SCHULE: Erbitterter Widerstand gegen Regierung

Der Wechsel ans Kurzzeitgymi soll nur noch ab der 2. Sek möglich sein. Die Idee schwäche die Sek massiv, sagen Lehrer und steigen auf die Barrikaden.

Christian Hodel
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Schüler einer Sekundarschule in Sursee während einer Englisch Lektion. (Bild: Themenbild Boris Bürgisser/Neue LZ)

Schüler einer Sekundarschule in Sursee während einer Englisch Lektion. (Bild: Themenbild Boris Bürgisser/Neue LZ)

Die Luzerner Lehrer sind entrüstet: Die Volksschule werde geschwächt, die Klassen auseinandergerissen, den Schülern die Zukunft verbaut, sagen sie. Ihr Ärger richtet sich gegen die Luzerner Regierung und den Vorschlag, einen Wechsel ans Kurzzeitgymnasium nur noch ab der 2. Sek zu erlauben. Der Kanton könnte jährlich 529 000 Franken sparen. Zudem bekäme er von den Gemeinden 1,8 Millionen Franken Schulgelder (Ausgabe vom 2. September).

Argumente sind «realitätsfern»

Bisher war es möglich, auch nach der 3. Sek ans Kurzzeitgymi zu wechseln. Dies sei aber nicht im Sinne der gewünschten «Bildungseffizienz», begründet Regierungsrat Reto Wyss die Änderung, über die der Kantonsrat wohl im November befinden wird. Weiter führt er an, dass die Lehrpläne des Kurzzeitgymnasiums an jene der 2. Sek anschliessen und die 3. Sek als Vorbereitung für den Berufseinstieg gedacht sei.

«Die Argumente der Regierung sind realitätsfern», sagt nun Fridolin Müller, Seklehrer in Meggen und Leiter der Konferenz Sek I des Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverbands. Entscheidend für die Berufswahl sei das 2.-Sek-Schuljahr. «Dann wird geschnuppert und werden Bewerbungen geschrieben.» Wenn sich leistungsstarke Schüler aber schon im ersten Semester der 2. Sek für das Gymnasium entscheiden müssen, werde ihnen die Möglichkeit einer Berufslehre mit allfälliger Berufsmaturität gar nicht eröffnet. Ein Beispiel: «In meiner Schule in Meggen wollten vier Schüler ans Kurzzeitgymnasium. Als sie aber in der 2. Sek eine Schnupperlehre gemacht haben, fassten sie einen anderen Entschluss», sagt Müller. Der Entscheid der Regierung sei für ihn unverständlich. «Zumal der Kanton stetig die Berufsmaturität propagiert und mit viel Geld zu fördern versucht.» Für Müller ist klar: «Die Änderung wird die Sek massiv schwächen.» Die leistungsstarken Schüler würden inmitten der Ausbildung weggerissen – das Klassengefüge zerfällt. Es gehe in der Schule eben nicht nur um Effizienz und Wissensvermittlung. «Ein Jahr mehr Zeit in der Entwicklung ist im Leben eines Jugendlichen viel.» Aktuell wechselt nur gerade ein Drittel der Schüler, die ins Kurzzeitgymnasium übertreten, nach der 2. Sek.

Sparen auf dem Buckel der Schüler?

Für Adrian Gähwiler, Fachlehrer an der Kantonsschule Musegg in Luzern, mit aktuell 490 Schülern das grösste Kurzzeitgymnasium im Kanton, ist der Vorschlag der Regierung «definitiv» eine blosse Sparübung. Er befürchtet mit der Änderung einen Anstieg der Durchfallquote. «Am Kurzzeitgymnasium Musegg fallen derzeit 15 Prozent der Schüler nach dem ersten Jahr durch», sagt er. Unterschiede zwischen den 2.-Sek- und den 3.-Sek-Abgängern gebe es zwar nicht, jedoch wagen derzeit auch nur ein Drittel aller Kurzzeitgymnasiasten den Übertritt von der 2. Sek. «Es kommen nur die besten 2.-SekSchüler.» Ändere das System, würden es auch jene sein, die noch nicht reif genug seien und wieder aufhören müssten, so Gähwiler. «Mehr Jugendliche würden ein Jahr verlieren, was keineswegs effizient ist, wie es die Regierung möchte.» Zudem bedeute der Systemwechsel unnötigen Stress für die Schüler, wie auch Fridolin Müller bestätigt. Er sagt: «Die Rückmeldungen der 2.-Sek-Schüler sind eindeutig – das erste Jahr am Kurzzeitgymi sei ungblaublich hart.» Doch laut Reto Wyss schliessen die Lehrpläne des Kurzzeitgymis nahtlos an jene der 2. Sek an – Lücken sollte es also nicht geben. Müller: «Theoretisch ist dies so. Aber der Lehrplan der Gymnasien richtet sich an die leistungsstarken Schüler.» Durch den «integrativen Auftrag der Sekundarschule» könne man vielfach das vorgeschriebene und gewünschte Tempo in der Praxis nicht erfüllen.

Regelung benachteilige die Buben

Vor allem für Buben sei es wichtig, erst nach der 3. Sek ans Gymi wechseln zu können, sagt Remo Herbst, Präsident des Verbandes der Luzerner Mittelschullehrerinnen und Mittelschullehrer. «Sie entwickeln sich in der Tendenz schulisch weniger schnell als Mädchen. Und mit dem jetzigen System haben sie ein Jahr mehr Zeit, um sich entscheiden zu müssen.» Buben sind an den Kurzzeitgymis bereits heute deutlich in der Minderheit, wie Zahlen der Kantonsschule Musegg belegen. Derzeit kommen hier auf 138 Buben 352 Mädchen. Laut Herbst ist der Vorschlag der Regierung, der bereits 2012 Thema war (siehe Box), «nicht mehr als eine Zwängerei».

Gemeinden schicken Idee bachab

Während Lehrer einen noch tieferen Bubenanteil an den Gymnasien und eine Schwächung der Volksschule befürchten, geht es den Gemeinden auch ums Geld. «Für die Gemeinden ist die Idee finanziell sowie pädagogisch nicht weiterzuverfolgen», sagt Ursi Burkart-Merz, zuständig für den Bereich Bildung des Verbands Luzerner Gemeinden. Die Gemeinden würden bereits heute 75 Prozent der Bildungskosten berappen – mit der neuen Regelung würde auf die meisten eine «finanzielle Mehrbelastung» zukommen. Da das erste Schuljahr am Kurzzeitgymnasium bei den 2.-Sek-Abgängern zur obligatorischen Schulzeit zählt, müssen die Gemeinden Schulgeld an den Kanton entrichten – 15 000 Franken pro Schüler. Reto Wyss räumt zwar «gewisse Nachteile» für die Gemeinden ein. Die Zusatzkosten würden im Projekt Leistungen und Strukturen 2, dem aktuellen Sparpaket des Kantons, aber anderweitig kompensiert. «Dies stimmt nur teilweise», sagt indes Burkart-Merz. Gewisse angedachte Sparmassnahmen, wie etwa der Lehrplan 21 oder die Reduktion von externen Evaluationen, würden höchstens beim Kanton zu Sparmöglichkeiten führen.

«Nur noch finanzgesteuert»

Parteien chh. Die Regierung wollte bereits 2012 im Rahmen des Gesetzes über die Gymnasialbildung den Übertritt ans Kurzzeitgymnasium nur ab der 2. Sek erlauben. Doch die Vorlage wurde vom Kantonsrat verworfen. Hinter die Regierung stellten sich nur einzelne Vertreter der SVP und CVP. Und heute? «Das Anliegen nochmals auf die Agenda zu bringen, ist völlig fehl am Platz», sagt SVP-Kantonsrätin Barbara Lang. Die Vorlage sei im Grundsatz mit jener vor zwei Jahren identisch. «Nur dass die Verwaltung für diesen Bericht Zeit und viel Geld investiert hat.»

FDP unzufrieden mit Antworten

Der Planungsbericht des Regierungsrates, worin nun die neue Regelung vorgeschlagen wird, geht auf ein vom Kantonsrat als erheblich erklärtes Postulat zurück. Darin forderte FDP-Kantonsrätin Angela Pfäffli die Regierung unter anderem dazu auf, den Übertritt nach der 2. Sek nicht nur aus finanzpolitischer, sondern auch aus bildungspolitischer Sicht anzuschauen. «Die Antwort auf die von mir geforderte Klärung ist teilweise schwammig und unvollständig dargestellt», sagt sie nun. So sei etwa nicht klar, warum heute zwei Drittel der Schüler erst ab der 3. Sek ins Kurzzeitgymnasium wechseln würden. Ebenso bleibe unklar, inwiefern der Lehrplan des Kurzeitgymnasiums jenem der 2. Sek Niveau A anschliesse. «Dennoch lehnt die FDP einen Übertritt nach der 2. Sek nicht a priori ab.» Bevor sie aber dem Bericht zustimmen könne, müssten offene Fragen in der Bildungskommission geklärt und in der Fraktion besprochen werden.

Linke sind entschieden dagegen

«Wir werden den Planungsbericht zu diesem Thema nicht unterstützen», sagt die grüne Kantonsrätin Monique Frey. «Uns scheint, dass sich der Regierungsrat nicht von pädagogischen Grundsätzen leiten lässt, sondern den Entscheid nur noch rein finanzgesteuert fällt.» Das jetzige System entspreche den heutigen Verhältnissen, «dass nämlich mehr Schüler nach der 3. und nicht nach der 2. Sek ans Kurzzeitgymnasium wechseln». SP-Fraktionschefin Priska Lorenz: «Aus unserer Sicht bringt die Änderung Leistungsabbau, weniger Durchlässigkeit der Bildungswege und weniger Chancengerechtigkeit.» Das Geschäft wird es laut Ludwig Peyer, Fraktionschef der CVP, auch in seiner Partei «schwer haben». Es sei derzeit von der Fraktion aber noch nicht ordentlich behandelt worden.
Chancen hat die Vorlage bei GLP-Fraktionschefin Michèle Graber: «Grundsätzlich begrüssen wir, wenn der Übertritt ans Kurzzeitgymnasium bereits ab der 2. Sek erfolgt. Die Ausnahmeregelungen für einen späteren Übertritt sollten aber grosszügiger sein.» Klar sei aber auch: «Objektiv betrachtet, verkomplizieren die zwei Gymnasialmodelle das Schulsystem und schaffen eine teure Parallelstruktur.» Es solle darum auch vertieft geprüft werden, ob das Langzeitgymi abzuschaffen sei und «wie in vielen anderen Kantonen nur noch das Kurzzeitgymi angeboten werden soll».