SCHÜPFHEIM: Entlebucher Sportwagen eroberten Europa

Die Familie Enzmann produzierte in den 1950er- und 60er-Jahren Sportwagen. Dabei war nur einer der vier Enzmann-Brüder Automechaniker.

Mirjam Weiss
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Das Bild, aufgenommen um 1960, zeigt Emil Enzmann senior mit seinem Sohn Eugen und einem Angestellten der Adler-Garage in Schüpfheim (vorne, von links) und einen Kunden. (Bild: PD)

Das Bild, aufgenommen um 1960, zeigt Emil Enzmann senior mit seinem Sohn Eugen und einem Angestellten der Adler-Garage in Schüpfheim (vorne, von links) und einen Kunden. (Bild: PD)

Das Entlebuch ist bekannt für seine Moorlandschaften, Köhler und Sennenhunde. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass dort auch ein schnittiger Sportwagen gebaut wurde. Die Schüpfheimer Familie Enzmann produzierte in den 1950er- und 1960er-Jahren den Enzmann 506 und sorgte damit über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen. In seinem neuen Dokumentarfilm «Enzmann – Die Autobauer aus dem Entlebuch» beleuchtet der Luzerner Regisseur Jörg Huwyler den rasanten, aber auch recht kurzen Auftritt der Familie Enzmann im europäischen Sportwagen­geschäft. Der Dok-Film hat Ende März in Schüpfheim Premiere gefeiert. «Der Film ist bei den 150 Premieregästen sehr gut angekommen», freut sich Regisseur Jörg Huwyler. «Es war berührend, zu sehen, wie stark die Entlebucher Bevölkerung immer noch mit der Familie Enzmann verbunden und stolz auf ihr damaliges Wirken ist.»

Start mit Gokarts

Der rund 50-minütige Dokumentarfilm erzählt eine aussergewöhnliche Familiengeschichte. Spannend sind insbesondere die vielen Bild- und Filmdokumente aus der Vergangenheit, die von den vier am Autobau beteiligten Enzmann-Brüdern kommentiert werden. Die Faszination für Autos wurde den Brüdern quasi in die Wiege gelegt. Vater Emil senior führte das Hotel Adler in Schüpfheim und betrieb gleichzeitig eine kleine Reparaturwerkstatt. Er förderte den Erfindergeist seiner sechs Söhne, die in der Werkstatt alles ausprobierten, was fahrbar war. Unter anderem bauten sie dort die ersten Gokarts.

Leicht und sicher

Mit Hilfe seiner Söhne erfüllte sich der Vater in den 1950er-Jahren seinen Traum eines sparsamen, leichten, sicheren und preisgünstigen Sportwagens. Sohn Emil verfasste Hunderte von Zeichnungen und setzte die Pläne schliesslich mit drei Brüdern in der väterlichen Werkstatt in die Tat um. Von den vier Brüdern hatte nur einer die Ausbildung zum Automechaniker absolviert, die anderen waren als Arzt, Nuklear-Ingenieur und Zahnarzt tätig. Zunächst überzogen die Enzmanns ein Holzmodell mit Blech. Daraus entnahmen sie eine Negativ-Form, in der später die Karosserien aus Kunststoff (Polyesterharz) gebaut wurden. Durch den Einsatz von Kunststoff war das Auto sehr leicht (550 Kilogramm), beschleunigte gut und lag dank des tiefen Schwerpunktes optimal auf der Strasse. Viele Enzmann-Sportwagen wurden später auch auf Rennstrecken eingesetzt. Zunächst verwendete man VW-, später Porsche-Motoren. Um Gewicht zu sparen und dem Auto eine möglichst grosse Festigkeit zu verleihen, verzichteten die Erbauer auf Türen. Einsteigen musste man mit Hilfe von Trittnischen. Für den praktizierenden Arzt Emil Enzmann war ausserdem die Sicherheit ein zentrales Thema. So verfügte das Auto über Beckengurten, ein Beifahrer-Aufprallkissen, einen hochgezogenen Nackenschutz mit Überrollbügel und anatomisch geformte Schalensitze.

Serienproduktion scheitert

1956 wurde der erste Enzmann-Sportwagen fertiggestellt und ein Jahr später am Internationalen Autosalon in Frankfurt vorgestellt. Dort stiess er auf grossen Anklang beim Publikum und bei der Fachpresse. Aus diesem Grund wollten die Enzmann-Brüder ihr Auto fortan in Serie produzieren. Doch das Vorhaben scheiterte am damaligen VW-Chef, der sich – aus Angst vor Konkurrenz – weigerte, weitere VW-Fahrgestelle in die Schweiz zu liefern. Nach und nach wurde der Aufwand für die nebenberuflichen Autobauer zu gross. 1968 wurde deshalb der (vorerst) letzte von insgesamt rund 90 Enzmann 506 produziert und ausgeliefert.

Kurzes Comeback im Jahr 2000

Im Jahr 2000 nahm Karl Enzmann, Sohn des Enzmann-Designers Emil, gemeinsam mit seinem Schwager und einem weiteren Geschäftspartner die Produktion des Enzmann-Sportwagens wieder auf. Doch nach 8 Exemplaren ist nun definitiv Schluss, weil das Auto die strenge Euro-5-Norm nicht mehr erfüllt. Die Besitzer von Enzmann-Sportwagen machen aber noch immer regelmässig gemeinsame Ausfahrten und nehmen an Oldtimertreffen teil.

«Schaffenskraft und Innovation»

«Die Geschichte der Familie Enzmann ist nicht alltäglich», steht für Regisseur Jörg Huwyler fest. «Die Enzmanns waren eine privilegierte Familie im Entlebuch, die sich ihr Privileg jedoch durch Schaffenskraft und Innovationsbereitschaft erarbeitete.» Huwyler, der in der Stadt Luzern aufgewachsen ist, jedoch Entlebucher Wurzeln hat, produzierte seinen Film im Verlauf des letzten Jahres. «Ich bin kein Autofreak. Mich interessierte neben dem innovativen Wagen vor allem der Pioniergeist der Entlebucher Autobauer vor dem sozialen und wirtschaftlichen Hintergrund der Nachkriegs­jahre.»

Hinweis

Die DVD «Enzmann – Die Autobauer aus dem Entlebuch» kann im Internet auf der Homepage www.tothepoint.ch bestellt werden. Er kostet 29.90 Franken inklusive Porto.