Kolumne

«Schnee von gestern»: Warn-Wahnsinn und Masken-Horror

Zeitungsartikel, die vor etwas warnen, haben gerade Hochkonjunktur. Das bringt unseren Autor zu den Masken. Er hat sich jetzt auch eine gekauft – und stellt fest, dass diese mit seinen Ohren nur bedingt kompatibel ist.

Hans Graber
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Hans Graber.

Hans Graber.

(Bild: LZ)

Gewarnt vor irgendetwas wurde zwar immer schon, aber kein Vergleich mit heute. Die Schweizer Mediendatenbank weist für die Woche vom 8. bis 14. Mai 2020 nicht weniger als 404 Zeitungs- und Zeitschriftenartikel aus, in denen die Passage «warnt vor…» enthalten ist. Noch in den Jahren 2016, 2017 und 2018 gab es im gleichen Zeitraum je rund 120 Treffer. Gewarnt wurde da etwa vor «Staus an Pfingsten» und «falschen Polizisten» (2016), vor der «Fütterung von Füchsen» und «falschen Enkeln» (2017), vor dem «Buchsbaumzünsler» und «falschen Handwerkern» (2018).

2019 stieg der «Warnt vor…»-Wert in dieser Mai-Woche eklatant an, auf über 300, bedingt vor allem durch eine mögliche Eskalation im Konflikt USA-Iran. Aber noch gab es viel Raum für Warnungen wie etwa vor einem «Bier-Engpass an der Rugby-WM in Japan» oder «falschen Gehörlosen». In Zusammenhang mit Krankheit wurde bloss vor «intensivem Knutschen» gewarnt. Einer Studie hatte gezeigt, dass «Tripper beim Küssen übertragen» werden kann. Schöne Zeiten waren das. Die Rugby-WM lag für mich ebenso weit weg wie die Möglichkeit einer Knutscherei mit einer etwas leichtsinnigen Frauenperson.

Jetzt aber, 2020, gibt es kein Entrinnen mehr. Die rekordmässigen Warnungen betreffen einen sehr direkt, und sie drehen sich fast ausschliesslich um dieses eine Thema. Die grossen Warner-Brothers sind all die Star-Virologen und Chef-Epidemiologen, denen nach Jahren tristen Labordaseins nun die Weltbühne gehört, was nicht allen gut bekommt.

Ich sehe ein, dass gewarnt werden muss, glaube aber, dass die pausenlose und vor allem oft widersprüchliche Warnerei vor der Krankheit ihrerseits krank macht. Handhygiene scheint jetzt ja plötzlich nicht mehr ganz so wichtig, dafür die noch vor kurzem als praktisch nutzlos geltenden Masken. Also habe ich mir folgsam sofort eine beschafft. Nicht 08/15, sondern eine selbstgenähte, gekauft in einem Aussenquartier an einem kleinen Strassenstand mit Kässeli. 7 Franken kostete das hübsche Ding. Mattes Himmelblau, weisse Pünktchen, ganz feiner Rotstich. Meine Farben!

Eine Anprobe vor Ort ging nicht. Zu Hause habe ich mich dann gefragt, wer wohl der Näherin Modell gestanden ist. Die kurz geratenen und steifen Gummibänder schmerzen und drücken die Ohren so nach vorne, dass sie rechtwinklig vom Kopf abstehen. Ein Sonderfall unter den vielen wunderlichen Formen der Segelohren (Apostasis otum). Aber vielleicht muss das ja genau so sein: Gewarnt vor der schrecklichen Maske, sieht das Virus in mir trotz meines fledermausartigen Aussehens nicht den geeigneten Wirt, sondern schwebt panikartig weiter.

Warnen kann nützlich sein. Aber ich hoffe doch, dass es bald wieder ganz coronafreie Warnungen gibt. Vor einem so richtig zünftigen Pfingststau zum Beispiel. Und wenn ich meine Maske weiterhin fleissig benutze, könnte ich infolge der abgequetschten Ohrlöffel in Kürze als «falscher Gehörloser» einspringen.

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