«Schnee von gestern»: Es wird schon weitergeh'n – fragt sich nur wie

Redaktor Hans Graber geht in Pension. Er bleibt unserer Zeitung aber erhalten, unter anderem mit dieser neuen Kolumne «Schnee von gestern». Zum Auftakt sinniert er über sein neues Leben als Privatier.

Hans Graber
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Hans Graber.

Hans Graber.

Keine Sorge, es besteht kein Plan, in dieser neuen Kolumne nun regelmässig abgestandene Altherren-Schmonzetten aufzutischen und über das Rentnerdasein zu klagen. Pensionär oder – schöneres Wort – Privatier zu sein, ist aber doch Neuland für mich.

Es trifft sich nicht schlecht, dass im LZ-Medienhaus seit kurzem auch die Pro Senectute zu finden ist. Überhaupt gibt es zahllose Einrichtungen, die sich Senioren verschrieben haben. Ungefragt zugeschickt werden einem zudem Magazine, etwa jenes von Kurt Aeschbacher: «50 plus». Das Blatt ist ansprechend gemacht und deckt mit Geschichten wie «Neues Liebesglück mit über 50: Was bringt das Internet?» oder «Blutegel: Medizinische Wundertiere» ein breites Spektrum ab.

Noch aufschlussreicher sind die Anzeigen. Zu finden ist Werbung für die als tiefe Einstiegshilfe dienende Badewannentür Variodoor («Einbau in jede bestehende Badewanne» oder für «myhappyend.org – Berücksichtigen Sie in ihrem Testament gemeinnützige Organisationen». Auf einer ganzen Seite kommt die Aufforderung «Trink dich gesund». Wer das missversteht und anderes als «basisches Aktivwasser» verwendet, wird weiter hinten bedient: «In vier Wochen zu einem Leben ohne Alkohol», verspricht das Spital Wattwil (Toggenburg).

Man weiss nie, wann das eigene Happyend eintritt. Die Zipperlein häufen sich allmählich– seborrhoische Keratosen sind noch die harmlosesten. Aber wie heisst es doch jeweils im Radio-Wunschkonzert: «Er liest noch täglich die Zeitung und nimmt Anteil am Weltgeschehen.» Gilt auch für mich. Diese Woche haben mich zwei Personen beschäftigt. Zum einen Carola Rackete. Eine gute Frau, finde ich, aber dieser Name?! Anscheinend ist er eine Variante des slawischen Familiennamens Rakyta, was Korbweide bedeutet. Frau Korbweide? Rackete geht mehr ab.

Der zweite Mensch: Der verstorbene Schlagersänger Costa Cordalis (75). Gott hab ihn selig. Ganz nach meinem Geschmack war sein Liedgut nie, aber dass es einer schafft, mit einem einzigen Hit («Anita», 1976) eine anhaltende Karriere zu landen und eine Finca auf Mallorca zu ersingen, verdient Respekt. Vielleicht lag es am eingängigen Namen, vielleicht auch am üppigen Brusthaar, das der Grieche früher gerne mal vorzeigte.

«Es wird schon weitergeh’n», heisst ein weniger bekannter Costa-Song, der mir in meinem neuen Lebensabschnitt als Motto dienen soll. Dankbar wäre ich aber, wenn man mich bei folgenden Anzeichen zunächst diskret ermahnt, gegebenenfalls verschärfte Massnahmen androht und wenn keine Besserung eintritt, mich schliesslich unsanft aus dem Verkehr zieht:

– Wenn ich mit nacktem Oberkörper in der Gartenbeiz sitze

– Wenn ich im Trainer einkaufen gehe

– Wenn ich mich ewig in der Hornbach-Schraubenabteilung aufhalte und einen speziellen Inbus (Sechskant) suche.

– Wenn ich in der Badi-Garderobe das Unterleibchen in die Unterhose stecke.

– Wenn ich mit Baseball-Cap herumlatsche (wie so viele ältere Herrschaften, niemals zu ihrem Vorteil)

Noch habe ich mich im Griff, und ich gehe jetzt erst einmal in die Ferien. Im Hotel ist ein «Spezialpreis für Senioren» ausgeschrieben. Das ist nett. Dass der Seniorenpreis höher angesiedelt ist als der «tagesaktuelle Bestpreis mit Frühbucherrabatt» und höher als der «Sommeraktionspreis», ist etwas seltsam. Eventuell will man testen, ob bei unsereiner noch alles dicht ist im Oberstübchen. Ohne böse Absicht selbstverständlich, bloss als Prävention. Es meinen es doch alle nur gut mit uns.