Analyse

Schlechte Noten für das Stadtluzerner Sek-Modell: Eine zukunftsgerichtete Schulpolitik sieht anders aus

Eine Studie legt grosse Schwächen des Stadtluzerner Sekundarschulsystems zutage. Nun kann die Stadt nicht einfach weitermachen wie bisher.

Robert Knobel
Drucken
Teilen
Die Stadt Luzern ist die erste grosse Gemeinde, welche die Integrierte Sek nicht aus Ressourcengründen, sondern aus pädagogischen Überlegungen eingeführt hat. Die erste Zwischenbilanz ist jedoch ernüchternd.

Die Stadt Luzern ist die erste grosse Gemeinde, welche die Integrierte Sek nicht aus Ressourcengründen, sondern aus pädagogischen Überlegungen eingeführt hat. Die erste Zwischenbilanz ist jedoch ernüchternd.

Symbolbild: Boris Bürgisser

Seit vier Jahren wird in der Stadt Luzern nach dem Modell «Integrierte Sek» unterrichtet. Dabei werden die Sekundarschulklassen nicht mehr nach Leistungsniveau getrennt. Vielmehr sitzen jeweils Schülerinnen und Schüler aus allen drei Niveaus (A, B und C) in derselben Klasse. Das Modell mit den Mischklassen wurde bisher ausschliesslich von kleinen Gemeinden gewählt, deren Schülerzahlen zu gering sind, um drei separate Leistungsklassen zu führen. Die Stadt Luzern ist die erste grosse Gemeinde, welche die Integrierte Sek nicht aus Ressourcengründen, sondern aus pädagogischen Überlegungen eingeführt hat. Hinzu kommt, dass Luzern noch einen Schritt weiter geht als andere Gemeinden mit dem Integrierten Modell: So werden auch die wichtigen Fächer Deutsch und Mathematik in der Mischklasse unterrichtet. Einzig für die Fremdsprachen wird die Klasse nach Leistung separiert.

Die erste Zwischenbilanz ist ernüchternd – zu diesem Schluss kommt eine Studie der Pädagogischen Hochschule St. Gallen, welche das Stadtluzerner Schulmodell unter die Lupe genommen hat (wir berichteten).

Was die Studienautoren in zahlreichen Befragungen von Lehrpersonen, Schülern und Eltern festgestellt haben, muss zu denken geben. So ist teilweise von einem «signifikanten Leistungsabfall» die Rede. Leistungsstarke Schüler des Niveaus A müssen den schwächeren Klassenkameraden helfen, anstatt dass sie mit Zusatzaufgaben ihrem Niveau entsprechend gefördert werden. Nichts gegen Solidarität unter Schülerinnen und Schüler. Aber die adäquate Förderung von starken und schwachen Kindern ist in erster Linie Aufgabe der Lehrpersonen. Kein Wunder beklagen diese, dass insbesondere die ganz Starken und die ganz Schwachen zu den Verlierern dieser Schulreform gehören: Während die A-Schüler mit dem Schulstoff unterfordert sind, fehlt den C-Schülern der für sie wichtige Fokus auf handwerkliche Fähigkeiten. Generell sei eine adäquate Förderung der Schwächsten mit den vorhandenen Ressourcen so gut wie unmöglich. Eltern beklagen zudem, dass A-Schüler ihr Leistungspotenzial oft nicht ausschöpfen, weil sie Angst haben, innerhalb der Klasse als Streber abgestempelt zu werden.

Dieses kritische Urteil erstaunt nicht. In der Primarschule, wo ausschliesslich integrativ unterrichtet wird, sind die Probleme dieses Modells längst bekannt: Lehrpersonen kommen ans Limit, weil sie die extrem unterschiedlichen Niveaus nicht unter einen Hut bringen können. Und leistungsstarke Schüler werden in ihrer Entwicklung gebremst. Auf Sekundarstufe sind solche Experimente besonders heikel, geht es doch um den Übertritt ins Berufsleben. Firmen beklagen heute schon das oft ungenügende Niveau der Lehrstellen-Bewerber. Gerade in der Sek müsste die Schule alles dafür tun, um gute Schülerinnen und Schüler zu fördern.

Doch in der Stadt Luzern ziehen es viele Eltern von leistungsstarken Primarschülern vor, ihre Sprösslinge direkt ins Gymnasium zu schicken. Sie haben offenbar kein Vertrauen, dass ihre Kinder in der Sek auf ihre Kosten kommen. Kein Wunder tritt mittlerweile jeder dritte Stadtluzerner Primarschüler direkt in die Kantonsschule über - ein Rekord innerhalb des Kantons. Die Gymi-Quote war zwar schon immer in der Stadt höher als auf dem Land. Aber in den letzten Jahren ist sie in der Stadt Luzern regelrecht emporgeschnellt. Auch wenn die Stadt einen Zusammenhang zwischen Gymi-Quote und Einführung der Integrierten Sek bisher bestritt, so liegt nach Vorliegen der Evaluation doch auf der Hand, dass es eine Kurskorrektur braucht.

Doch statt die Notbremse zu ziehen, klammert sich die Stadt an die wenigen positiven Aspekte, welche die Studie ebenfalls erwähnt: Grundsätzlich sei das Schulklima gut, der Zusammenhalt unter den Kindern und Lehrpersonen ebenfalls. Diese Erkenntnisse sind zwar erfreulich – aber wohl eher dem Engagement der Lehrpersonen zu verdanken als der Einführung des neuen Modells. Zu denken geben muss auch folgendes Fazit aus der Studie: Man empfehle der Stadt zwar keine Rückkehr zum alten Modell. Dies aber nicht etwa, weil man von der Integrierten Sek überzeugt wäre, sondern vielmehr, weil eine erneute Totalreform des Schulsystems zu viel Unruhe bringen würde. Kurz: Da man den Weg nun einmal eingeschlagen habe, müsse man ihn halt auch zu Ende gehen und das Beste daraus machen. Keine Frage: Eine zukunftsgerichtete Schulpolitik sieht anders aus.

Mehr zum Thema