SCHÜPFHEIM: Der Schuhmacher ist nicht wegzudenken

Fridolin Bucher arbeitet mit 87 noch jeden Tag. Die Zeit scheint bei ihm stehen geblieben zu sein.

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Der 87-jährige Fridolin Bucher in seinem Element: Der 87-jährige arbeitet seit mehr als fünf Jahrzehnten als Schumacher in Schüpfheim. (Bild: Roger Gruetter / Neue LZ)

Der 87-jährige Fridolin Bucher in seinem Element: Der 87-jährige arbeitet seit mehr als fünf Jahrzehnten als Schumacher in Schüpfheim. (Bild: Roger Gruetter / Neue LZ)

Roger Rüegger

Der Besuch bei Schuhmacher Fridolin Bucher ist eine Zeitreise. In 55 Jahren hat sich in seiner Budig kaum etwas verändert. Der Duft von Leim und Leder liegt in der Luft und wird ganz fein vom Aroma frischen Tabaks ergänzt. Denn Friedli, wie der 87-jährige Mann von vielen genannt wird, flickt nicht nur Schuhe. Hier gibt es auch Spazierstöcke, Zigarren, Taschenlampen, Feuersteine für Benzinfeuerzeuge, Gamaschen, Rucksäcke oder Schnapsgläser. Schnürsenkel, Schuhwichse und gebrauchte Schuhe sowieso und eben Tabak.

Die Ware ist in Regalen gestapelt. «Ich habe solche Sachen, die die Leute brauchen», sagt der gebürtige Romooser. Früher bot er auch Tabakpfeifen an. Diese seien aber teuer geworden, sodass die Nachfrage ausbleibe. Er selber gönnt sich aber gerne ein Pfeifchen.

Die Schuhmacherwerkstatt richtete er 1960 im Erdgeschoss seines Hauses in Schüpfheim ein. Zuvor war er acht Jahre in einem Nachbarhaus eingemietet. Das Handwerk lernte Bucher bei einem Schuhmacher in Doppleschwand und der Berufsschule in Willisau. Ganz anders als heute sei es gewesen. «Im ersten Lehrjahr waren wir in der Schule 20 Burschen. An der Abschlussprüfung 1948 nahmen nur noch unserer zwei teil», erinnert er sich. Weil eine nicht bestandene Prüfung für einen Lehrmeister als Schande gegolten habe, seien viele Lehrlinge von den Meistern entlassen worden.

Bucher selber schloss mit der Note 5,7 ab. Für dieses Glanzresultat erhielt er vom Schuhmachermeisterverband 150 Franken. Viel Geld. Angesichts dass Bucher 400 Franken bezahlen musste, dass er seine Lehre antreten durfte, relativiert sich die Höhe dieses Betrags. Aber egal. Das Lehrgeld war gut investiert. Denn Bucher liebt seinen Beruf. «Die Arbeit ist mir nie verleidet», betont er.

Nach der Lehre ging er auf Wanderschaft. Im Kanton Bern holte er sich in verschiedenen Betrieben Erfahrung und lernte unter anderem Leute aus dem Tirol kennen.

«Schampar gefreut»

Jeweils im Winter kehrte er zurück ins Entlebuch. 1952 wurde er mehr auf Drängen seiner Mutter als aus Überzeugung in Schüpfheim sesshaft. Seine Mutter fädelte auch den Kontakt zu seiner späteren Ehefrau Agatha ein, die er stets liebevoll Agi nennt. «Eines Sonntags schickte mich Mutter auf einen Bauernhof, wo eben diese Agatha wohnte.» Also sei er hingegangen, obwohl er das Mädchen gar nicht kannte. «Das Buuremeitschi hett sech schampar gfreut, wosi mi gseh hett», berichtet Bucher.

Doch der junge Friedli wollte eigentlich gar keine Freundin. Sein Ziel war, ins Tirol auszuwandern. «Aber Agi liess mich nicht mehr los.» Er lächelt. Sie sei eine liebe Frau gewesen. Die beiden gründeten eine Familie und haben vier Töchter grossgezogen.

Inzwischen lebt Bucher alleine. Seine Agi ist vor 15 Jahren gestorben, die Töchter haben das Entlebuch verlassen. Eine lebt in Australien, eine in der Ostschweiz und zwei in der Zentralschweiz. Fridolin Bucher könnte also längst kürzertreten. Aber er ist immer noch fleissig und arbeitet jeden Tag von morgens bis abends. Ferien kennt er nicht. «Agi und die Töchter sind manchmal gefahren. Ich arbeitete aber immer und hatte viel zu tun. Das hat mich nie geplagt», erklärt er.

Berge von Schuhen

Einen Geschmack, wie eine Rückkehr aus den Ferien wäre, bekam er, wenn er Militärdienst leistete. Dann sammelten sich Berge von Schuhen an. «Ich war in den Wochen darauf Tag und Nacht in der Budig», sagt er. An den Wochenenden aber zog es ihn aber nach draussen. Bucher ist oft in den Bergen anzutreffen. Er kennt jeden Gipfel in seiner Region.

Seine Vorstellung von einem Leben im Tirol hat er jedoch nie umgesetzt. Bereut er dies nicht? Einen Moment hält der Mann inne: «Jääääää, das hani scho paar mau gstudiert ...»

Dass er geblieben ist, freut nicht nur seine Kunden. «Friedli ist aus Schüpfheim nicht wegzudenken», sagt etwa Gemeindepräsidentin Margrit Thalmann-Theiler. «Er ist ein liebenswürdiger, feinfühliger und weiser Mensch. Jeder, der ihn kennt, schätzt ihn sehr.»

In den zwei Stunden unseres Gesprächs betraten einige Leute das Geschäft. Zwei Burschen kauften Zigarillos, ein Mitarbeiter der Bergbahnen brauchte Schnürsenkel «die runden, nicht die flachen, gäu Friedli» –, eine Frau holte Schuhe für ihre Tochter, und eine weitere Kundin freute sich über ihre reparierten Stiefel. Die meisten bezahlten keine 10 Franken. Bucher: «Ich war immer billig. Wenn Agi und die Töchter noch hier wären, müsste ich aber schon mehr heuschen.»

Hilfe bei Mathe

Der Mann ist auch sonst sehr hilfsbereit. Er hilft etwa den Schülern bei ihren Aufgaben. Begonnen hatte dies, als er einer seiner Töchter eines Morgens den Lösungsweg zu schwierigen Matheaufgaben zeigte. «Am Nachmittag kam ihre ganze Klasse», so Bucher. Mit einer solchen Hilfsaktion sei er einer Lehrerin auf die Füsse getreten. «Vor Jahren habe ich Kindern der Sonderschule geholfen. Ihre Lehrerin nahm mir das übel und sprach mich darauf an. Ich antwortete, dass ich nur freundlich zu den Kindern gewesen sei und riet ihr, dass sie ihre Schüler künftig auch wie anständige Leute behandeln soll.»

Was Bucher der Dame erzählte, lebt er vor. So ist es selbstverständlich, dass die Kinder auch zu ihm nett sind. Ein Knabe kam während unseres Besuchs mit 90 Rappen vorbei. «Hoi Friedli, hier ist das Geld, das ich dir schulde.» Bucher lächelt. «Die Kinder haben Vertrauen zu mir und ich zu ihnen», sagt er und wünscht dem Knaben zum Abschied «Glück und Segen».