SCHÜPFHEIM: Eine starke Stimme tritt ab

1991 kam Margrit Thalmann als erste Frau in den Gemeinderat – nach 24 Jahren sagt sie als Präsidentin ade. Was sie sehr vermissen wird, war zugleich eine Bürde.

Evelyne Fischer
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Ende August legt Margrit Thalmann ihr Amt als Gemeindepräsidentin nieder. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Ende August legt Margrit Thalmann ihr Amt als Gemeindepräsidentin nieder. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

 

Sie war eine Frau, zweifache Mutter und eine Auswärtige obendrein: Vieles hätte man Margrit Thalmann-Theiler 1991 zugetraut – kaum aber den Sprung in den Schüpfheimer Gemeinderat. Ausgerechnet sie, die gebürtige Doppleschwanderin, beendete die bisherige Männertradition, rückte auf dem freigewordenen Sitz des Sozialvorstehers nach. «Ich war zur rechten Zeit am rechten Ort», sagt die 62-Jährige heute – unnötig bescheiden. Denn in der damaligen Kampfwahl konnte die Kandidatin der CVP gegenüber der FDP-Kontrahentin einen grossen Trumpf ausspielen: «Mit meiner vorherigen Stelle im Sozialdienst war ich fachlich für das Amt gerüstet.»

Zierlich, aber souverän

Nun, 24 Jahre später, räumt sie das Büro. Als Gemeindepräsidentin. Während ihrer Amtszeit wuchs Schüpfheim von knapp 3700 Einwohner auf über 4100 an. Der Bahnhof wurde für 10 Millionen Franken umgestaltet. 6,5 Millionen Franken flossen in eine neue Dreifachturnhalle, 3,5 Millionen in den neuen Gemeindesaal. «Ich trete als Präsidentin einer starken Zentrumsgemeinde zurück», sagt Thalmann. Zierlich in der Erscheinung, souverän im Auftritt. Besonnen wählt sie ihre Worte, umsichtig ist der Zeitpunkt ihres Abgangs: Ende Legislaturperiode demissionieren zwei weitere Ratsmitglieder. «Ich wollte eine gewisse Kontinuität sicherstellen.»

Wüste Überraschung im Briefkasten

2002 übernahm Margrit Thalmann das Präsidium. Ein 50-Prozent-Pensum. Erneut in einer Kampfwahl – gegen den noch amtierenden FDP-Gemeinderat. 1339 gegen 679 Stimmen. «Das Resultat war für mich die beste Legitimation.» Wirkte Thalmann zuvor als Sozialvorsteherin im Hintergrund, war sie nun «dem Wetter ausgesetzt». So richtig gehagelt habe es zwar nie. Einige Schauer musste sie dennoch über sich ergehen lassen; schliesslich trugen sämtliche Briefe des Gemeinderats ihre Unterschrift – auch die unwillkommenen. Anonyme Schreiben, Hundehäufchen im Briefkasten – alles vorgekommen. «Man kann es nie allen recht machen», sagt Thalmann. Wichtig sei es, zu kommunizieren und gradlinig zu handeln. «Es darf nicht sein, dass der, der am lautesten schreit, mehr Recht erhält.» Kritik konnte sie einstecken. «Ungerecht behandelt fühlte ich mich jedoch, wenn es um unwahre Äusserungen ging, die man aus Datenschutzgründen nicht richtigstellen durfte.»

«Beharrlich, nie aber stur»

Wie ein Blick auf Thalmanns Mandate zeigt, blieb das Gemeindepräsidium nicht ihre einzige Führungsposition. Eine Auswahl: Bereits 1991 hatte man sie in den Vorstand des kantonalen Sozialvorsteherverbands gewählt, von 2000 bis 2002 stand sie gar an dessen Spitze. Von 2002 bis 2010 war sie Vizepräsidentin des Verbands Luzerner Gemeinden (VLG), leitete die Arbeitsgruppe zur Einführung des neuen Gemeindegesetzes. «Diese Aufgaben waren für mich stets ein Privileg, nie aber ein Muss», sagt Margrit Thalmann. «Statt nur zuzusehen, wollte ich mitgestalten.» Unter Weggefährten gilt sie als «starke Stimme der Landschaft»: Als «beharrlich und engagiert, nie aber stur» habe er Thalmann erlebt, sagt Ruedi Amrein, früherer Präsident des VLG. Und Erwin Arnold, CVP-Kantonsrat aus Buchrain, der sie als Präsident beim Sozialvorsteherverband abgelöst hatte, sagt: «Sie hatte ein Gspüüri für die Bürger, betrieb nie soziale Gefühlsduselei, sondern stand mit beiden Beinen in der Realität.»

Befürworterin des CEO-Modells

Engagiert für die Sache bleibt Thalmann bis zum Schluss. Per 1. September 2016 wechselt Schüpfheim aufs Geschäftsführermodell. «Dieser Schritt will vorbereitet sein.» Die Gemeinderäte beschränken sich von da an auf strategische Entscheide. Der Moment für den Modellwechsel sei gekommen. «Es ist immer besser, aus der Stärke heraus die Zukunft aufzugleisen.»

Eine Einsicht, die sich Thalmann auch vor fünf Jahren gewünscht hätte, als die Fusion G4 von Schüpfheim, Flühli, Entlebuch und Hasle platzte. Nur Schüpfheim sprach sich für eine 11 000 starke Grossgemeinde aus. «Das klare Nein hat mich sehr enttäuscht», sagt Thalmann. Dieses Thema komme sicher wieder aufs Tapet: «Will das Entlebuch mittelfristig nicht als Verliererin dastehen, müssen die Gemeinden näher zusammenrücken. Der finanzielle Verteilkampf im Kanton wird nicht kleiner.»

Einerseits entlaste der Gedanke, diese Herausforderung nun an Nachfolgerin Christine Bouvard weiterzugeben. «Andererseits war ich bisher immer auf dem neusten Stand. Dieses Wissen wird mir fehlen.» Wo es sie hin verschlägt? Thalmann lächelt und schweigt. Klar scheint schon jetzt: Ihr starke Stimme dürfte nicht verstummen.