Kolumne

«Schnee von gestern»: Schnelle E-Bikes kratzen an meiner 18-Prozent-Marke

Beim Stichwort Velofahrer reagiert so mancher Stammtisch allergisch. Unser Autor, der sich selber gern aufs Rad schwingt, kann das Gezeter zum Teil nachvollziehen.

Hans Graber
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Hans Graber.

Hans Graber.

Wie jede Krise hat auch Corona seine Gewinner. Velohändler zum Beispiel. Man hört von Wartefristen von mehreren Monaten für eine Neuanschaffung, und wer bloss seinen alten Göppel in den Service geben will, muss sich länger gedulden als für einen Termin beim Dermatologen oder Magen-Darm-Spezialisten. Diese kriegen jetzt womöglich ihrerseits weiteren Zulauf, weil der Velo-Boom unter anderen Verkehrsteilnehmern gehäuft zu Ausschlägen und Bauchkrämpfen führen könnte.

Jedenfalls wird an klassischen Stammtischen, von denen es leider immer weniger gibt, schon seit Jahren über nichts so furios geflucht wie über «die Velofahrer». Meist werden sie in einem Zug genannt mit «den Grünen». Beide zusammen sind Auslöser für rasende Schimpfkanonaden im Crescendo-Modus, mit aufquellenden Halsschlagadern und feuerrot anlaufenden Köpfen. Auch Herz-Kreislauf-Fachärzte sind übrigens gut ausgebucht.

Obwohl selber Velofahrer, fühle ich mich kaum betupft. Zum einen, weil ich nicht aus einer Gesinnung heraus Velofahrer bin, sondern weil ich nichts anderes kann. Der Wille zum Autofahren war mal da, aber dass das nichts ist für mich, habe ich bereits während des Nothelferkurses gemerkt. Allein die Vorstellung, im Ernstfall von einem der anderen Kursteilnehmer genothelfert zu werden, hat mir genügt.

Zum anderen kann ich das Gezeter über Velofahrer teilweise nachvollziehen. Es gibt wirklich ausgekochte Idioten unter ihnen. Allerdings glaube ich, dass es in allen Verkehrsteilnehmer-Kategorien in etwa denselben Anteil von Leuten gibt, die einen Flick weghaben. Ich schätze je 18 Prozent. Das gilt sogar für Fussgänger, hat es doch unter ihnen augenscheinlich so einige, die in Ausübung der Fussgängerei neben den Schuhen stehen und als Hindernis oder öffentliches Ärgernis betrachtet werden müssen.

Ich fahre ein E-Bike, bis 25 km/h. Dieses Gefährt hat etwas Fragwürdiges an sich, steht aber in keinem Vergleich zu schnellen E-Bikes mit gelber Nummer und Beschleunigung bis 45 km/h. Ein Sonderfall, den lange gängigen Rahmen sprengend. Ich bin mir nach gleich mehreren Grenzerfahrungen in den letzten Wochen nicht mehr so sicher, ob auch da meine 18-Prozent-Marke stimmt. Es mag ja in Zeiten des Social Distancing schon sein Gutes haben, wenn man durch forsches Fahren die Mitmenschen aufschreckt und auseinandertreibt, aber muss man als schneller E-Biker wirklich überall, wo es halbwegs erlaubt ist, ans mögliche Limit gehen?

Die «Gelben» werden zumeist von etwas reiferen Herren und auch Damen gefahren, die ihre Sturm-und-Drang-Zeiten eigentlich hinter sich haben sollten. Aber womöglich in einer Art Torschlusspanik oder aus einem Gefühl heraus, jetzt endlich nicht mehr länger hintanstehen zu wollen, wird gezeigt, was man noch alles draufhat. Zur Kampfmontur gehört oft eine Leuchtweste. Das sagt schon so einiges.

Wie meine Stammtischgesellen alle in einen Topf werfen soll man nie. Dennoch ist zu wünschen, dass es auch unter den «Gelben» bei maximal 18 Prozent Blödianen bleibt, aufgrund der besonderen Eigenheiten dieses Gefährtes eher bei nur 12 Prozent. «Um schonendes Anhalten wird gebeten», heisst es jeweils seitens der Polizei in Zusammenhang mit abgängigen und verwirrten und verhaltensgestörten Personen. Gleich ganz anhalten muss ja in diesem Fall nicht sein, aber in der Tendenz ist die fromme Bitte auch hier durchaus angebracht.

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