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SCHLACHT BEI SEMPACH: Gedenkfeier: «Es ist besser Wunden zu vermeiden, als sie zu heilen»

Die Schlacht bei Sempach jährt sich heuer zum 631. Mal. Mit einem feierlichen Einzug und Predigern, die ins Gewissen reden – so wurde gestern der sogenannten Geburtsstunde des Kantons Luzern gedacht.
Alte Kämpfer ziehen durch Sempach. (Bild: Jakob Ineichen, Sempach, 2. Juli 2017)

Alte Kämpfer ziehen durch Sempach. (Bild: Jakob Ineichen, Sempach, 2. Juli 2017)

«Trittst im Morgenrot daher» – der ökumenische Gottesdienst in der Kirche St. Stefan endet wie gewohnt mit dem gemeinsamen Anstimmen des Schweizer Psalms. Zweieinhalb Stunden davor hat die Gedenkfeier für die Schlacht bei Sempach ebenso traditionell begonnen, nicht mit Morgenrot, sondern mit dem Morgenbrot. Mädchen in mittelalterlichen Gewändern zogen ihre Holzkarren durch das Sempacher Städtchen und verteilten Frühstücksbeutel mit Brot, Käse, Butter, Konfitüre und einem Kaffee-Gutschein. «Die Leute schätzen das sehr und sind teilweise überrascht, dass es nichts kostet», berichtet Marietta Bieri.

Sie gehört zu den drei Familien, welche die insgesamt 800 Päckchen abgefüllt haben. «Normal wären es 1000, aber heute erwarten wir wegen des schlechten Wetters nicht so viel Volk.» Tatsächlich hält sich der Aufmarsch in Grenzen, manch einer greift sich das Gratis-Zmorge und geht wieder nach Hause.

«Was machen die?» – «Sie kämpfen!»

Jene, die bleiben, warten auf die Fortsetzung der Feierlichkeiten. «Jetzt sollte dann die Ansprache des Stadtpräsidenten anfangen», sagt ein Rentner und blickt ungeduldig auf seine Uhr. Doch Franz Schwegler spricht nicht. Wegen der Sparmassnahmen des Kantons? «Nein», antwortet er später und lacht. «Wegen des Regens ist die Infrastruktur in der Festhalle eingerichtet worden. Der Luzerner Regierung sind wir sehr dankbar, dass sie trotz des Dilemmas mit dem Budget an unserem Anlass festhält.» In corpore erschienen sie gestern, die fünf Luzerner Regierungsräte. «Das tun sie sonst an keinem öffentlichen Anlass», freut sich Schwegler über die Bereitschaft, sich auf die eigenen Wurzeln zu besinnen. Schliesslich gilt die Schlacht bei Sempach vom 9. Juli 1386 als Höhepunkt der Schweizer Habsburgerkriege und als Geburtsstunde des Kantons Luzern.

Kurz darauf geht er los, der feierliche Einzug vom Luzernertor ins Städtchen und weiter bis zur Kirche. Begleitet von Trommelklängen, Querflötentönen und Marschmusik ziehen sie vorüber, die Träger der Fahnen aller Luzerner Gemeinden und lassen den einen oder anderen rätselnd zurück: «Ist dies das Willisauer Wappen? Ach nein, das hätte ja einen Löwen drauf.» Noch mehr Aufmerksamkeit ziehen die Krieger mit Helm, Lanze, Hellebarde und Armbrust auf sich. «Was machen die?» ruft ein Knabe. «Sie kämpfen!», antwortet der Vater. Nicht heute freilich, aber eben damals, als man sich den vermeintlich überlegenen Österreichern zur Wehr setzte. Dass sich die Gedenkfeier nicht auf eine fröhliche Party reduziert, dafür sind später auch die Redner am Gottesdienst besorgt. «Vergessen wir nicht, dass gespaltene Helme auf dem Schlachtfeld zurückblieben, dass Fahnen mit Blut beschmiert waren und Herzen gebrochen wurden, weil man vergeblich auf die Rückkehr eines Kämpfers wartete», mahnt Pfarrer Hans Weber und rät: «Nutzen wir den Tag als gute Übung, wieder einmal mit dem Herzen hinzuschauen.»

Stadtpräsident freut sich über gehaltvolle Reden

Wer dazu bereit war, dem machten die anschliessenden Ausführungen von Festprediger Josef Estermann Eindruck. Er ist der Leiter des Romero-Hauses Luzern, das sich in der Schweiz und international für Bildung einsetzt. «Wunden heilen tut gut, sie zu vermeiden allerdings ist besser», sagt er mit Blick auf die globale Armut. Auch der Schweizer sei keineswegs frei von Schuld, gar als Komplize der Räuber dieser Welt bezeichnet er ihn. Was also kann man tun? «Stimmen Sie für die Konzernverantwortungsinitiative, um Schweizer Firmen auch bei ihren Auslandtätigkeiten zum Schutz der Menschenrechte und der Umwelt zu verpflichten», empfiehlt Estermann. «Oder wenn sie ein neues Mobiltelefon brauchen, kaufen sie ein Fairphone, bei dessen Herstellung keiner auf der Strecke bleibt.»

Auch die Rede des frisch gebackenen Regierungspräsidenten Guido Graf zur Missachtung des Kriegsvölkerrechts in Syrien und jene von Ständerat Damian Müller, der sich in Wirtschaft und Politik für Offenheit, Fairness und Respekt ausspricht, tragen vor allem ethische und weniger feierliche Züge. Das wertet Stadtpräsident Schwegler positiv, ihn freut die Tatsache, dass sich die abgespeckte Version der Gedenkfeier ohne Marsch zum Schlachtfeld und ohne Mittelalterfest etabliert.

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

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