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«Schreiben ist das Resultat von viel Seelenarbeit» – Luzerner Autorin erhält eine mit 25'000 Franken dotierte Auszeichnung

Die Luzerner Autorin und Übersetzerin Christina Viragh erhält den Kunst- und Kulturpreis 2019 der Stadt Luzern. Im Porträt erzählt sie unter anderem, weshalb sie Rom zu ihrer Wahlheimat erklärt hat.
Larissa Haas
Wird von der Stadt Luzern ausgezeichnet: Autorin und Übersetzerin Christina Viragh. (Bild: Christian Beutler/Keystone, Zürich, 27. Oktober 2018)

Wird von der Stadt Luzern ausgezeichnet: Autorin und Übersetzerin Christina Viragh. (Bild: Christian Beutler/Keystone, Zürich, 27. Oktober 2018)

«Rechts liegt die Arbeit, links ist die Tür zum Himmel – auf dem Balkon blühen die ersten Veilchen. Milde Luft weht herein und der Lärm von Vespa-Motoren und Polizeisirenen.» Besser als Daniela Zinser, Autorin der «taz», die Viragh 2012 in ihrer «Schreibstube» in ihrer Wahlheimat Rom besucht hat, könnte man die Arbeitssituation der Autorin nicht beschreiben: ein Mansardenzimmer in der oberen Etage einer im 6. Stock gelegenen Wohnung mitten in der Stadt. Über ihr kreisen die Möwen, viel Tageslicht. Mehr brauche sie nicht, um Geschichten zu schreiben, sagt Viragh in unserem Gespräch.

Seit 24 Jahren lebt Viragh in dieser Dachwohnung in ihrer Wahlheimat Rom, ihrer ersten Wohnung in der Stadt. Sie hat sich damals in die italienische Hauptstadt verliebt: in ihre organische Schönheit, ihren Rhythmus und die vielen grünen Orte. Sie sagt:

«Rom ist für mich die schönste Stadt Europas, sie ist auch die grünste.»

Und unter anderem das, was auf den Strassen Roms geschieht, beschreibt sie als Teil ihres kreativen Prozesses. Zum Beispiel ihre Spaziergänge im Freien, etwa in ihrem Lieblingspark Villa Doria Pamphilij. Oder die Gespräche mit ihrem Lebenspartner und Freunden, aber auch das Kochen und Essen. «Mein Beruf macht mich zu einem Schwamm, ich sauge alles um mich herum auf», sagt sie, überlegt (wie jedes Mal, wenn sie auf eine Frage antwortet) und betont, dass dies strapaziöser klinge, als es in Wirklichkeit sei: «Ein Schwamm strengt sich ja auch nicht ständig an, das geht automatisch.» Dies klingt logisch, fast schon banal. Nicht gerade nach einem Geheimrezept, das werdende Autoren nicht befolgen könnten.

Und tatsächlich lässt Viragh immer wieder – wenn auch unabsichtlich – die scheinbare Einfachheit ihrer Arbeit durchblicken: Schreibkrisen? «Hatte ich noch nie.» Schreibinstrument? Ein schwarzer Pilot XB Stift. Intuition? «Ich lasse mich beim Schreiben von meinem Gefühl leiten.» Viragh sagt, sie lege das Ende eines Romans nie im Voraus fest. Stattdessen übergibt sie beim Schreiben die «Verantwortung» den Figuren, die sie durch die Geschichte führen. Dies sei die «realistischere» Art zu schreiben, erfordere aber umso mehr Konzentration. «Beim Schreiben muss man hundertprozentig bei der Sache sein, sich mit Leib und Seele hineingeben.»

Schreiben war ihr Kindheitstraum

Als Christina Viragh als siebenjähriges Mädchen mit ihrer Familie von Budapest ins Stadtluzerner Maihofquartier zog, sassen die Erinnerungen an den Aufstand von 1956 noch tief: Stunden im Keller, Panzer, bewaffnete Soldaten. Später wird sie sagen, sie werde das alles ein Leben lang nicht vergessen. Dagegen gab ihr Luzern «ein regelrechtes Kontrastprogramm»: «Alles war anders», sagt Viragh und betont, dass Luzern im Vergleich zu Budapest «kleinteilig» schien.

Viragh gab sich Mühe, sich ihrem neuen Wohnort anzupassen und das Fremde familiär zu machen: Sie lernte von den anderen Kindern Schweizerdeutsch und war bemüht, sich zu verhalten und zu sprechen wie alle anderen. Aber bei allem Anpassungswillen unterschied sie sich in einem von den Gleichaltrigen: Sie wollte nie wie die anderen Kinder im Quartier Lehrerin oder Tierärztin werden. Sie wollte Geschichten schreiben. Über ihre frühkindliche Intention, Schriftstellerin zu werden, sagt Christina Viragh:

«Ich bin in ein belesenes Umfeld hineingeboren worden. Und in der Mathematik war ich unbegabt.»

Ihre Eltern besassen viele Bücher, sie selbst las in der Primarschulzeit gern die Bücher der schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, später entdeckte sie Leo Tolstoi, den grossen russischen Weltliteraten:

«Ich war noch ein Kind, als ich Krieg und Frieden las.»

Später kam etwa das Werk Marcel Prousts hinzu, dank dem sie lernte, «die Welt mit anderen Augen zu sehen». Ihre eigenen Geschichten schrieb sie vorerst «nur für die Schublade». Erst nach ihrem Studium der Philosophie sowie der deutschen und französischen Literatur erreichten ihre Texte die Öffentlichkeit. Sie verfasste Texte für nationale und internationale Zeitschriften, darunter etwa die «NZZ». Der Gedanke, einmal eigene Bücher zu schreiben, blieb bestehen: «Aber ich musste weg, um damit anzufangen.» Und so ging Viragh mit 32 Jahren nach Winnipeg, Kanada, unterrichtete als Assistenzlehrerin Französisch und schrieb nebenher ihren ersten Roman: «Unstete Leute».

Geschichten schreiben, Geschichten übersetzen

Zwei Jahre nach ihrem Debütroman erschien ihr zweites Werk: «Rufe von Jenseits des Hügels». Drei Jahre später dann «Mutters Buch». Und irgendeinmal dazwischen entdeckte sie ihre Affinität fürs Übersetzen. «Es ist nicht so, dass ich diese Arbeit gesucht hätte», sagt Viragh und betont, dass das Übersetzen wohl eher sie «gefunden» hat.

«Ich wurde fürs Übersetzen angefragt und der Gedanke war anregend.»

Und so kam es, dass sie sich bald der Werke bedeutender ungarischer Literaten annahm: Imre Kertész, Sándor Márai und Péter Nádas. Ein Werk, das zwischen allen nicht nur wegen seines Umfangs heraussticht, ist ihre Übersetzung von Péter Nádas’ «Parallelgeschichten»: 1724 Seiten, vier Jahre Arbeit. Übersetzung, Recherche, Gespräche mit dem Autor, Überarbeitung, Fragen. 5 bis 10 Seiten pro Tag, Stück für Stück. Viragh hat einmal gestanden, dass sie am Anfang «Schiss» vor dieser Aufgabe hatte, es brauchte eine Zeit, bis sie sich entschied, den Auftrag anzunehmen.

«Dann habe ich meine ganze Energie auf die Aufgabe konzentriert.»

Im Jahr 2012 wurde sie dafür mit Auszeichnungen überhäuft: Nach dem renommierten Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse folgte der Europäische Übersetzerpreis, später nahm sie, zusammen mit dem Autor, den Berlin-Brücke-Preis entgegen. Und wo heute in den Feuilletons Nádas’ Roman als «Jahrhundertbuch» gefeiert wird, bleibt ihre sorgfältige Übersetzung ins Deutsche nie unerwähnt. Aber dennoch hat sich Viragh selbst nie als Übersetzerin verstanden:

«Ich bin Schriftstellerin, die übersetzt.»

So widmete sie sich bald wieder ihren eigenen Geschichten: 2003 erschien ihr Roman «Pilatus» über das rätselhafte Verschwinden einer Frau während einer Wanderung auf dem Luzerner Hausberg. Drei Jahre später «Im April». Letzten Herbst schliesslich erschien ihr jüngstes Werk «Eine dieser Nächte»: ein 500 Seiten starker Roman, ausgezeichnet mit dem Schweizer Literaturpreis, aufgenommen auf die Longlist des Deutschen Buchpreises, betitelt als ihr «Opus Magnum» – der Ritterschlag für jeden Kunstschaffenden. Klar sei es schmeichelhaft zu hören, dass renommierte Kritiker ihr Werk als Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens auszeichnen. Doch Viragh weiss solche griffigen Bezeichnungen mit dem nötigen Pragmatismus zu relativieren: «Jetzt kann es theoretisch ja nur noch abwärts gehen», lacht sie. Kurzes Schweigen. «Natürlich will ich, dass meine nächsten Bücher genauso gut werden.»

Fühlt sich überall zu Hause

«Eine dieser Nächte» ist eine poetische Geschichte über das Geschichtenerzählen. Eine autobiografische Geschichte? «Ein bisschen vielleicht», sagt Viragh und betont, dass sie gern Teile ihres eigenen Lebens in ihre Romane einbaut: Ihre Geschichten spielen in Luzern und anderen Orten der Welt und handeln oft von Migrationserfahrungen. Genauso gibt es für Viragh nicht nur eine Heimat. Sie fühlt sich «mit Schattierungen und Abstufungen» überall zu Hause: Budapest, Luzern, Rom.

Ähnlich ist es auch mit den Sprachen: Ihre Muttersprache ist Ungarisch, sie denkt in «Schwiizerdüütsch» und redet im Alltag italienisch. Doch konnte sie sich nie vorstellen, ihre Romane auf Ungarisch zu schreiben: «Ich kann diese Sprache zu wenig gut», sagt sie und erklärt, dass sie aber die Atmosphäre und den Rhythmus ungarischer Texte spüre, was fürs Übersetzen das Wichtigste sei.

Das nächste Kapitel

Im Herbst wird Christina Viragh mit ihrem nächsten Roman beginnen. Sie wird sich wieder in ihre «Schreibstube» über den Dächern Roms zurückziehen, den schwarzen Pilot XB («nur dieser und kein anderer») in die Hand nehmen und auf einem weissen Blatt mit den ersten Notizen, dem ersten Brainstorming beginnen. Sonst im Leben ausserhalb des Arbeitszimmers notiert sie kaum je etwas.

«Schreiben», sagt sie, «ist das Resultat von viel Seelenarbeit». Worum es in ihrem neusten Roman gehen wird, davon hat sie einige, wenn auch erst vage Vorstellungen. Wohin die Geschichte führen wird, weiss sie noch nicht. Und will sie auch nicht wissen: «Sonst wäre Schreiben ja nicht mehr spannend!»

Hinweis: Der mit 25'000 Franken dotierte Kunst- und Kulturpreis 2019 der Stadt Luzern wird der Autorin und Übersetzerin Christina Viragh am 9. November im Luzerner Theater übergeben.

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