Kolumne

«Schnee von gestern»: Aber, aber, ihr lieben Leute!

Es ist ja so eine Sache mit dem Kompliment, sie sei «e Liebi», respektive er «e Liebe». Noch schlimmer ist eigentlich nur, wenn jemand als «e Nätti» oder «en Nätte» bezeichnet wird, findet Kolumnist Hans Graber.

Hans Graber
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Hans Graber.

Hans Graber.

Man muss sich nur mal darauf achten: Heisst es über eine (nicht anwesende) Person, sie sei «e Liebi» oder «e Liebe», folgt stets ein «aber…». «Si isch e Liebi, aber…» Dieses «aber…» kann einiges bedeuten, geht aber meist in Richtung dumm oder blöd. Oder beides. Dumm und blöd ist nicht dasselbe. Dumm ist das, was Sachverständige heute gerne mit dem Wort «bildungsfern» umschreiben. Wer dumm ist, ist nicht intelligent. Aber: Wer intelligent ist, kann trotzdem blöd sein, blöd daherreden und blöde Wörter erfinden.

Aussagen wie «är isch e Liebe, aber…» sind in allen Kreisen vernehmbar. Das kommt daher, weil auch dumme Menschen davon ausgehen, dass es Heerscharen von noch Dümmeren gibt. Teilweise bilden sie sich das aber bloss ein. Gemäss meinen Beobachtungen trifft es jedoch merkwürdigerweise zu, dass Dummbeutel tendenziell besser als die Gescheiten beurteilen können, ob
jemand blöd ist.

Blöd, dumm – aber immerhin lieb. Vermutlich gehören allein in der Schweiz mehrere Millionen dieser Kategorie an. Sich selber sollte man nicht voreilig davon ausnehmen. Ich glaube, dass es auch von mir da und dort heisst, ich sei «e Liebe, aber…». Unklar bleibt dabei, ob es eigentlich ein Kompliment ist, wenn man als «e Liebe» gilt. Nicht bösartig, nicht perfid und nicht nur auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, sind zwar löbliche Charaktereigenschaften, andererseits schwingen bei den Lieben oft auch «harmlos», «mutlos» und «witzlos» mit. Trübe Tassen.

Fast noch schlimmer dünkt mich, wenn man als «e Nätte» oder «e Nätti» tituliert wird. Über eine Frau zu sagen, sie sei eine Nette, kann die Gemeinte – falls sie es wüsste – zu Tode beleidigen. Übersetzt heisst das ja auch, dass ihr Äusseres nicht ganz gängigen Idealen entspricht. Bei Männern fällt das weiterhin wohl etwas weniger ins Gewicht, aber auch der als «nett» apostrophierte Mann geht am besten davon aus, dass er auf dem Beuteschema von Partnersuchenden weder erste noch zweite Wahl ist und höchstens als Sonderposten am Black Friday auf der Partnership-Plattform zum Handkuss kommt.

Ich muss mich nicht mehr auf dem Partnermarkt bewähren, aber mit zunehmendem Alter verfestigt sich meine Auffassung, dass man es zu mehr Ruhm und Reichtum bringen kann, wenn man eben «kei Liebe» ist. Sondern? Nein, nicht gerade ein abgefeimtes Ekel. Etwas Gutes sollte schon vorhanden sein, und das «aber…» sollte Positives vermuten lassen. «Eine Giftnudel, aber…», könnte es etwa bei einer Frau heissen. «Ein Schafseckel, aber…» bei mir. Wobei, vielleicht heisst es das ja längst, und ich habe nur nichts gemerkt. Nicht jeder Schafseckel bringt es halt zu Ruhm und Reichtum – was letzten Endes ja dann doch auch wieder trostreich ist.

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