am Alpenquai steht. Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 11. Oktober 2018)

Blick auf das provisorische Wohnwagendorf der Schausteller, das während der Määs am Alpenquai steht. Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 11. Oktober 2018)

Etwas länger dauert die Saison für Schausteller Urs Welte, der mit seinem «Disco-Express» auf dem Inseli steht. Er reist bis Anfang Dezember durch die Schweiz, danach betreibt er an verschiedenen Weihnachtsmärkten «einen Crêpes-Stand mit Schnapsausschank». Sein Leben als Schausteller ist, im Vergleich zur Familie Rodel, schon fast konventionell: Welte ist während der Saison meist allein in seinem Camper unterwegs, während seine Frau und Kinder in ihrem gemeinsamen Haus in Siebnen (SZ) wohnen. Jetzt, während der Schulferien, hat auch er Besuch von seiner Familie. Für ihn ist es gerade diese Flexibilität, «Mal hier, Mal da zu sein», die er am Schaustellersein so schön findet.

Määs-Bekanntschaften an der Kasse

Es ist kurz vor halb Neun. Alex Rodel schlängelt den Weg von seinem Wohnmobil durch die labyrinthisch angeordneten Gefährte hin zu seinem Polypen neben dem KKL. Er unterzieht seine Gefährte jeweils vor dem grossen Besucheransturm einem Qualitätscheck. Eine «arbeitsaufwendige Sache», wie er sagt. So prüft er den Motor, ölt Scharniere und poliert die «mehreren Tausend» bunten Glühlämpchen, die nach Sonnenuntergang den Europaplatz erhellen.

In einer Stunde wird sich auch Karin Rodel auf den Weg zum Polypen machen. Die Familie darf jetzt schon «seit vielen Jahren» zu Gast sein an der Määs. Deswegen kennt sie sich hier auch schon bestens aus. «Den Spazierweg Richtung Tribschen habe ich schon lange für mich entdeckt», sagt sie, «ich wüsste sogar noch, wo es hier die schönsten Spielplätze gibt.»

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