SCHNEEMANGEL: Kleine Skigebiete: der Kampf ums Überleben

Immer weniger Schnee, abnehmende Skifahrerzahlen und finanzielle Sorgen machen den kleinen Skiliften in der Region zu schaffen. Während einige ihr Angebot ausbauen, droht anderen das Aus.

Livio Brandenberg
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Anton Krummenacher wartet im Kassenhäuschen des Skilifts Gfellen auf den Schnee. (Bild: Nadia Schärli (Finsterwald, 9. Dezember 2016))

Anton Krummenacher wartet im Kassenhäuschen des Skilifts Gfellen auf den Schnee. (Bild: Nadia Schärli (Finsterwald, 9. Dezember 2016))

Wer an Zentralschweizer Skigebiete denkt, dem kommen wohl zuerst Engelberg, Andermatt oder Melchsee-Frutt in den Sinn. Doch Ski fahren gelernt haben wohl die wenigsten auf den grossen Pisten. Viel eher dürften sie ihre ersten Stemmbögen und Parallelschwünge auf kurzen Hängen mit kleinen Skiliften nicht weit vom Wohnort im Flachland entfernt gemacht haben.

Viele dieser Betriebe kämpfen zunehmend ums Überleben – wenig Schnee, dafür viel Aufwand setzen ihnen zu. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Universität Neuenburg und des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung kommt beispielsweise zum Schluss, dass Skigebiete unter einer Höhe von 1500 Metern über Meer in Zukunft wegen der Klimaerwärmung einen schweren Stand haben dürften.

Kampf auch gegen administrative Hürden

So etwa auch der Skilift in Gfellen-Finsterwald im Entlebuch. Die Bergstation des Bügellifts liegt auf knapp 1300 Metern. Das kleine Skigebiet verfügt über 4,5 Kilometer Pisten. Davon ist dieses Jahr aber noch kein einziger Meter präpariert worden, es fehlt der Schnee. Auch der letzte Winter sei schwierig gewesen, «sogar katastrophal», wie Inhaber und Betreiber Toni Krummenacher sagt. Die vorherigen Winter waren durchzogen. «Unsere sonnige Lage ist ein Segen und ein Fluch», sagt er. «Zum Skifahren ist es zwar wunderschön, doch der Schnee schmilzt auch schnell wieder weg.» Krummenacher hat den Skilift Gfellen vor vier Jahren von einer Immobilienfirma übernommen und kämpft seither mit den widrigen Umständen. Dazu gehören neben dem unsicheren Wetter auch administrative Hürden. Um den unvorhersehbaren Schneeverhältnissen besser beizukommen, möchte Krummenacher eine Beschneiungsanlage mit Schneelanzen anschaffen. «Damit könnte man schon jetzt, wenn es in der Nacht unter null Grad kalt wird, die neuralgischen Stellen bearbeiten», sagt der Skiliftbetreiber. Doch die kantonale Dienststelle für Raum und Wirtschaft habe die Eingabe aus Umweltschutzgründen abgewiesen, ärgert sich Krummenacher. Fast alle Skigebiete hätten heute eine Beschneiungsanlage. «Wenn man dies einem Kleinen verwehrt, ist er zum Tod verurteilt», so der Einzelunternehmer.

Um einigermassen über die Runden zu kommen, seien in Gfellen 25 bis 30 Betriebstage nötig. Im letzten Winter waren es laut Krummenacher aber nur sechs. Von einem Gewinn sei er weit entfernt, wie er zugibt. «Der Skilift ist eine Herzensangelegenheit.» Es brauche die kleinen lokalen Skigebiete. «Wir sind diejenigen, bei denen die Kinder und Jugendlichen Ski- und Snowboard fahren lernen – und zwar günstig», so Krummenacher.

Für eine 20er-Note gibt es bei den meisten kleinen Skigebieten eine Tageskarte. Hier sehen sie auch ihre Stärke. So etwa Urs Keller, Pistenrettungschef der Seebodenalp ob Küssnacht: «Da immer weniger Leute, vor allem Städter, Ski fahren lernen, ist es wichtig, dass man dies eben günstig tun kann. Die Kinder, die bei uns das Skifahren lernen, sind Gäste von morgen in den grossen Skigebieten.» Tatsächlich wird in der Schweiz immer weniger Ski gefahren, wie Branchenstatistiken zeigen. Darunter leiden vor allem die Kleinen. Dass die Seebodenalp finanziell gut dastehe, verdanke sie dem Vereinsprinzip, erklärt Keller. Der Verein Skilift Seebodenalp führt den Betrieb, finanziert wird er durch Mitgliederbeiträge. Zurzeit habe man rund 200 Mitglieder. Das sei auch in etwa das, was es brauche, um den Skilift einigermassen wirtschaftlich zu betreiben, sagt Keller.

Gar schwarze Zahlen schreibt laut eigenen Angaben der Verein Schneesportfreunde Flühli, der den Skilift Schratten Flühli betreibt. Wie Keller sagt auch Vereinspräsident Benjamin Bucher: «Dank unserem Vereinsmodell ist unsere Zukunft gesichert.» Doch die letzten beiden Winter seien auch für das Skigebiet mit zwei Pisten und einem Kinderlift schwierig gewesen, so Bucher. Wegen des fehlenden Schnees habe man etwa die ganzen Weihnachtsferien «verpasst», wie Bucher es ausdrückt.

Skigebiete verbreitern das Angebot

Um mindestens dem Schneeschwund beizukommen, haben diejenigen Gebiete, die die Möglichkeit haben, ihr Angebot diversifiziert. So etwa das Skigebiet Sattel-Hochstuckli in Schwyz. «Wir erwirtschaften über 50 Prozent des Gesamtertrags während des Sommerhalbjahres», sagt der Geschäftsführer der Sattel-Hochstuckli AG, Simon Zobrist. Vor allem Wanderer und Familien würden angesprochen, etwa mit der Rodelbahn. Aber auch im Winter will man mehr Leute mit verschiedenen Vorlieben ansprechen: Man kann im Gebiet nicht nur Ski fahren, sondern auch winterwandern, schlitteln, und es gibt eine Schneeschuh-Route.

Auf Diversifikation setzen auch die Verantwortlichen auf der Rigi. «Ski fahren ist auf der Rigi ein sehr lokales Thema für Schüler, Familien und Rigi-Liebhaber. Mit dem Skifahren alleine werden keine Gewinne erzielt», sagt Roger Joss von der Rigi Bahnen AG. Im Winter seien deshalb «Erholungssuchende, Schlittler, Schneeschuhläufer und Winterwanderer» die Hauptzielgruppe.

«In drei, vier Jahren ist Schluss»

In einer speziellen Situation ist der Skilift Langmattli in Hergiswil NW: Er liegt unter 1000 Metern und gehört der Gemeinde. «Betriebswirtschaftlich rentabel kann eine solche Anlage auf dieser Meereshöhe nicht betrieben werden», sagt Gemeindeschreiberin Marta Stocker. Man werde nun schauen, wie lange der Lift noch durchhält. Doch sie sagt auch: «Der Skisport und das Langmattli ist bei Hergiswilern und Kennern nach wie vor beliebt, vor allem wenn dank der Pistenbeleuchtung ein Nachtskifahren ermöglicht wird.»

Toni Krummenacher vom Skilift Gfellen kann nicht auf die Hilfe einer Gemeinde als Besitzerin zählen. Er will auch kein Geld von der öffentlichen Hand. Er sagt: «Ich mache das jetzt noch drei, vier Jahre. Doch wenn ich dann nicht mindestens ein wenig besser planen kann, dann ist Schluss.»

Livio Brandenberg
livio.brandenberg@luzernerzeitung.ch

HINWEIS
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