Das Schloss Heidegg ist eines von vielen Schlössern im Kanton Luzern. (Bild: Pius Amrein, Gelfingen, 17. Oktober 2019)

Das Schloss Heidegg ist eines von vielen Schlössern im Kanton Luzern. (Bild: Pius Amrein, Gelfingen, 17. Oktober 2019)

Wem die Schlösser im Kanton Luzern gehören

Zahlreiche Schlösser, Burgen und Ruinen prägen die Landschaft im Kanton Luzern. Rund die Hälfte davon ist in privatem Besitz, die andere Hälfte in öffentlicher Hand. Ein Blick in die Grund- und Geschichtsbücher.

Julian Spörri
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Kennen Sie das Schloss Thorenberg in Littau oder die Burgruine Grünenberg in Hitzkirch? Der Kanton Luzern bietet wahrlich eine grosse Vielfalt an Burgen und Schlössern. Auf der Burgenkarte der Schweiz des Bundesamts für Landestopographie Swisstopo sind 23 Schlösser und Burgen, 14 Burgruinen und drei mittelalterliche Wohntürme auszumachen. Dazu kommen weitere schlossartige Herrenhäuser, die nicht auf der Burgenkarte verzeichnet sind. Die Einträge auf dieser Spezialkarte beschränken sich nämlich auf Objekte aus dem Mittelalter oder solche, deren Bausubstanz im Wesentlichen aus jener Zeit stammt.

«Luzern stellt wie das gesamte Alpenvorland eine burgenreiche Gegend dar», bestätigt Fabian Küng, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Luzerner Kantonsarchäologie. Diese Vielfalt sei im Mittelalter entstanden: Die topographisch stark gegliederte Zentralschweiz lag damals an der Peripherie des Deutschen Reichs. Alte, zersplitterte Herrschaftsverhältnisse haben sich hier länger halten können als in anderen Teilen des Reichs. «Die vielen Burgen und Schlösser sind die Manifestation dieser kleinräumig organisierten Herrschaftsverhältnisse», sagt Küng.

Die Auswertung unserer Zeitung zeigt, dass 22 Luzerner Schlösser, Burgen und Ruinen Privaten und 18 solcher Objekte der öffentlichen Hand gehören. Allein der Kanton besitzt sieben Anwesen. Wieso ein Schloss in die öffentliche Hand fällt, habe von Fall zu Fall unterschiedliche Gründe gehabt, sagt Küng. Bei einem Konkurs der Schlossbesitzer sei das Anwesen entweder an den Staat gegangen oder veräussert worden. Jedes Bauwerk hat also eine eigene Geschichte – hier sind sieben Besonderheiten der Luzerner Bauten:

Marienburg Wikon (Wikon) – auf Käufersuche

(Bild: Pius Amrein, Wikon, 17. Oktober 2019

(Bild: Pius Amrein, Wikon, 17. Oktober 2019

Von der im 12. oder 13. Jahrhundert erbauten Burg oberhalb von Wikon ist heute wenig zu sehen: Erhalten blieb nur der Bergfried, die anderen Teile der Burg wurden abgetragen oder überbaut. Der Ausbau zum Töchterinstitut und zum Benediktinerinnenkloster Marienburg hat im 20. Jahrhundert das Erscheinungsbild der Burg massiv verändert. Im Jahr 1956 ermöglichte ein Neubau, dass 120 interne Schülerinnen aufgenommen werden konnten, ein weiterer Ausbau erfolgte 1972. Vor allem bei diesen grossen Umbauten wurden beträchtliche Teile der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bausubstanz zerstört. Der Um- und Abbau von Burgen war früher weit verbreitet (siehe Kasten). In der Marienburg leben seit Anfang dieses Jahres keine Benediktinerinnen mehr, weil diese in das Frauenkloster Sarnen umgezogen sind. Was aus der leer stehenden Marienburg wird, ist gemäss Hanspeter Kiser, Präsident der Stiftung Ora et Labora aus Sarnen, noch offen. Die Schwesterngemeinschaft Wikon plane, die gesamte Liegenschaft zu veräussern.

Wasserschloss Wyher (Ettiswil) – das einzige Wasserschloss

(Bild: Nadia Schärli, Ettiswil, 17. Oktober 2019)

(Bild: Nadia Schärli, Ettiswil, 17. Oktober 2019)

Im Kanton Luzern gibt es nur ein einziges erhaltenes Wasserschloss: Das Schloss Wyher in Ettiswil, in welchem heute Räume für Ausstellungen oder Hochzeiten vermietet werden. Das Schloss wurde im Jahr 1304 erstmals urkundlich erwähnt und war über lange Zeit im Besitz der einflussreichen Luzerner Familien Feer (1480 – 1588) und Pfyffer (1588 bis 1837). Nach einem Feuer im Dach des Haupthauses kaufte der Kanton Luzern 1963 die Brandruine und gründete die Stiftung Schloss Wyher für den Betrieb und Unterhalt des Schlosses. Anfangs der siebziger Jahre sorgte ein Kaufangebot von Cäcilie Christine Caroline Immaculatae Michaela Thaddäa, Altgräfin zu Salm-Reifferscheidt, und Udo Proksch für Aufruhr. Ein noch von der Regierung zu genehmigender Baurechtsvertrag hätte den Wiederaufbau auf Kosten der Bauherren und deren Nutzung für 100 Jahre vorgesehen. In der Öffentlichkeit entkeimte grosse Entrüstung, weil öffentliche Ausstellungen auf vier Wochen pro Jahr beschränkt gewesen wären – und weil die Käufer wenig vertrauenserweckend erschienen. Der Vertrag wurde schliesslich sistiert und das Wasserschloss Wyher auch dank privater Initiative erneuert. Udo Proksch wurde 1992 wegen sechsfachen Mordes verurteilt und war bis zu seinem Lebensende inhaftiert. Ihm konnte nachgewiesen werden, dass er den Untergang des Frachters «Lucona» Anfang 1977 im Indischen Ozean durch eine Ladung Sprengstoff herbeigeführt hatte, um eine Versicherungssumme zu kassieren.

Schloss Buttisholz – die lange Familientradition

(Bild: PD)

(Bild: PD)

17 Räume mit einer Geschossfläche von über 700 Quadratmetern, dazu 25 Hektaren Land und der drei Kilometer entfernte Soppensee: Das sind die Ausmasse des Schlosses Buttisholz, das 1570 durch Leopold Feer erbaut wurde. 1757 haben die beiden letzten Nachfahren der Familie Feer den Besitz in ein Familienfideikommiss zugunsten der erstgeborenen männlichen Nachkommen in der Linie ihres Schwagers Anton Rudolf Pfyffer umgewandelt. Das Fideikommiss kann weder finanziell belastet noch veräussert werden. Seit 1996 gehört das Schloss Bernhard Pfyffer-Feer – und damit dem neunten Nachfahren der Familie Pfyffer von Altishofen. Die derzeitige Besitzerfamilie bewohnt das Schloss vom Frühling bis in den Herbst. Damit die Anlage in der heutigen Pracht daherkommt, hätten er und seine Frau, aber auch eine private Stiftung und Denkmalpflegebeiträge der öffentlichen Hand Beträge in Millionenhöhe investiert, sagt Bernhard Pfyffer-Feer. Renoviert worden seien unter anderem das Schlossäussere und -innere, das Bauernhaus und der Spycher. Die Schlossanlage steht unter dem Schutz der Eidgenossenschaft und des Kantons Luzern.

Schloss Heidegg (Gelfingen) – das sehr alte Geschenk

(Bild: Pius Amrein, Gelfingen, 17. Oktober 2019)

(Bild: Pius Amrein, Gelfingen, 17. Oktober 2019)

Nach derzeitigem wissenschaftlichem Stand ist das Schloss Heidegg das älteste Wohngebäude des Kantons Luzern. Im Jahr 1192 wurde der älteste Bauteil der Burg durch die Herren von Heidegg errichtet. Heute gehört das Schloss dem Kanton Luzern. Er bekam es im Jahr 1950 geschenkt. Der Trägerverein Pro Heidegg führt im Auftrag des Kantons den Schlossbetrieb. Das Anwesen und die Parkanlage stehen der Öffentlichkeit offen. Das Schlossmuseum kann von April bis Oktober täglich besichtigt werden. Die Räumlichkeiten werden für gesellschaftliche und kulturelle Anlässe vermietet.

Schloss Schauensee (Kriens) – die geplatzte Grossüberbauung

(Bild: Pius Amrein, Kriens, 17. Oktober 2019)

(Bild: Pius Amrein, Kriens, 17. Oktober 2019)

Am 9. März 1963 marschierten rund 2000 Krienser nach Luzern zum Regierungsgebäude. Ihr Ziel: Die Mitglieder des Grossen Rats, den heutigen Kantonsrat, davon zu überzeugen, den Vertrag zum Verkauf des Schlosses Schauensee und des umliegenden Landes nicht zu genehmigen. Der in Philadelphia wohnhafte Max Meyer von der altehrwürdigen Besitzerfamilie wollte das Anwesen an die St. Galler Immobiliengesellschaft Belsa AG verkaufen. Die beiden Vertragspartner planten eine Grossüberbauung auf dem Schlosshügel. Der Protestmarsch zeigte Wirkung: die Gemeinde Kriens erwarb das Schloss aus den 13. Jahrhundert für 1,5 Millionen Franken. 1965 wurde es unter Denkmalschutz gestellt. Heute wird «das Schlössli» als Kultur- und Begegnungsstätte genutzt und für Hochzeiten oder Geburtstagsfeiern vermietet.

Burgruine Kastelen (Alberswil) – das Gemeinschaftsprojekt

(Bild: Corinne Glanzmann, Alberswil, 26. Oktober 2019)

(Bild: Corinne Glanzmann, Alberswil, 26. Oktober 2019)

Die Burgruine Kastelen in Alberswil wird von einem Verein von aktuell rund 580 Mitgliedern verwaltet. Vor 23 Jahren kaufte dieser die Ruine der damaligen Besitzerfamilie von Sonnenberg ab. Mehrheitlich seien es Privatpersonen aus dem Luzerner Hinterland, aber auch Heimwehhinterländer und Personen aus anderen Gebieten der Schweiz, die den Verein jährlich mit 20 Franken unterstützen würden, sagt Daniela Rölli, Präsidentin des Vereins Burgruine Kastelen. Daneben gehörten auch Unternehmen und Vereine zu den Mitgliedern. Mit Blick auf die Besitzerverhältnisse spricht Küng von «einer speziellen Konstellation im Kanton Luzern». Der Verein habe es geschafft, die Ruine zu sanieren und für die Zukunft zu erhalten. Auf dem Kastelenhügel wurden seit 1996 rund 1,5 Millionen Franken verbaut. Dieses Geld stammte einerseits aus Beiträgen der öffentlichen Hand und Stiftungen, zu einem grossen Teil konnte es aber über Mitglieder- und Sponsorengeldern gedeckt werden. Im Jahr 2006 wurde ein Aussichtsturm mit Zugangstreppe erstellt, was den Wohnturm aus dem 13. Jahrhundert für die Öffentlichkeit zugänglich macht.

Wohnturm Richensee – das Sorgenkind

(Bild: Corinne Glanzmann, Richensee 26. Oktober 2019)

(Bild: Corinne Glanzmann, Richensee 26. Oktober 2019)

«Im Kanton Luzern gibt es bei den Burgstellen viele Sorgenkinder», sagt Fabian Küng von der Kantonsarchäologie. Grund dafür seien Naturkräfte wie Erosion und Frost, die dem Baumaterial zusetzten. Beim im 13. Jahrhundert erbauten Wohnturm Richensee musste im Jahr 2013 ein Notdach errichtet werden, weil die Mauern akut einsturzgefährdet waren. Das Regenwasser lief von der Mauerkrone auf der Innenseite des Turms hinunter und weichte den Mauermörtel durch die ständige Feuchtigkeit auf. Der Kanton Luzern als Besitzer des Wohnturms lässt über die Dienststelle Immobilien ausrichten, dass Sanierungsvorhaben zur Sicherung der äusseren und inneren Wandflächen sowie der Mauerkrone geplant seien. Für letztere werde es vermutlich eine Lösung mit einem wenig in Erscheinung tretenden, definitiven Schutzdach geben. Bis Ende Februar 2020 soll ein Sanierungsprojekt mit einer entsprechenden Kostenschätzung erarbeitet werden.

88 Burgen sind verschwunden

Im Kanton Luzern gibt es 37 Schlösser, Burgen und Ruinen. Doch einst war die Zahl viel höher. Die Burgenkarte der Schweiz vom Bundesamt für Landestopographie Swisstopo listet zusätzlich 53 Burgstellen mit wenig oder keinen Mauerspuren und 35 vermutete Stellen ehemaliger Burgen auf. Fabian Küng, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Luzerner Kantonsarchäologie, erklärt: «Die Menschen haben Burgen vielfach abgetragen, weil diese aufgrund von Veränderungen in der Herrschaftsstruktur nicht mehr gebraucht worden sind.» Der Adel hatte im Spätmittelalter mit grossen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen, was es dem Stadtstaat Luzern und seinen federführenden Patrizierfamilien erlaubte, die Herrschaften an sich zu ziehen.

Das Mauerwerk der Burgen wurde als Baumaterial anderswo weiterverwendet. So stand in Baldegg früher eine grosse Burganlage, die im 19. Jahrhundert zur einen Hälfte abgetragen wurde und zur anderen Hälfte in den Bauten des Klosters und Töchterinstituts Baldegg aufgegangen ist. Dass heute nicht mehr alle Burgen sichtbar sind, hat gemäss Küng noch einen weiteren Grund: «Einige Anlagen haben sich nie zur Steinburg entwickelt, sondern blieben sogenannte Holz-Erd-Burgen mit Wällen, Gräben, Palisaden und Holzgebäuden.»

Ende des 19. Jahrhunderts stieg das wissenschaftliche Interesse an den Burgen, weil erkannt wurde, dass die Bauwerke Rückschlüsse über die Vergangenheit ermöglichen. Gemäss Thomas Bitterli, Geschäftsführer des Schweizerischen Burgenvereins, gewannen Bestrebungen zur Konservierung von Burgruinen an Bedeutung. Wiederaufbauprojekte hätten in der Schweiz dagegen wenig Anklang gefunden: «Viele wollten die alten Herrschaftsverhältnisse nicht wieder sichtbar machen», sagt Bitterli. Im Jahr 1927 wurde der Schweizerische Burgenverein mit dem Ziel der Erhaltung von Burgen und Ruinen gegründet. Ab den 1950er Jahren übernahmen die kantonalen Denkmalpfleger diese Aufgabe. (jus)

Hinweis: Das Ost- und Westblatt der Burgenkarte der Schweiz ist im Fachhandel oder über den Schweizerischen Burgenverein (www.burgenverein.ch) erhältlich.

Der diskrete Charme der Luzerner Patrizier

Die einst einflussreiche Luzerner Familie am Rhyn feiert ihr 500-Jahr-Jubiläum. Früher stellte sie viele Stadtpräsidenten, heute gehört ihr in der Stadt noch der historische Freihof Geissenstein. Dessen künftige Nutzung steht auf der Kippe.
Hugo Bischof