SCHENKON: Im «Ochsen» wird der letzte Apéro serviert

Das Gasthaus Ochsen schliesst heute nach 103 Jahren seine Türen. Das Wirtepaar Mattmann blickt auf 45 umtriebige Jahre zurück.

Stephan Santschi
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Eine Ära geht zu Ende: (von links) Servicekraft Susi Schmid und das Wirtepaar Maria und Toni Mattmann vor dem Gasthaus Ochsen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Eine Ära geht zu Ende: (von links) Servicekraft Susi Schmid und das Wirtepaar Maria und Toni Mattmann vor dem Gasthaus Ochsen. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

«Ja, das ist schlimm für mich. Ich bin in diesem Haus geboren worden.» Toni Mattmann blickt dem Samstag mit Wehmut entgegen. Dann wird am Vormittag im Gasthaus Ochsen in Schenkon der letzte Apéro serviert. Dann endet eine Familiendynastie. Seit 1910 liegt die Traditionsschenke nämlich in den Händen der Familie Mattmann, seit 45 Jahren führt Toni den Betrieb in dritter Generation mit seiner Frau Maria. «Politische Entscheide, Gründungsveranstaltungen, geschäftliche Verhandlungen – hier ist Schenkoner Geschichte geschrieben worden», sagt Toni Mattmann.

«Jeder kam nochmals vorbei»

Die Mattmanns beenden ihr Engagement aus Altersgründen, Toni (68) und Maria (66) gehen in Pension. «Existenzängste hatten wir keine», betont Toni. Während auf dem Land vielerorts das Beizensterben grassiert, war der «Ochsen» stets gut besucht. In den letzten Monaten wuchs dem Wirtepaar der Andrang sogar über den Kopf. «Jeder wollte vor der Schliessung nochmals vorbeikommen. Das Telefon klingelte den ganzen Tag. Wir hatten jeden Mittag fast voll und waren an jedem Abend ausgebucht. Teilweise hätten wir die Gartenwirtschaft und den Innenbereich dreimal füllen können», erzählt Toni und schüttelt den Kopf. Der Blick ins Buch mit den Reservationen bestätigt die Aussage: Während der Öffnungszeiten von Dienstag bis Samstag sind die Seiten mit Namen vollgekritzelt. An der Austrinkete am letzten Sonntag waren über 200 Gäste zugegen. 80 Prozent des Umsatzes habe man in den letzten Jahren mit Nachtessen und Wein gemacht. «Wir haben Gäste zwischen 18 und 80 Jahren», erzählt Maria. Und ihr Mann Toni ergänzt: «Von heutigen Gästen besuchten uns teilweise schon deren Urgrosseltern.»

Eines der Erfolgsrezepte des «Ochsen» ist das schlagkräftige Team. Toni steht am Herd und kocht, seine Frau Maria übernimmt die kalten Gerichte und hilft Servicekraft Susi Schmid (40), welche seit über 13 Jahren zwischen den Tischen herumwirbelt. Hinzu kommen Putzfrau Marlies Schwegler (seit 36 Jahren) und Aushilfe Pia Steinmann (seit 20 Jahren). «Es wird gut gekocht. Und wir haben einen Top-Service. Diese Qualität findet man rund um den Sempachersee sonst nirgends», sagt Toni Mattmann. Susi Schmid lacht und entgegnet: «So gross ist dieser See ja auch nicht.» Man spürt es: Die Chemie im Gasthaus Ochsen stimmt. «Klar streiten wir ab und zu. Wir haben aber ein super Verhältnis», sagt Maria Mattmann.

Die Kinder haben andere Pläne

Dass der «Ochsen» die Schlüsselmomente der Gastronomie, wie die Herabsetzung der Promille-Grenze, die Abschaffung der Spielautomaten oder das Rauchverbot, überstanden hat, liegt aber nicht nur an der Hausspezialität, dem Entrecôte mit Café-de-Paris-Sauce, oder dem süffigen Weisswein Villette. Zu finden ist hier auch eine heimelige, gastfreundliche und grosszügige Atmosphäre. Stammgäste erhielten regelmässig etwas umsonst. Und dann war da der Apéro, der sich als Markenzeichen etabliert hat. Täglich traf sich ab 11.15 Uhr vor dem Mittagessen eine bunte Gesellschaft zu Gesprächen über Politik, Wirtschaft, Schwingen oder den FC Luzern. Unvergessen seien die 33 Austragungen des Burgschiessens sowie der Autobahnbau zwischen 1973 und 1981. Schützen beziehungsweise Arbeiter brachten die Gastronomen an die Kapazitätsgrenze.

Eine Fortsetzung im «Ochsen» gibt es nicht. Der Nachwuchs der Mattmanns, Sohn Reto (Manager Swissporarena) und Tochter Claudia, haben andere Pläne. «Das verstehen wir. Wer will schon für einen Hungerlohn chrampfen», sagt Maria. Mit ihrem Mann käme sie pro Woche auf 150 bis 160 Arbeitsstunden. «Ein riesiger Aufwand für einen mittleren Ertrag», bemerkt Toni. «Meinen Lohn betrachte ich als Durchhalteprämie», sagt die Serviceangestellte Susi Schmid mit einem Schmunzeln.

Die Wohnung im Neubau

Vorderhand bleibt das Wirtepaar im Obergeschoss des Gebäudes wohnen. Obwohl die Überbauungspläne des ehemaligen Schenkoner Dorfkerns noch nicht abgeschlossen sind, ist der Abriss des rund 500 Jahre alten und baufälligen Gebäudes unausweichlich. Wenn möglich, wolle man an selber Stelle mit den Kindern einen neuen Block bauen.

Ideen, wie die Pension aussehen wird, gibt es genug. Die Rede ist von erholen, reisen, jassen, fischen, baden, Tennis spielen – «oder Einladungen annehmen. Davon mussten wir jährlich zwischen 20 und 30 ausschlagen», so Toni Mattmann. Die Vorfreude auf eine Zeit ohne die Hektik der Gastronomiebranche und die grosse Wertschätzung der Gäste erleichtern den Mattmanns den Schlusspfiff nach 45 Jahren.