Kolumne
«Schnee von gestern»: Trotz «Präsenzunterricht» keine Ahnung von Chemie

Durch die Pandemie hat unser Autor viele neue Wörter gelernt. Eines davon erinnert ihn an vergangene Schulzeiten - und damit auch an eine Zeit, als sein Haarschnitt noch ein Gestrüpp war.

Hans Graber
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Hans Graber.

Hans Graber.

Bild: LZ

Ich habe in den letzten Monaten Bekanntschaft gemacht mit einer Reihe von Wörtern, die mir zuvor kaum vertraut waren. Von «vulnerabel» über «R-Wert», «Hustenetikette» und «Nasenpimmel» bis hin zur «Impfstrasse». Vieles davon begreife ich nur bedingt. Vielleicht müsste ich noch einmal zur Schule. Womit wir auch schon beim «Präsenzunterricht» wären, der mich an meine Schulzeit erinnert.

Berufenere sollen darüber befinden, ob «Präsenzunterricht» jetzt noch zu verantworten ist. Ich bin Inhaber eines Lehrpatents (mit einer blanken 6 im Fach Musik!) und habe auch kurz unterrichtet, masse mir aber nicht an, Wesentliches zum heutigen Schulbetrieb sagen zu können. Ein guter Lehrer geworden wäre ich nie. Mir fehlte es an der nötigen Autorität, zudem war es mit der Vorbildfunktion nicht so weit her, und obwohl sie mich grausam nervten, hatte ich ein gewisses Verständnis für Schüler, die nur Unfug im Kopf hatten.

Als Schüler war ich mehrheitlich brav gewesen, obwohl ich zu Mittelschulzeiten wegen meiner Frisur einen verwegenen – man könnte auch sagen haarsträubenden – Eindruck hinterliess. Man hat sich das Jimi-Hendrix-mässig vorzustellen, nur nicht so schön rund, mehr ausfransend. Unter dem Gestrüpp verbarg sich aber ein eher mutloses Gemüt, ein Wirrkopf zuweilen, dem es an Selbstbewusstsein ebenso mangelte wie an Fleiss und Ehrgeiz. Immerhin, die einzige ungenügende Schulnote hatte ich mal im Zeichnen. Eine 3,5. Absolut unverdient. Eine 2 wäre angemessener gewesen.

Rückblickend finde ich, dass mir die meisten Lehrpersonen recht wohlgesinnt waren. Der, welcher mich wirklich auf der Latte hatte (und umgekehrt), hat mir schon kurz nach der Schulzeit überraschend das Du angeboten. Er hiess auch Hans, und ein Ungerader war er gar nicht. Ich auch nicht.

In Ermangelung von Seuchen habe ich immer nur «Präsenzunterricht» genossen. Dabei habe ich aber die wichtige Erfahrung gemacht, dass man trotzdem ganz woanders sein kann. Den Chemieunterricht an der Mittelschule habe ich praktisch konsequent geschwänzt. Ich wurde nicht vermisst. Womöglich hat der Lehrer – ein Herr Hildebrand – bei meinem Namen sehr gestutzt, als er die Noten ins Abschlusszeugnis schreiben musste. Was ist denn das für einer, wird er sich gedacht haben. Aber auch zu seinem eigenen Schutz liess er die Sache auf sich beruhen und gab mir gnädig eine 4. All das.

Weit häufiger ist es vorgekommen, dass ich zwar körperlich präsent war, aber gedanklich abwesend. In den oberen Stufen hat man ja allmählich andere Probleme als die Bewältigung des Schulstoffs. In meinem Fall drehte es sich unter anderem um die Planung der Weltrevolution sowie zunehmend um die Allmacht der Liebe bzw. um die bange Frage, wie man das Herz dieser oder zumindest jener Schönen erobern könnte, die einen auf dem Pausenplatz keines Blickes würdigte. Ich glaube übrigens, dass Pausenplatz und Schulweg fast die wichtigsten Bestandteile des «Präsenzunterrichts» sind.

Ich fürchte, dass das Schülerdasein heute einiges anforderungsreicher ist als zu meinen Zeiten. Ob die Schülerinnen und Schüler auch gescheiter werden als unsereiner, wird sich zeigen. Ich wünsche es ihnen. Ebenso wünsche ich ihnen aber auch Lehrer wie meinen Hildebrand, dem die Anwesenheit nicht so wichtig war, sei’s im Präsenz- oder sicher auch Fernunterricht. Er ahnte wohl, was ich heute weiss: Auch ohne Fachkenntnisse kann später im Leben die Chemie da und dort stimmen.