Kolumne

«Schnee von gestern»: Es sind ganz haarige Zeiten

Das Leben als Risikogrüppler ist gerade etwas schwierig. Frische Luft schnappen? Getraut man sich kaum noch. Doch unser Autor hat noch ein ganz anderes Problem.

Hans Graber
Drucken
Teilen
Hans Graber.

Hans Graber.

(Bild: LZ)

Zu den vielen Veränderungen unseres Alltags gehört, dass Mails und SMS nicht mehr mit lieben Grüssen enden, sondern mit «Bleiben Sie gesund» oder «bliib gsund». Das ist gut gemeint, löst aber bei mir vor allem eines aus: Unbehagen. Wie um Himmels willen soll man gesund bleiben, wenn man pausenlos überschüttet wird mit schlechten Nachrichten, wenn rundherum Drohkulissen aufgebaut werden und von «Krieg» die Rede ist? In Spitälern wartet man auf den «Tsunami», auf praktisch unvermeidliche «Triagen». Die «Kapazität» der «Intensivstationen» wird «massiv ausgebaut», die Produktion von «Beatmungsgeräten» auf 24-Stunden-Betrieb «hochgefahren». Herr Koch wird nicht müde zu betonen, dass der «Peak» noch lange nicht erreicht sei und «weiter verschärfte Massnahmen» angeordnet werden müssten, falls die Gesamtbevölkerung jetzt nicht brav bleibe.

Als Angehöriger der «Risikogruppe» – auch so ein Wort, das die Panik bei Betroffenen zusätzlich befeuert – sitzt man wie auf einem Pulverfass und entwickelt Phobien. Man hat «Bergamo» im Hinterkopf und desinfiziert sich die Hände, nachdem sie bereits gründlich mit Seife gewaschen wurden. Und traut man sich mal ausser Haus, um sich an einem wenig frequentierten Plätzchen im Quartier unter strikter Einhaltung eines Drei-Meter-Abstands (mindestens) kurz mit einem befreundeten Paar zu treffen, wird man aus der Nachbarschaft fotografiert. Das Bild wird wohl als Beweisstück für renitente Rentner an die Polizei geschickt. Ich bin mit drauf auf dem Foto, das diese Woche an der Luzerner Bergstrasse geschossen wurde.

Nein, ich bin nicht renitent. Solange man nichts Genaues weiss, halte ich mich fast übereifrig an die Verhaltensregeln. Aber ehrlich, es nagt an mir. Ich fühle mich ohnmächtig. Probleme, zu deren Lösung ich irgend etwas beitragen kann, sind mir lieber. Solche hat man immerhin auch im Zuge der «Krise». Selber Haare schneiden zum Beispiel. Wenn es mir an etwas nie gefehlt hat im Leben, dann an Kopfhaaren. Das Problem: Sie wachsen nicht unbedingt in die Länge, sondern es spriesst seltsamerweise vorwiegend in die Breite. Schon immer, wovon aus heutiger Sicht entsetzliche Bilder aus jungen Jahren zeugen. Damals wie jetzt: Stutzen allein bringt wenig, man muss regelrecht roden. Das funktioniert nur mit Spezialscheren, und man muss sehr achtgeben, dass überall gleichmässig gerodet wird.

Seit dem letzten Besuch bei der Coiffeuse meines Vertrauens sind sechs Wochen vergangen. Auf meinem Kopf ist der übliche «Peak» erreicht. Ich muss mir wohl oder übel so eine Spezialschere besorgen und Hand anlegen. Je nach dem, was dabei herauskommt, ist denkbar, dass ich vielleicht nicht völlig unglücklich wäre über eine totale Ausgangssperre. Als bockbeiniger Senior fotografiert zu werden, reicht mir, ich möchte nicht auch noch als wandelnde Waldschneise in den sozialen Medien herumgereicht werden.