SCHÜPFHEIM: Empathie, aber ohne Tränendrüse

Die Integrationsgruppe gewinnt den mit 1000 Franken dotierten Anerkennungspreis der Gemeinde. Sie hilft Asylsuchenden bei Fragen des Alltags – und löst manchmal auch Irritation aus.

Stephan Santschi
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Die Integrationsgruppe organisiert auch den «Musikgarten» für Kinder und ihre Eltern. (Bild: Pius Amrein (Schüpfheim, 2. Mai 2017))

Die Integrationsgruppe organisiert auch den «Musikgarten» für Kinder und ihre Eltern. (Bild: Pius Amrein (Schüpfheim, 2. Mai 2017))

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

«Sie helfen Asylsuchenden bei der Integration und tun diese schwierige Arbeit aus purem Idealismus.» So erklärt Christian Balmer von der Kommission des Schüpfer Anerkennungspreises, weshalb der Award in diesem Jahr an die Integrationsgruppe geht. Zehn Mitglieder wirken dort mit, die Präsidentin heisst Maya Waser (38), und sie erläutert ihr Engagement so: «Ich mache es gerne, und es fällt mir einfach. Wenn ich auf der Strasse, im Zug oder in der Migros einen farbigen Kopf sehe, spreche ich die Person an, frage, wer sie ist, wo sie wohnt, was sie braucht, und höre, wie gut sie deutsch redet. Meistens reagieren sie sehr irritiert.»

Irritiert deshalb, weil kein Asylsuchender es sich gewohnt ist, dass ihn Einheimische ansprechen. «Die meisten sind verloren hier. Schweizer laden jemanden selten spontan zum Kaffee nach Hause ein, das ist nicht unsere Mentalität. Deshalb machen unsere Bemühungen Sinn.»

Warum die «Schweizer immer so intensiv schauen»

Als gemeinderätliche Kommission ist die Integrationsgruppe das Bindeglied zwischen der Gemeinde, den beiden Kirchgemeinden, der Schule, den Vereinen, den Hilfswerken und den spezifischen Institutionen. Vieles dreht sich dabei um Fragen des Alltags. Wo gibt es günstige Einkaufsgelegenheiten? Was ist eine Cumuluskarte? Wie trennt man Abfall? Wie löst man ein Zugticket? «Wir machen sie auch darauf aufmerksam, dass man sich bei uns in die Augen schaut und Grüezi sagt. Diese Begegnung mit den Augen ist ihnen nicht bewusst, sie denken dann, dass wir Schweizer immer so intensiv schauen.» Eine grosse Hilfe sind Menschen, welche die gleiche Sprache wie die Neuankömmlinge sprechen, aber schon länger in Schüpfheim leben und sehr gut integriert sind.

Die Integrationsgruppe knüpft also erste Kontakte zu den Asylsuchenden, begleitet sie während der Eingewöhnung und dient ihnen als Anlaufstelle. Eine Arbeit, die Geduld erfordert. «Weil viele traumatisiert ankommen und Zeit brauchen. Weil ihnen unsere Kultur völlig fremd ist», erklärt Waser. Junge Männer aus Eritrea oder Äthiopien etwa hätten oftmals keine klare Tagesstruktur. «In ihren Heimatländern ist es wärmer, dort sitzt man nachts draussen beisammen und schläft am Tag. Bei uns aber gilt um 22 Uhr Nachtruhe, und dann gehen wir auch tatsächlich ins Bett.» Für viele sei zudem eine Agenda ein Fremdwort. «Über Anlässe informieren wir sie deshalb nicht nur zwei Wochen, sondern auch drei Tage vorher. Dann vergessen sie es nicht.»

Ein kulinarisches Fest mit Essen aus 16 Nationen

Im Weiteren organisiert die Integrationsgruppe Anlässe, die dem Austausch und der Eingliederung dienen. Das Anbieten von Deutschkursen zum Beispiel. Die Abgabe von Gratiskleidern an bestimmten Tagen. Der Musikgarten, wo Kinder im Vorschulalter mit ihren Eltern musizieren. Oder das Café International, ein multikultureller Treffpunkt im reformierten Kirchgemeindehaus. Darüber hinaus findet alle zwei Jahre eine kulinarische Begegnung statt, die nächste im Frühjahr 2018. «Gerichte aus 16 Nationen präsentieren wir dort. Die Asylsuchenden kochen selber und zeigen, was sie können. Diese Chance haben sie sonst nur selten.» Als Nächstes sollen Flüchtlinge Gelegenheitsarbeiten für die Gemeinde durchführen können, «der Gemeinderat hat unser Konzept angenommen», berichtet Waser.

Bei all der Empathie muss sich die dreifache Mutter auch abgrenzen können. «Ich kann nicht nur nett sein, sondern muss klar und offen erklären, worum es geht. Ich bin kein Händler, die Schweiz ist kein Basar. Wir haben klare Gesetze, die nicht umschifft werden können.» Wenn man vor ihr auf die Tränendrüse drücke, nütze das nichts. Was ihnen in der Integrationsgruppe hingegen nützen würde, wäre ehrenamtliche Unterstützung. «Dankbar wären wir für freiwillige Helfer, die sich als Begleitpersonen zur Verfügung stellen. Die beispielsweise einmal pro Woche mit jemandem einen Kaffee trinken gehen.» Und sich vom puren Idealismus der Integrationsgruppe Schüpfheim anstecken lassen.