Die Passagierflaute wird prekär: Die SGV passt den Fahrplan massiv an – und zieht Entlassungen in Betracht

Die Covid-19-Pandemie torpediert die Schifffahrt – und mit ihr die Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV). Weil sich das Passagieraufkommen stark dezimierte, reduzieren die Verantwortlichen den Herbstfahrplan und gehen von gravierenden Umsatzeinbussen aus.

Pascal Studer & Pablo Mathis
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Die Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV) zieht die Reissleine. Weil sich seit Juni im Vergleich zum Vorjahr die Passagierzahl fast halbiert hat, passen die Verantwortlichen das Angebot im Herbstfahrplan an: Ab kommendem Montag wird das Fahrplanangebot um 30 Prozent reduziert. Vor allem die Linien Richtung Alpnachstad und Küssnacht, aber auch die Hauptlinie Luzern–Flüelen sind betroffen. Keinen Einfluss hat die Fahrplanreduktion aber auf die Dampfschiff-Einsätze.

Das Motorschiff Flüelen legt am Steg im Lido Luzern an. Die Auslastung ist klein.

Das Motorschiff Flüelen legt am Steg im Lido Luzern an. Die Auslastung ist klein.

Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 30. Juni 2020)

«Massiv» sei der Passagierrückgang, geht aus der Mitteilung der SGV am Montag hervor. Werner Lüönd, Leiter Marketing und Sales, sagt: «Einen Passagierrückgang in einem solchen Ausmass haben wir noch nie erlebt.» Die Zahlen, die Lüönd nennt, sind tatsächlich bemerkenswert: Während die SGV vom 1. Januar bis 31. August 2019 insgesamt rund 2,1 Millionen Passagiere gezählt hatte, waren es im selben Zeitraum in diesem Jahr noch etwas mehr als 900'000. «Vor allem die ausländischen Gäste sind in diesem Jahr praktisch komplett ausgeblieben», erklärt Lüönd. Zur Einordnung: Jeder dritte Gast bei der SGV kommt aus dem Ausland.

Hemmt die Maskenpflicht die Gäste?

Aufgrund der Coronapandemie waren aber nicht nur ausländische Gäste weniger auf dem Vierwaldstättersee unterwegs. Auch Schweizerinnen und Schweizer haben das Angebot der SGV weniger genutzt. Das Wegbleiben dieser Gäste ist gemäss Lüönd ebenfalls verheerend. Er sagt: «Nicht nur das Ausbleiben von Touristinnen und Touristen, sondern auch die Zurückhaltung der Schweizer mit Schifffahrten während der Coronapandemie haben zur Passagierflaute beigetragen.»

Ein weiterer Grund, den Lüönd ins Feld führt, ist die Maskentragepflicht. Diese gilt seit dem 7. Juli im öffentlichen Verkehr – also nicht nur in Zügen und Bussen, sondern auch in Bergbahnen, Seilbahnen und Schiffen. Sogar auf den Aussendecks der Schiffe müssen Mitarbeitende und Gäste den Mundbereich bedecken. Ausgenommen vom Maskenobligatorium ist der kulinarische Bereich an Bord – dort gilt das Schutzkonzept der Gastronomie.

Leere Schiffe – nicht nur während des Shutdowns.

Leere Schiffe – nicht nur während des Shutdowns.

Bild: Nadia Schärli (Luzern, 17. März 2020)

Für die SGV ist dies ein Dorn im Auge. Lüönd erklärt: «Eine Schifffahrt ist ein Erlebnis. Die Gäste wollen den Wind spüren und die Natur erleben.» Anhand der Entwicklung der Zahlen würde man zudem sehen, dass sich das Passagieraufkommen seit Anfang Juli merklich verringert habe. Lüönd betont:

«Aufgrund der Maskenpflicht ist die Nachfrage um bis zu 20 Prozent gesunken.»

Gewaltiger Ertragseinbruch

Die SGV stellt sich daher klar gegen das Maskenobligatorium. Lüönd sagt: «Wir plädieren für eine Aufhebung dieser Schutzmassnahme.» Eindeutig ist nämlich, dass Corona die Schifffahrt torpediert. So hatte die Tavolago AG – ein Luzerner Gastronomieunternehmen und Tochtergesellschaft der SGV Holding AG – kürzlich rund zwei Dutzend Mitarbeitende entlassen. Die Kündigungen stehen in direktem Zusammenhang mit dem massiven Passagierrückgang der SGV. Lüönd erklärt: «Teil des Geschäfts von Tavolago ist die Schiffsgastronomie. Das Ausbleiben der Gäste trifft natürlich auch diesen Bereich.»

Doch wie stark wirkt sich die Passagierflaute auf das Betriebsergebnis der SGV aus? Ein Blick auf die vergangenen Jahre zeigt nämlich, dass seit 2010 sowohl die Umsatzzahlen als auch die Gewinne mit wenigen Ausnahmen immer gestiegen sind. So konnte man in dieser Zeitspanne den Umsatz um fast 40 Prozent steigern.

Aufgrund von Covid-19 findet dieser Anstieg nun allerdings ein jähes Ende. Die Verantwortlichen gehen für dieses Jahr von einem Verlust im hohen einstelligen Millionenbereich aus. Sanierungsmassnahmen sind nicht ausgeschlossen. Lüönd stellt zudem klar:

«Wir rechnen mit einem massiven Ertragseinbruch von bis zu 15 Millionen Franken.»

Sparmassnahmen unausweichlich

Nach mehreren erfolgreichen Jahren muss die SGV den Gürtel nun merklich enger schnallen. Wegen Corona ist Sparen angesagt – und zwar an allen Ecken und Enden. Aufgrund des reduzierten Angebots sieht sich die SGV zunächst gezwungen, den Anteil der Kurzarbeit auf bis zu 30 Prozent zu erhöhen.

Dies alleine dürfte jedoch nicht reichen, um den akuten Engpass zu überbrücken – zumal das Konzept der Kurzarbeit grundsätzlich nicht für einen längeren Zeitraum angedacht ist. Lüönd betont: «Die Unsicherheit ist latent.» Die SGV prüft daher Kostensenkungen in allen Bereichen. Mit einer vollständigen Normalisierung der Lage rechnet Lüönd nämlich frühestens in drei Jahren. Er sagt: «Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass wir Leute entlassen müssen.» Dies sei allerdings die «letzte Konsequenz» und wolle man in der anstehenden Budgetphase möglichst vermeiden.

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