Kolumne

«Schnee von gestern»: Wenn der Priester zum Nachtessen kommt

Hans Graber liebt Fondue und Raclette. Wobei sich das aber immer wieder kurzfristig ändern kann – was wiederum bei Einladungen delikat ist. Mit seinen Fondue-Sorgen ist Graber aber nicht allein.

Hans Graber
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Einer Gewohnheit folgend, bin ich in der Nacht auf letzten Sonntag bis um 3 Uhr wach geblieben, um die Sommerzeit bis zum Ende auszukosten. Zwar wird einem mit der Umstellung eine Stunde gegeben, aber sinnigerweise vermeldete Radio SRF Sekunden vor dem Wechsel einen Geisterfahrer und nach den Nachrichten gleich noch einmal. Was nur zeigt: Es ging in mehrerer Hinsicht in die falsche Richtung.

Das Ausharren bis zur Umstellung ist eine dumme Marotte von mir. Infolge Schlafmangels schleppt man sich elendiglich durch den Sonntag. Das Regime der Dunkelheit ist so noch schwerer zu ertragen. Passenderweise kippte am Dienstag auch das Wetter Richtung grauenhaft. Aber bei aller Düsternis sollte man immer auch das Schöne sehen. Üblicherweise beginnt in der Deutschschweiz mit der Winter- auch die Fonduezeit. Oder Raclette. Man wird nun wieder eingedeckt mit diesem TV-Spot. «E chli stinke mues es», verkündet ein bescheuerter Bartträger schallend lachend, was nicht alle am Tisch lustig finden. Mit dem Servieren von Fondue und Raclette sollte man überhaupt vorsichtig sein. Heute muss man bei Einladungen ohnehin bald jeden Menüvorschlag in die Vernehmlassung schicken. So manch einer mutiert spontan zum Vegetarianer oder leidet urplötzlich an heftigen Unverträglichkeiten.

Bei Fondue und Raclette fragen wir schon seit Jahren im Voraus, ob das recht sei. Wenn ich eingeladen werde, bin ich ebenfalls dankbar, wenn das vorangekündigt wird. Ich mag beides – aber nicht immer, wobei sich ausgeprägter Widerwille oft erst am Morgen des Tages X bemerkbar macht. Die Vorstellung, am Abend heissen Käse hinunterwürgen zu müssen, kann dann zu schrecklichen Vormittagen führen. Zum Glück legt sich das jeweils bis am Abend wieder. Meistens.

Vermutlich ihren Gast nicht gefragt hatte jene Dame vor dem Globus. Ich war mit meiner Frau unterwegs, als sie, die Dame, unvermittelt an uns herantrat und fragte, wo wir ein Fondue-Caquelon kaufen würden, wenn wir eines brauchen täten. Üblicherweise wird man von fremden Leuten auf der Strasse nur angesprochen, wenn sie Geld wollen, aber die Dame, eine gepflegte Erscheinung von vielleicht 74 Jahren, war anderweitig leicht verzweifelt. Es sei so, sagte sie, der Priester komme am Abend zu Besuch, und sie habe sich für ein Fondue entschieden. Nur verfüge sie eben noch nicht über ein Caquelon.

Unsere Empfehlung sei hier nicht verraten. Nur das: Allzu viel sollte es nicht kosten. Aber die Dame hatte weitere Sorgen: Tee oder Weisswein? Meine Frau fand Tee angemessener. Ich habe geschwiegen und für den Gottesmann gehofft, dass er immer ein Fläschchen Messwein unter der Kutte versteckt hält (und nicht von Käse-Abneigung gepeinigt ist). Zuletzt wurde auch noch die bei Fondue etwas heikle Dessert-Frage erörtert. Unser Vorschlag mit Ananas oder Birnencrème wurde dankbar aufgenommen, aber es stellte sich im Weiteren heraus, dass eine Variante bereits eingekauft war. «Vanilleglace mit Waldbeeren.» Davon wollte die Dame nicht mehr abrücken.

Zu gerne hätte ich noch gefragt, weshalb überhaupt der Priester zum Nachtessen kommt, aber der Anstand gebot es mir, abermals zu schweigen, halbwegs hoffnungsfroh, dass es nichts Schlimmes ist, aber auch nichts Delikates. Die Vorstellung, wie die Dame und der Priester am Abend bei gedämpftem Licht und wohl eher etwas anstrengenden Wortwechseln über Gott und die Welt im brandneuen Caquelon ihre Gabeln schwenkten, dazu ein paar Tässchen Tee wegsürfelten und danach sich noch an die Waldbeeren machten, hat mich irgendwie ergriffen. Rührend. Herzzerreissend. Sowas kann man nur zur Fonduezeit erleben. Aber e chli stinken darf einem diese unselige Winterzeit ja trotzdem.