Kolumne

«Schnee von gestern»: Was Hansi zu Silvester isst

Am Kiosk wimmelt es von allerlei Magazinen. Es lohnt sich, da mal in das eine oder andere reinzuschauen. Unser Autor Hans Graber hat es getan und staunte, wie es in der Welt der Heimvogelhalter zu und her geht.

Hans Graber
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Hans Graber.

Hans Graber.

Der gedruckten Presse geht es nicht so rosig. Das gilt kaum für Magazine, die sich den geliebten Hobbys unserer Mitmenschen widmen. Modellbau, Stricken, Kochen, Blasmusik, Strassenbahnen, Tattoos, Gärtnern, Laufen, Golfen, Biken, Gamen usw. Jede Freizeitbeschäftigung ist eine kleine Welt für sich, und jede kann eine Palette von Heften vorweisen, die sich nur ihrem Steckenpferd widmen.

Grosse Kioske führen die bunten Blätter regalweise, beachtet oft nur von Insidern. Aber es ist aufschlussreich, einmal selber einzutauchen in einen solchen Spezialkosmos. Angeschaut habe ich mir das «Wellensittich & Papageien Magazin» (WPM). «Europas grösste Zeitschrift für Heimvogelhalter» erscheint sechsmal jährlich, mit je 70 Seiten. Auf Sittiche bin ich wohl gekommen, weil es unter ihnen im Gegensatz zu menschlichen Spezies nach wie vor viele Hansis gibt. Charly, Bubi, Kiwi und Coco und sind zwar noch häufigere «Welli»-Namen, aber Hansi folgt laut einer Halter-Umfrage dicht dahinter, klar vor Hugo, Paul, Fritz, Max oder Oskar; ganz zu schweigen von Bamm-Bamm, Ding-Dong, Flauschbart, Fuzzy, Zwitschi, Kucki, Kaksi und Konsorten.

Mässig interessiert im WPM hat mich die Bastanleitung für einen «Zapfenturm für Heimvögel». Beschäftigt hat mich der Beitrag über eine Frau, bei der «nach tiefgreifenden Veränderungen im persönlichen Umfeld» die Vogelhaltung völlig aus dem Ruder lief. 117 Sittiche tummelten sich in ihrer Wohnung, bis die Ärmste nicht mehr ein und aus wusste. Der alarmierte Tierschutz startete eine grosse und leider verlustreiche Rettungsaktion.

Am meisten gestaunt habe ich aber über das vorgeschlagene Silvestermenü, nicht etwa für Menschen, sondern für Sittiche. Zur Vorspeise Tomatensuppe, als Hauptgang Gemüse mit buntem Kartoffelpüree, zum Dessert «feiger» Griessbrei, zum Trinken ein Smoothie (Apfel, Birne, Orange). An der korrekten Aussprache des Wortes Smoothie scheitere ich seit Jahren, aber ich weiss, was es ist. Und natürlich hoffe ich, dass er Hansi geschmeckt hat, gleich wie die Zugabe: Sesam-Möhren-Knabberkekse. «Wellis» sind übrigens nicht strenge «Vegis», und so manch einer wäre auch dem Alkohol nicht gänzlich abgeneigt, wenn es welchen geben würde.

Silvestermenü für Wellensittiche – das hat etwas überaus Rührendes an sich, auch etwas völlig Ab- und Durchgedrehtes. Ich glaube jedoch, dass diese Pole den meisten Freizeitbeschäftigungen eigen sind. Jeder spinnt auf seine Weise. Ja, auch ich. Aber vergleichsweise scheinen mir diese hobbymässigen Macken noch recht human, und ich glaube, dass es unter dem Strich im wahren wie im übertragenen Sinne von Gutem ist, wenn jemand einen Vogel hat. Es müssen ja nicht gleich 117 sein.

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