SCHULE: Kaum mehr Sekundarlehrer-Jobs

Seklehrer tun sich wegen der sinkenden Schülerzahlen schwer auf der Stellensuche. Trotzdem werden weiter Quereinsteiger gefördert. Ein Widerspruch?

Stephan Santschi, Sarah Weissmann
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Die Gemeinde Kriens rüstet ihre Schulzimmer auf. (Bild: Keystone / Gaetan Bally)

Die Gemeinde Kriens rüstet ihre Schulzimmer auf. (Bild: Keystone / Gaetan Bally)

Stephan Santschi, Sarah Weissmann

«Es ist nicht so, dass keine Stellen offen wären. Es sind aber gewiss deutlich weniger als früher.» So schildert Charles Vincent, der Leiter der kantonalen Dienststelle Volksschulbildung, die aktuelle Situation der Seklehrer. Belegen kann er dies mit Zahlen. Für das Schuljahr 2015/16 sind auf Sekundarstufe derzeit nur noch vier Stellen ausgeschrieben. «In der jüngeren Vergangenheit war es zu diesem Zeitpunkt auch schon das Achtfache», so Vincent.

Für die Lehrkräfte der Sekundarschule hat sich die Wetterlage in kurzer Zeit eingetrübt. Noch vor zwei Jahren gab es auf dem Markt zu wenig Fachkräfte. Werner Hürlimann, der Leiter des Studiengangs Sekundarstufe I an der Pädagogischen Hochschule Luzern, erinnert sich: «Schulleitungen besetzten ihre Stellen mit Ach und Krach und mussten dabei teilweise auf prekäre Qualifikationen zurückgreifen. Heute können sie wieder aus zehn Dossiers auswählen.» Aus einem Mangelangebot sei damit ein ausgewogener Stellenmarkt geworden.

Über 100 Klassen geschlossen

Der Grund für den Wandel sind geburtenschwache Jahrgänge und die daraus resultierenden sinkenden Schülerzahlen. Heute besuchen gemäss dem Zahlenspiegel der Dienststelle Volksschulbildung (ohne private Schulen) knapp 10 000 Jugendliche die drei letzten obligatorischen Schuljahre. Vor zehn Jahren waren es noch rund 12 200. Das entspricht einem Rückgang von 18 Prozent. In dieser Zeitspanne sind im Kanton Luzern über 100 Klassen geschlossen worden. Entsprechend gingen auch die Arbeitsverhältnisse zurück – von über 1800 Lehrerjobs auf etwas mehr als 1400. «Das ist relativ viel. Ich gehe davon aus, dass viele Teilpensen verschwunden sind», so Vincent. Zu Entlassungen oder einer strukturellen Arbeitslosigkeit sei es aber nicht gekommen. «Die Lehrer werden nicht einfach nach Hause geschickt. Es ist aber sicher so, dass befristete Verträge nicht verlängert wurden.»

Annamarie Bürkli vom Lehrerverband Luzern bestätigt, dass der Verband seitens der Lehrpersonen bisher keine negativen Rückmeldungen betreffend Entlassungen oder Kündigungen erhielt. Wenn jemand einen Arbeitsplatz hat, würde dieser in der Regel nicht einfach gekündigt. «Hat jemand trotzdem Schwierigkeiten, versuchen wir, die Lehrepersonen zu unterstützen und sie beispielsweise darauf hinzuweisen, sich in anderen Kantonen zu bewerben.» Ähnlich äussert sich Hürlimann. «Ich habe von niemandem gehört, der keine Stelle gefunden hätte», sagt er und weist darauf hin, dass man an der PH Luzern eidgenössisch anerkannte Diplome ausstelle. «Seklehrer müssen sich im Vergleich zu früher nun halt einfach mehr bewegen. Anstatt eine Stelle in Horw oder Buttisholz zu suchen, muss man nun möglicherweise über die Kantonsgrenze hinaus gehen. Der Bedarf im Aargau und im Kanton Zürich ist beispielsweise weiterhin gross.»

Entschärfend wirke zudem die hohe Anzahl an Pensionierungen. Alleine am Ende des laufenden Schuljahres werden laut Charles Vincent im Kanton Luzern rund 30 Lehrkräfte der Sekundarschule in den Ruhestand treten. Noch bis ins Jahr 2019 rechnet er mit Pensionierungen auf diesem hohen Niveau.

«System verträgt Quereinsteiger»

Auch der Rückgang der Schülerzahlen auf Sekundarstufe wird vorderhand allerdings anhalten. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, weshalb Massnahmen, die in Krisenzeiten die Rekrutierung von Seklehrern fördern sollten, beibehalten werden. Konkret geht es hier um das Angebot an der PH Luzern für Quereinsteiger. Dieses verkürzte Masterstudium richtet sich seit 2011 an Personen mit einem anderen Hochschulabschluss oder mindestens einer gymnasialen Matura mit Berufserfahrung. «Das System verträgt diese Quereinsteiger», begründet Hürlimann. Er spricht von jährlich 30 Neueintritten, was einem Drittel der rund 100 Teilnehmer des regulären Studiengangs entspricht. «Diese Quereinsteiger sorgen mit ihrer Berufserfahrung und ihrem anderen Denken für eine Auffrischung. Zudem erhöhen sie unsere Auslastung.»

Das verkürzte Masterstudium an der PH Luzern sorgt wegen der bevorstehenden Pensionierungen auch bei Anna­marie Bürkli für keine Beunruhigung. «In den nächsten Jahren wird es wieder vermehrt freie Stellen geben. Zudem gibt es nur sehr wenige Studenten, die diesen Weg wählen, denn das verkürzte Studium ist sehr anspruchsvoll.»

Ab 2018 steigt Bedarf wieder

Vincent begrüsst die Aufrechterhaltung des Angebots für Quereinsteiger. «Im Moment haben wir zwar keine Notsituation mehr. Doch das kann sich wieder ändern.» Ab dem Schuljahr 2018/19 rechnet er wieder mit einer Zunahme: «Seit 2004 haben die Geburtenzahlen markant zugenommen. 2018 werden die Ersten das Oberstufenalter erreichen. Dann werden wir auch wieder mehr Seklehrer brauchen», erklärt Vincent.

Werner Hürlimann von der PH Luzern schaut deshalb optimistisch in die Zukunft: «Wer jetzt mit der Ausbildung beginnt, ist 2019 fertig. Dann also, wenn es wieder mehr Schüler hat und die Pensionierungen immer noch auf einem hohen Niveau sind.» Interessante Zahlen liefert hierzu eine Arbeit des Bundesamts für Statistik, die sich den Perspektiven des Schweizer Bildungssystems widmet. Für den Kanton Luzern heisst es dort, dass für die Zeitspanne von 2018 bis 2022 sogar ein um mehr als 20 Prozent höherer Bedarf an Lehrern auf Sekundarstufe herrschen wird, als dies zwischen 2008 und 2012 der Fall gewesen ist. In jener Zeit also, als die Schulleitungen fast verzweifelt nach Fachkräften suchten.