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SCHULÄRZTE: Schulimpfung vergrault Ärzte

Schulen haben immer mehr Mühe, Schulärzte zu finden. Grund ist der Mangel an Ärzten, vor allem aber die wieder eingeführten Schulimpfungen.
Guy Studer
Wenn die Dosis nicht stimmt: Seit dem Schuljahr 2013/14 wird an den Luzerner Schulen wieder geimpft, dafür gibt es zu wenig Kinderärzte (Symbolbild). (Bild: Getty)

Wenn die Dosis nicht stimmt: Seit dem Schuljahr 2013/14 wird an den Luzerner Schulen wieder geimpft, dafür gibt es zu wenig Kinderärzte (Symbolbild). (Bild: Getty)

Bei den Kinderärzten ist derzeit ein Generationenwechsel im Gang. «Wie bei den Hausärzten zeigt sich auch hier, dass es schwierig ist, Nachwuchs für pensionierte Kinderärzte zu finden», sagt Aldo Kramis, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern. Er betreibt in Emmenbrücke eine Praxis für Allgemeinmedizin und kennt das Problem aus nächster Nähe. So ist ein Kinderarzt dieses Jahr verstorben, seither gibts noch keine Nachfolge. Für die Knappheit an Kinderärzten indes gibts mehrere Gründe (siehe Box).

Kanti ein Jahr lang ohne Schularzt

Eine Folge davon ist gemäss Kramis, dass Schulen grosse Mühe hätten, Schulärzte zu finden. Gerade Pädiater, so die Fachbezeichnung für Kinderärzte, seien schlicht zu stark ausgelastet.

Stefan Felder, Prorektor für die Stufe 1. und 2. Klasse an der Kantonsschule Alpenquai in Luzern, bestätigt auf Anfrage: «Wir hatten für die Buben ein Jahr lang keinen Schularzt.» Erst im Mai habe man einen Nachfolger gefunden für den Kinderarzt Georg Magyar, der diese Aufgabe während rund 20 Jahren erfüllt habe. Fündig geworden ist man bei einem Allgemeinpraktiker. «Hätten wir die Bedingung gestellt, dass es ein Pädiater sein muss, wäre es wohl sehr schwierig geworden, einen Nachfolger zu finden», sagt Felder, an der Kanti zuständig für den Bereich Gesundheit.

Felder sieht auch eine weitere gewichtige Ursache für die schwierige Suche: «Auf das Schuljahr 2013/14 hat der Kanton wieder die Schulimpfungen eingeführt.» Dies aufgrund der stets tiefen Durchimpfungsrate im Kanton. Das heisst: Der Schularzt kontrolliert seither im Rahmen der Reihenuntersuchung an der Schule auch den Impfstatus der Schüler. Steht eine Impfung an, können die Eltern entscheiden, ob sie ihr Kind vom Schularzt oder vom eigenen Haus- oder Kinderarzt impfen lassen wollen. Vorteil beim Schularzt: Die Impfung ist gänzlich gratis für die Eltern, die Krankenkassen tragen die vollen Kosten. Durchgeführt werden können die Impfungen in der Schule oder in der Praxis des Schularztes.

Stadt setzt auf Sonderlösung

Pädiater für den schulärztlichen Dienst zu finden, werde immer schwieriger, sagt auch Urs Purtschert, Jurist bei der Bildungsdirektion der Stadt Luzern. Deshalb hat man für die freiwilligen Schulimpfungen in der Stadt einen eigenen Weg gewählt: Es wird – nebst den Reihenuntersuchungen – eine freiwillige Schulimpfung angeboten. Die Eltern können via Rektorat den Impfstatus ihrer Kinder überprüfen lassen. «Wir haben dieses Vorgehen gewählt, da wir sonst wohl grösste Mühe hätten, die Schulärztinnen und Schulärzte für diese Impfung zu verpflichten», begründet Purtschert.

Bei Bedarf werden die Eltern informiert, dass eine Impfung ansteht. Sie können diese dann beim Schularzt oder beim eigenen Haus- oder Kinderarzt durchführen lassen. Dadurch könnten zwar Doppelspurigkeiten entstehen, räumt Purtschert ein. Etwa wenn der Schularzt den Impfstatus von sich aus ebenfalls kontrolliere. «Doch das, wie auch die geringen Mehrkosten, nehmen wir in Kauf, um eine möglichst gute Durchimpfungsrate zu erreichen, vor allem bei den Masern.»

Finanziell für Ärzte unattraktiv

Gemäss Stefan Felder von der Kanti Alpenquai sind die Schulimpfungen für Ärzte einerseits mit sehr grossem administrativem Aufwand verbunden. Gleichzeitig seien sie finanziell nicht attraktiv. Pro Impfung wird der Schularzt mit einer Pauschale von 17.25 Franken entschädigt. Dazu kommt jeweils ein ähnlich hoher Betrag für den Impfstoff. Aldo Kramis von der Ärztegesellschaft sagt: «Allgemein sind die bekannten Tarife für die Ärzte an der unteren Grenze.» Doch die Gemeindebudgets würden höhere Vergütungen kaum zulassen. «Es ist immer ein Kompromiss.»

Kanton verteidigt Tarife

Die Tarife ausgehandelt hat der Kanton mit den Ärzten und den Krankenkassen. David Dürr, Leiter der kantonalen Dienststelle Gesundheit und Sport, sagt auf Anfrage: «Der Tarifvertrag wurde von der Ärztegesellschaft und den Krankenkassen unterschrieben. Der Kanton ist nicht Tarifpartner.» Der Vertrag hätte von beiden Seiten nach Ablauf der Pilotphase gekündigt werden können, «was nicht erfolgt ist». Zudem hält Dürr fest, dass es Kantone mit tieferen Tarifen gebe. «Ausserdem ist kein Arzt verpflichtet, dem Schulimpfvertrag beizutreten. Auch ist kein Arzt, der beigetreten ist, verpflichtet, unter dem Regime der freiwilligen Schulimpfung abzurechnen.»

Auch Reussbühl geht eigenen Weg

Die Kanti Reussbühl musste in letzter Zeit nicht nach einem Schularzt suchen. «Wir haben einen Schularzt und eine Schulärztin», sagt Rektor Peter Zosso. Allerdings würden die regulären Schulärzte keine Impfungen durchführen. «Wenn es um die Impfungen geht, haben auch wir Mühe, Ärzte zu finden.» Kinderärzte seien nicht gerade erpicht darauf, schulische Reihenimpfungen durchzuführen. «Es ist finanziell nicht attraktiv und entspricht nicht dem Verständnis der meisten Ärzte von ihrem Beruf.» So wolle ein Arzt in der Regel auf seine Patienten eingehen können. «Doch das liegt im Budget nicht drin», so Zosso. Ausserdem sei die Aufgabe oft undankbar, «denn es kommt immer wieder vor, dass Schüler trotz Anmeldung nicht zur Impfung erscheinen». Dennoch kann die Kanti Reussbühl derzeit auf eine impfende Ärztin zählen.

Suche nach Praxis-Nachfolgern immer schwieriger

Immer wieder berichten Eltern, wie schwierig es sei, einen Kinderarzt zu finden, der noch Patienten aufnimmt. Gerade dann, wenn man den Arzt wechseln möchte, werde es fast unmöglich. Der Eindruck täuscht nicht. Georg Magyar-Aeschlimann führt seit 30 Jahren eine Kinderarztpraxis in Luzern. Kinder, deren Eltern vom einen zum anderen Arzt wechseln wollten, würden meist abgelehnt, sagt er. «Es gibt immer wieder Phasen, in denen es zu wenig Kinderärzte gibt», sagt auch der Luzerner Kinderarzt Bruno Fries. Er habe bereits einige Male zum totalen Aufnahmestopp greifen müssen. Im Moment nimmt er nur Neugeborene und Zuzüger auf. Bei den Pädiatern zeichnet sich derzeit zudem ein Generationenwechsel ab. Dieser birgt vor allem ein Problem, wie der Surseer Kinderarzt Hansjakob Roelli sagt: «Unter den jüngeren Kinderärzten sind sehr viele Frauen.» Diese würden zumeist Teilzeit arbeiten. So werde das Problem, dass bereits allgemein zu wenig Ärzte ausgebildet würden, zusätzlich verschärft.
Noch erhält jedes Baby einen Arzt

Zwar findet gemäss Ärzten jedes Neugeborene einen Platz bei einem Kinderarzt. Dennoch hat sich die Situation verschärft. Hansjakob Roelli, der früher uneingeschränkt neue junge Patienten aufnehmen konnte, musste sich inzwischen auf das weitere Gebiet um Sursee beschränken, wie er sagt. Roelli wird in den nächsten Jahren in Pension gehen. Er ist sich bewusst, dass die Nachfolgeregelung nicht leicht wird. «Es gibt mehr Praxen, die Nachfolger suchen, als junge Ärzte, die eine Praxis suchen.»

Dennoch gibt es auch Lichtblicke: So hat Anfang August neu die Kinderarztpraxis Alpenquai an der Landenbergstrasse 3b in Luzern ihre Tore geöffnet. Petra Kolditz und Cordula Zwinggi bieten dort seither ihre Dienste für die Kleinen an. «Wir haben auf der grünen Wiese eröffnet», sagt Kinderärztin Petra Kolditz offen. Das heisst: Patienten habe die Praxis zu Beginn keine gehabt. «Inzwischen behandeln wir bereits täglich Patienten und haben auch täglich neue Anfragen», so Kolditz. Sie ist zuversichtlich, dass die Praxis schon bald ausgelastet sein wird.

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