Kolumne

«Schnee von gestern»: Offener Brief an Mister Corona Daniel Koch

Er hat's geschafft. Mr. Corona Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit ist in Pension gegangen. Unser Autor wird ihn vermissen.

Hans Graber
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Hans Graber.

Hans Graber.

Bild: LZ

Ich kann es noch kaum fassen, sehr geehrter Herr Koch. Über Nacht sind Sie in Pension gegangen. Dabei hatten Sie versprochen, dass Sie mit dem Erreichen des 65. Geburtstags am 13. April den Bettel nicht hinschmeissen und bleiben würden, solange es Sie brauche. Ich hätte Sie noch gebraucht! «Der Kampf gegen Corona ist ein Marathon», hatte doch am 25. März Monsieur Berset verlauten lassen. Wehe, wenn die zweite Welle kommt! Wer macht dann für mich den Leuchtturm? Wer führt mich dann besonnen durch die Brandung?

Am ersten «point de presse» glaubte ich noch, dass Sie mit auf dem Podium sassen, weil Sie selber vom Coronavirus betroffen waren. Der Schweizer «Patient zero», gezeichnet noch von überstandenen Fieberschüben. Prompt aber gaben Sie Entwarnung: «Ich war schon immer etwas mager, also keine Angst.» Heute weiss ich, dass auch Ihre äussere Erscheinung Sie zur Idealbesetzung als Coronadelegierter des Bundesrates macht. Sie gaben mir ohne Worte zu verstehen, dass der Gürtel in mancherlei Hinsicht jetzt enger geschnallt werden sollte.

Apropos Bundesrat: Anders als die Magistratinnen und Magistraten, die sich je nach dem etwas gar muttimässig, selbstgefällig, gebieterisch oder gönnerhaft gaben, anders auch als dieser scharf gescheitelte Militärschädel oder dieser andere Herr, der immer über den Stand der Rückführungsflüge Bescheid wusste, vermittelten Sie, Herr Koch, für mich immer ein Stück weit Schweizer Normalität. Sie behielten an diesen Aufläufen im Berner Mediensaal stets einen kahlen... pardon: kühlen Kopf und machten trotz teils sehr beiger Anzüge und kecker Krawatten jederzeit bella figura. Und wenn Sie sich auch einmal verhaspelten, hatte selbst das Klasse. Unvergesslich Ihr Versprecher «Offenbier» statt «offenbar».

Vorgeworfen wurde Ihnen da und dort Ihre «Grabesstimme» und Ihr «gequältes Dreinschauen». Aber wie heisst doch das Sprichwort: «Der Koch soll noch geboren werden, der es jedem Gaumen recht macht.» Für mich jedenfalls war Ihr Auftreten absolut angemessen. Die Lage ist schliesslich ernst, hinzu kamen diese obermühsamen Maskenfragen der Journalisten, und überhaupt ermöglicht dieser ganze – bitte verzeihen Sie den Ausdruck – Coronascheissdreck samt allen Folgen ja gar nichts anderes, als gequält zu gucken. In Ihrem Fall aber immerhin, ohne alle Zuversicht fahren zu lassen. Das schätzte ich sehr.

Jetzt aber gehen Sie, und mir bleibt nur die seit Wochen über dem Küchentisch hängende Postkarte mit Ihrem Konterfei drauf, mich über- und hoffentlich auch bewachend. Ob das allein reicht? Etwas bänglich wünsche ich Ihnen gleichwohl, dass Sie jetzt endlich Ihren Enkelsohn herzen und sich von den Hunden Akira, Chili und Buntschi wieder durch die Könizer Wälder schleppen lassen können. Fleissig trainieren können Sie nun auch wieder für Ihre Marathon- und Halbmarathonläufe, wobei Ihnen Halbmarathons anscheinend weit lieber sind. Mir doch auch, ganz speziell in Sachen Corona, Bersets düstere Prophezeiung hin oder her.

In diesem Sinne: Alles Gute, Herr Koch. Ich erhebe das Glas und stosse auf Ihr Wohl an. Ganz offenbar mit Offenbier.

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