Kolumne

Schnee von gestern: Völlig verloren in St.Gallen

«Nur schnell Zigaretten holen gehen» und nie mehr zurückkommen. Unserem Kolumnisten ist das fast passiert – und das unfreiwillig.

Hans Graber
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Hans Graber

Hans Graber

Dreimal rechts und dann noch schräg über die Strasse, dort sei ein Kiosk mit Tabakwaren, sagte man mir. Wir sassen in einem alten Wirtshaus im Herz von St.Gallen. Erika und Urs hatten uns an zwei Tagen durch ihre Heimatstadt geführt, samt zweimaligem Bratwurst-Verzehr. Beim ersten Mal (bei Schmid) schaffte ich es – wie dort geboten – ohne Senf, beim zweiten Mal bezahlte ich dann doch lieber 50 Rappen Strafgebühr für die gelbe Beigabe. So toll sind unbefleckte St.Galler Bratwürste nämlich auch nicht in jedem Fall.

In der Stiftskirche habe ich noch um Ablass gebeten und Kerzen angezündet. Vergeblich, wie sich zeigen sollte.

St.Gallen ist an sich super, die Aussicht von Drei Weihern ist fantastisch, die Stiftsbibliothek ergreifend. Eher noch besser gefallen hat mir das Bierflaschenmuseum, wohl auch deshalb, weil keine weiteren Besucher dort waren. In der Stiftsbibliothek war ich auf engstem Raum umzingelt von einer Gruppe sehr chinesisch aussehender und teils mit Schutzmasken bewehrter Menschen. Da macht man sich aktuell als Hypochonder so seine Gedanken. Ich weiss, die Ängste sind irrational, aber gleichwohl sind sie da, Weltkulturerbe hin oder her.

Zum Kiosk. Dreimal rechts und schräg über die Hauptstrasse. Ich habe ihn gefunden. Aber – ich fand nicht mehr zurück.

Draussen begann es zu schneien. Die dicke Jacke mit dem Handy drin hatte ich in der Beiz gelassen. Deren Namen wusste ich nicht. Keinen Blassen. Zunächst irrte ich umher, geriet gefühlt zunehmend ins Abseits. Telefonkabinen gibt es keine mehr. Ich erwog, auf gut Glück jemanden auf der Strasse anzusprechen und zu fragen, ob ich kurz das Handy benutzen dürfe. Aber da ich mich bei Nervosität immer verhasple und bereits schlotterte, liess ich das bleiben, sonst wäre vielleicht die Polizei angerückt.

In der Beiz wunderten sich Frau und Freunde vorerst kaum über meine sich hinziehende Abwesenheit. Typisch Hans halt. Nach einer Dreiviertelstunde kam ihnen die Sache aber doch allmählich merkwürdig vor. Meine Frau rief auf mein Handy an. Aus meiner Jackentasche erklang «The Good, The Bad & The Ugly» (E. Morricone), mein Klingelton.

Zur selben Zeit nahm ich allen Mut zusammen und sprach – nach sorgfältiger Vorsondierung – bei «Angela» vor, einem Geschäft für Bettwaren, Damenmode und Duvets. Ich erzählte zwei mitleidenden Damen meine Geschichte und durfte telefonieren. Da meine Frau die Nummer nicht kannte, nahm sie aber nicht ab. Auch nicht beim zweiten und dritten Versuch. Die Duvet-Damen suchten im Internet nach einer «alten Beiz» und zeigten mir Bilder. Fehlanzeige. Beim vierten Telefonversuch nahm meine Frau ab – und hatte, wie so oft, wenn mir ein Malheur passiert, erst einmal einen Lachanfall. Nach 74 Minuten war ich endlich zurück in der Beiz. «National» hiess sie. Extrem weit verfehlt hatte ich sie durch meinen Irrlauf zwar nicht, aber knapp im Schilf ist auch im Schilf.

Es gibt ja diese Geschichten von Männern, die «nur schnell Zigaretten holen gehen» und nie mehr zurückkommen. Abgetaucht. Alles hinter sich lassend. In der Südsee neu beginnend. Dass bei mir die Zurückgebliebenen keine Sekunde an so etwas Verwegenes dachten, sondern im schlechteren Fall eine medizinische Notlage und im besseren Fall wieder mal irgendeine Peinlichkeit vermuteten, macht mir speziell zu schaffen.