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Kolumne

«Schnee von gestern»: Von der Geilheit der Ferien

Wie oft das Wort «geil» benützt wird, wenn in einer Gartenbeiz am Nebentisch über die neusten Ferienerlebnisse berichtet wird, das hat Redaktor Hans Graber kürzlich mitbekommen. Nur soviel: Es war inflationär.
Hans Graber
Hans Graber.

Hans Graber.

Allmählich neigt sich die Ferienzeit wieder dem Ende entgegen. Trotz teils weiterhin hochsommerlicher Temperaturen spürt man an der Bläue des Himmels instinktiv, dass der Zenit überschritten und der schleichende Abgang der grössten Jahreszeit im Gange ist. Ja, bunte Seiten hat auch der Herbst, aber ihm geht diese hochsommerliche Sorglosigkeit ab, jene zuweilen gegen Abend in heimischen Gartenlokalen sich einstellende Gemütsverfassung, dass eigentlich alles in Ordnung ist. Und wenn nicht, ist es auch egal.

Obwohl der Sommer noch nicht zu Ende ist, kann man schon mal eine erste Bilanz ziehen. Speziell über die Reisetätigkeiten. Ich musste diesmal passen, aber etwas mitreden kann ich nun gleichwohl. Denn am Nebentisch tauschte letzten Dienstag eine grössere Gruppe, wahrscheinlich 39- bis 43-jähriger Menschen, enthusiastisch und entsprechend vernehmbar ihre Erlebnisse aus. Demnach war es – ich zitiere – «geil» auf Ibiza, «geil» in Stockholm und Südschweden, «geil» im Nordosten Englands, «geil» im US-Bundesstaat Idaho (oder war’s Illinois?) und «geil» auf Zakynthos. Einzig Singapur war nahezu «zum Vergessen», gerettet wurden die Ferien dort aber, weil es immer «geiles Food» gegeben hat.

Ab und zu wurde variiert mit «krass» und «cool» und «mega», aber übers Ganze gesehen, dominierte in dieser wahrhaft beneidenswerten Runde die pure Geilheit, was auch in weiteren Aussagen über Ferienreisen vergangener Jahre zum Ausdruck kam. Wo auch immer, es war praktisch überall «geil», wobei kaum ins Detail gegangen wurde, ausser mal einer Nennung dieser «geilen» kleinen Bar oder dieses «geilen» natürlich etwas abgelegenen Strandes.

Ich habe keine Ahnung, ob heutige Volksschüler nach den Sommerferien immer noch dazu verdonnert werden, einen Aufsatz zum Thema «So waren meine Ferien» zu schreiben. Wenn ja, könnten sie sich – ganz dem twitterigen Zeitgeist entsprechend – knapp fassen: «Es war geil.» Fragt sich, ob das der Lehrperson reicht. Fragt sich obendrein, ob Schüler überhaupt in der Lage sind, das Geile erfassen zu können. Mir gelingt das selbst im fortgeschrittenen Alter nur bedingt. Ich bin kein passionierter Ferienmacher, aber auch kein sturer Verweigerer. Man muss mich jeweils etwas schubsen, doch wenn ich mal am Ziel bin, gefällt es mir in der Regel nicht schlecht in der Fremde. Aber so, wie es mir noch nirgendwo gelungen ist, «die Seele baumeln zu lassen», so habe ich es rückblickend auch noch nirgendwo als einfach geil empfunden.

Ich fürchte, es liegt an mir. Unter anderem, weil meine etwas ängstlich veranlagte und auch gottesfürchtige Mutter mir früh mitgegeben hat, dass auf Reisen Furchtbares sich ereignen kann. Unfall. Durchfall. Diebstahl. Und wenn wir durch den Gotthardtunnel fuhren oder über eine imposante Brücke im Bündnerland, zeigte sie sich stets beeindruckt ob der technischen Meisterleistungen, flüsterte aber jedes Mal seufzend hinzu, dass beim Bau sicher Arbeiter ums Leben gekommen seien. Das verfolgt mich. Hinzu kommt, dass ich in schlaflosen Nächten TV schaue und dort auf Kanälen wie Welt oder ZDF info in Bann gezogen werde von Serien wie «Mayday – Alarm im Cockpit», «Horrorflüge», «In Seenot» oder «Car Crash TV – Chaoten am Steuer». Schon der Weg in die Ferienparadiese ist voller Fährnisse und der blosse Gedanke an die Rückreise verdüstert mir jeweils die Aufenthalte an fremden Orten ein wenig.

Aber vielleicht muss man bald einmal gar nicht mehr verreisen. Es scheint ja mittlerweile überall ziemlich gleich zu sein. Ausser in Singapur. Doch 10000 Kilometer Luftlinie für geiles Food? Das kann man mit etwas Glück auch hier auskosten – wenn nebenan nicht gerade von Ferien gefaselt wird.

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