Schnee von gestern
Fremdsprachlich auf den Hund gekommen

Unser Autor verbrachte eine paar schöne Tage an der Adria. Nur mit der Sprache dort haperte es manchmal etwas. Was ein vertauschter Buchstabe so für Folgen haben kann.

Hans Graber
Hans Graber
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Vor unserem Haus hat es ein paar weisse Parkplätze. Nachts und sonntags muss man nicht bezahlen. Das steht auf einer Tafel, wird aber nicht von allen verstanden. Als ich neulich die Wohnung verliess, stand draussen ratlos eine Familie aus dem Welschland herum. Die Frau fragte mich, wie das genau sei mit dem Bezahlen. Monsieur Walter, mein Französischlehrer von einst, würde sich abermals resigniert abwenden, wenn er’s gehört hätte. Ich war nicht sein bester Schüler, aber ich glaube sein zweitliebster.

An der Maturaprüfung gab mir der Monsieur einen Steilpass für eine gute Note, indem er für mich die leichteste Aufgabe auswählte. Damit hatte ich nicht gerechnet und mich nur aufs Kniffligere vorbereitet. Aber mit erneutem Wohlwollen (bienveillance) hat es dann noch zu «knapp genügend» gereicht. Die welsche Familie hat die Sache mit der Parkuhr letzten Endes auch noch begriffen, aber Werbung für die weltläufige Touristenstadt Luzern war mein Auftritt nicht.

Strandleben an der Adria.

Strandleben an der Adria.

Bild: Walter Schwager

Dass ich trotz diverser Jahre Franzunterricht aus dem Stand kaum einen richtigen Satz auf die Reihe bringe, beschämt mich. Weniger setzt mir zu, dass ich auch des Italienischen nicht mächtig bin, schliesslich habe ich das nie gelernt. Vielleicht hole ich es jetzt im Alter nach, denn diese Sprache hat für mich einen besonderen Wohlklang. Sie verfügt über eine Reihe betörender Wörter, von denen mir mirtilli (Heidelbeeren) und primavera (Frühling) die allerliebsten sind. Zudem ist Italien ein sehr schönes Land, was eine soeben absolvierte Ferienwoche an der Adria bestätigt hat. Milano Marittima. Endlich wieder mal ein paar Tage am Meer. Ich bin unschlüssig, ob die Sehnsucht nach Meer nicht fast noch das tiefere Gefühl ist als der Aufenthalt am Meer, aber ich habe die Woche sehr genossen.

Überhaupt, Italien. Ich mag Land und Leute. Und vor allem auch die italienische Küche. Molto buona. Meravigliosa. Mich dünkt, dass man in Italien nach wie vor viel Freude hat am vielen Essen, während man bei uns am Tisch in erster Linie seinen ökologischen Fussabdruck im Hinterkopf zu haben hat und Speisen zunehmend eher als Arznei denn als Köstlichkeit wahrnimmt. Vielleicht wirken Italienerinnen und Italiener auch deshalb einfach unverzagter und attraktiver als wir. Im Durchschnitt, meine ich. Es gibt bei uns ja schon auch attraktive Leute. Aber wem sage ich das.

Entgegen früherer Gewohnheiten haben wir diesmal vorwiegend im formidablen Hotel gegessen. Man konnte sich täglich entscheiden, ob man Halb- oder gar Vollpension möchte, also pranzo (Mittagessen) und/oder cena (Nachtessen). Das pranzo haben wir immer ausgelassen, wohl auch, um einem üppigen Bäuchlein (ranzo?) vorzubeugen. Das cena haben wir fast täglich gewählt. Ich war für die Bestellungen zuständig. Am ersten Tag sagte ich an der Rezeption locker «prendiamo il cane.» Akzentfrei. Nur, il cane ist nicht la cena. «Wir nehmen den Hund», hiess meine Bestellung übersetzt. Das löste einige Irritation aus, ehe sich nach händeringendem Hin und Her alles zum Guten wendete. Dass ich an den Folgetagen neben geglückten Versuchen aus lauter Nervosität noch zwei weitere Male den Hund bestellte, kann man amüsiert zur Kenntnis nehmen. Mich macht es fertig. Ein dicker Hund.

Wieder daheim, ist mir sogleich die neue Parkuhr-Tafel vor dem Haus aufgefallen. Man muss jetzt täglich bezahlen. Das verstehen hoffentlich auch die Welschen. Fragen sollten mir erspart bleiben. Vielleicht hat beim letzten Mal ein Vertreter von Luzern Tourismus mitgelauscht. Oder der gute Geist von Monsieur Walter hat gewirkt. Jedenfalls merci beaucoup. Und vorsorglich auch grazie mille.