SCHULE: «Lehrer sind heute lockerer»

Seit einem Vierteljahrhundert ist Pius Egli (61) der «oberste Lehrer» Luzerns, nun geht er in Pension. In dieser Zeit ist in der Schule kein Stein auf dem anderen geblieben – Egli hat stets für seine Leute gekämpft, über einen guten Lehrerwitz kann er aber dennoch lachen.

Interview Robert Bossart
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«All diese Projekte - Schule mit Profil, Schule mit Zukunft -, wo man alles  hat, haben schon viel Arbeit verursacht.» (Bild Pius Amrein)

«All diese Projekte - Schule mit Profil, Schule mit Zukunft -, wo man alles hat, haben schon viel Arbeit verursacht.» (Bild Pius Amrein)

25 Jahre lang haben Sie die Lehrerschaft vertreten und haben wie kein anderer miterlebt, wie die Schule komplett umgebaut worden ist. Ist Ihnen nie schwindlig geworden bei all den «Turboreformen»?

Pius Egli: Nein, eigentlich nicht. Die Schule musste sich entwickeln, genau so wie die Gesellschaft, die Wirtschaft und jeder Mensch sich entwickelt.

Dennoch: Früher war der Lehrer ein – zuweilen behäbiger – Einzelkämpfer, heute hetzt er von Sitzung zu Sitzung, von Evaluation zu Evaluation und weiss kaum mehr, wie seine Schüler heissen. Stimmt das Bild?

Egli: Das ist natürlich übertrieben. Aber es hat eine wesentliche Änderung gegeben: Das Motto «ich und meine Klasse» hat sich gewandelt in «wir und unsere Schule». Heute nimmt man ein Schulhausteam wahr, den Lehrer als Einzelkämpfer gibt es nicht mehr. In der Regel arbeiten mehrere Lehrerinnen an einer Klasse.

Das braucht viele Sitzungen, Koordination und bringt viel Unruhe für die Kinder ...

Egli: Der Wunsch ist schon da, wieder etwas weniger Lehrpersonen in einer Klasse zu haben. Das ist wahr. Aber das Rad der Zeit zurückdrehen kann man nicht.

Sind die Lehrerinnen und Lehrer heute besser als vor 20 oder 30 Jahren?

Egli: Nein, zu jeder Zeit haben sie sich ihrem Umfeld entsprechend engagiert. Aber das Ganze hat sich einfach stark verändert. Als ich 1976 in Altwis im Luzerner Seetal als Lehrer unterrichtete, hatte ich noch die Schulbücher, mit denen ich selber als Kind bereits unterrichtet worden war. So etwas ist heute undenkbar, die Schule verändert sich dauernd und passt sich den neuen Begebenheiten an.

Viele kritisieren heute das Tempo der Veränderungen und reden von «Reformitis». Zu Recht?

Egli: Teilweise schon, manchmal dachte ich: Jesses Maria, jetzt kommt schon wieder eine neue Idee. Da hätte man manchmal den Mut haben müssen zu sagen, dass man noch etwas zuwartet mit einer Reform.

Zum Beispiel?

Egli: Die Integrative Förderung, also die Abschaffung der Kleinklassen und die Integration aller Schüler in der Regelklasse. Das hat zu massiven Problemen in der praktischen Umsetzung geführt.

Das Bild des Lehrers hat sich gewandelt: Früher galt er unter anderem als Verhinderer, Bewahrer und Nein-Sager – und heute? Als Bildungsmanager?

Egli: Das hat was. Heute wird individuelle Förderung grossgeschrieben. Das erfordert viel Flexibilität.

Bleiben wir etwas bei den Klischees. Kennen Sie den Witz: Was gibt es, wenn man einen Lehrer mit einer Dampfwalze überfährt?

Egli: Ein neues Lehrmittel? (lacht)

Nein, einen Ferienprospekt. Hat sich dieses Vorurteil überlebt?

Egli: Dass die Lehrpersonen so viele Ferien haben, hat nie gestimmt, zumindest nicht bei den engagierten. Die Arbeitsbelastung der Lehrerschaft wurde erhoben, und es kam heraus, dass sie genauso hoch ist wie bei anderen Berufen. Sie haben nicht 13 Wochen Ferien, sondern 13 Wochen unterrichtsfreie Zeit. Heute gibt es einen Berufsauftrag, in dem vieles festgeschrieben ist, was wann getan werden muss. Das hat sich auch geändert: Ich konnte 1976 als Lehrer um halb fünf in den Garten, wenn das Wetter schön war. Und niemand fragte mich, ob ich dann von neun bis elf Uhr abends noch die Aufsätze korrigiert habe.

Arbeiten denn Lehrerinnen und Lehrer heute mehr als früher?

Egli: Nicht mehr, sondern anders. Wenn sie heute um sechs nach Hause gehen, haben sie nicht noch Hefte zum Korrigieren mit dabei, sondern haben dies in der Schule erledigt.

Was für ein Schlag Leute sind Lehrerinnen und Lehrer?

Egli: Es sind Menschen, die mit Kindern zusammenarbeiten möchten – und die auch mit Erwachsenen umgehen können. Und wie bereits angetönt: Die Einzelkämpfer von früher gibt es nicht mehr, heute wird viel mehr im Team gearbeitet. Die jungen Lehrerinnen und Lehrer von der Hochschule kommen anders daher.

Was sind das für «neue» Lehrertypen?

Egli: Sie sind vielleicht etwas lockerer und nehmen nicht alles so todernst, wie wir das früher gemacht haben. Sie haben etwas mehr Distanz zum Ganzen.

Ist der Typus «Lehrer mit Herzblut» ausgestorben?

Egli: In gewisser Weise schon. Ich sehe heute Lehrpersonen, die mit einer guten Portion Gelassenheit zu Werke gehen. Das ist eine positive Entwicklung, weil so die Gefahr des «Ausbrennens» weniger hoch ist.

Aber ist es nicht auch schade, dass es nicht mehr den liebevollen Klassenlehrer gibt, der Lager organisiert und für seine Schüler alles macht?

Egli: Ja und nein, wissen Sie, früher gab es den Typus des «Zehnkämpfers», der alles von Grund auf selber gemacht hat, der Tag und Nacht und eben mit Herzblut Lehrer war – und je nachdem auch sehr empfindlich reagierte, wenn etwa Eltern etwas kritisierten. Heute sind es eher Menschen, die klar trennen zwischen Schule und Privatem, die sagen: Jetzt bin ich Lehrer, und heute Abend zu Hause bin ich der Heiri Müller.

Sie hören nach einem Vierteljahrhundert als Geschäftsführer des Lehrerverbands auf. Wie fühlt sich das an?

Egli: Ich habe zwei Seelen in meiner Brust: Einerseits ist etwas Wehmut mit dabei, weil mich diese Arbeit so fasziniert. Andererseits ist in diesen 25 Jahren so wahnsinnig viel los gewesen, dass ich mich jetzt auch gerne zurückziehe.

War es eine strenge Zeit?

Egli: Mitunter schon, all diese Projekte – Schule mit Profil, Schule mit Zukunft –, wo man auf Deutsch gesagt alles «auf den Grind gestellt» hat, haben schon viel Arbeit verursacht.

Was hat Sie in Ihrem Amt am meisten Nerven gekostet?

Egli: Die Lohnverhandlungen, die zogen sich manchmal über Monate hin, und am Schluss gabs nichts oder nicht viel. Das brauchte manchmal einen langen Schnauf.

Sind Sie ein Mensch, der Kampfesmut hat?

Egli: Ich denke schon, das muss man in so einem Job haben. (lacht) Man muss mit Worten fechten können, es geht ja um viel, die Schule ist ein komplexes und wichtiges Feld.

Was war die grösste Veränderung, die Sie erlebt haben?

Egli: Die Einführung der Schulleitungen. Das war völlig neu, die Lehrpersonen waren sich bisher nicht gewohnt, dass sie eine Führung, einen Chef haben. Das hat Zeit gebraucht, und es gibt heute noch einzelne, die sich damit schwertun.

Das ist ja eigentlich lustig: Lehrer müssen andauernd andere bewerten und beurteilen, selber aber lieben sie das gar nicht.

Egli: Das ist so, das war eben diese Kultur des Einzelkämpfers. Und entsprechend haben die «neuen» Lehrer mit dem Schulleitungssystem weniger Mühe.

Noch ein letztes Mal ein Klischee: Lehrer jammern immer – also sind Sie der Oberjammeri?

Egli: Ich habe nie von Jammern gesprochen, sondern von Argumentieren. Wir können unsere Arbeit im Schulzimmer nur gut machen, wenn das Arbeitsumfeld stimmt – darum muss man sich kümmern und entsprechende Forderungen stellen.

Ihre Frau arbeitet seit vielen Jahren im Sekretariat und ist so etwas wie Ihre rechte Hand. Geht das gut, mit der eigenen Frau zu arbeiten?

Egli: Das ist nie ein Problem gewesen.

Wirklich?

Egli: Sicher, unter uns gesagt, ist klar, dass schon auch mal ein Wortwechsel etwas lauter ist, als wenn es eine Frau Anderhub wäre, mit der man privat nichts zu tun hat.

Haben Sie abends überhaupt noch etwas zu erzählen, wenn man den ganzen Tag zusammen im Büro war?

Egli: Aber sicher, wir haben noch viel anderes, das uns beschäftigt. Aber es kam schon vor, dass wir am Sonntag beim Frühstück die nächste Woche besprachen.

Wie wichtig ist Ihre Monika für Sie bei der Arbeit?

Egli: Ohne sie ginge es nicht, sie hat mir immer viel abgenommen. Und schliesslich bin ich der Einzige, der seine Sekretärin auf den Schoss nehmen darf, ohne rot zu werden. (lacht)

Eine vielleicht etwas indiskrete Frage: Bärte sind zurzeit wieder Mode, und Sie tragen einen besonders eindrücklichen. Ich nehme an, dass es bei Ihnen nicht um eine Modeerscheinung geht. Möchten Sie damit Autorität ausstrahlen?

Egli: Ach was! Seit ich zwanzig bin, trage ich einen Bart. Der Ursprung war in einem Jungwachtlager, als wir das Thema Ritter hatten. Da liessen wir uns mit 19 unsere spärlichen Haare wachsen. Seit da habe ich einen Bart.

Haben Sie ihn nie abrasiert?

Egli: Einmal, aber da hat mich kaum jemand mehr erkannt. Jemand sagte mir, ich würde mich ja doch nicht trauen – so etwas zu mir zu sagen, ist nun mal gefährlich.

Das konnten Sie nicht auf sich sitzen lassen.

Egli: Nein, in solchen Sachen lasse ich mich leicht herausfordern.

Mit Ihnen einen Termin auszumachen, ist nicht so einfach. Es gibt nicht viele Abende, an denen Sie nicht an einer Sitzung oder Veranstaltung sind. Das wird sich bald ändern.

Egli: Ich freue mich wieder auf die Abende, an denen ich zu Hause sein kann.

Angst vor der grossen Leere haben Sie nicht?

Egli: Oh nein. Ich habe so viele Bücher, die ich lesen muss, ich habe viele Kochbücher mit Rezepten, die ich ausprobieren möchte. Kochen ist ein Hobby, das ich leidenschaftlich gern betreibe. Und vor allem wird man mich vermehrt am Rebberg antreffen, ich bin seit vielen Jahren in der Rebbaugenossenschaft Saffergarten beteiligt. Und ich habe noch etwas Wald, den es zu bewirtschaften gilt. Ich möchte vor allem viel draussen sein und etwas machen, darauf freue ich mich.

Sie waren in jungen Jahren der Dorflehrer in Altwis. War das Ihr Traumberuf?

Egli: Ja, ich habe zuerst eine kaufmännische Ausbildung gemacht und auf diesem Sektor gearbeitet und kam erst etwas später zum Lehrerberuf.

Warum haben Sie diesen Beruf wieder aufgegeben?

Egli: Die Aufgabe, das Sekretariat des Lehrerverbandes neu und von Grund auf aufzubauen, reizte mich sehr, da konnte ich nicht widerstehen. Wenn ich heute zurückschaue, muss ich sagen: So eine Chance bekommst du nur einmal im Leben.

Halbe Sachen sind nicht so Ihr Ding – nun haben Sie 25 Jahre durchgehalten.

Egli: Wenn ich mal etwas anfange, dann ziehe ich es durch. Es braucht viel, bis ich den Bettel hinschmeisse.

Was waren eigentlich Sie für ein Schüler?

Egli: Die vierte bis sechste Klasse ging ich zu meinem Vater in die Schule, der auch Lehrer war. Das war nicht immer nur eitel Freude, aber insgesamt hatte ich eine unproblematische Schulzeit.

Die Schule hat sich seither stark geändert, die Schüler auch?

Egli: Ja, ganz klar. Ich würde sagen, wir waren damals noch brav in der Schule. Wenn der Lehrer etwas gesagt hat, hat das gegolten, und wenn du einen Tatsch bekommen hast, gabs womöglich zu Hause gleich noch einen drauf. (lacht)

Und heute sind alle frech und undiszipliniert?

Egli: Sie sind viel offener, und das ist auch gut so. Die Sozial- und Selbstkompetenz ist viel höher, allerdings ist es wichtig, den richtigen Umgang mit diesen Fähigkeiten zu erlernen.

Der Ruf von rechter Seite nach einem Zurück zu Zucht und Ordnung – was halten Sie davon?

Egli: Das geht nicht, auch hier kann man das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Zudem ist es doch zu begrüssen, dass die Kinder heute diese Offenheit haben.

Im Schulwesen scheint es wiederkehrende Wellenbewegungen zu geben: Mal herrscht Lehrermangel, mal Überfluss, mal müssen die Lehrer streng sein, dann wieder liebevoll, mal individuell unterrichten, mal frontal: Gibt es da eine Gesetzmässigkeit?

Egli: Wie in der Mode und auch sonst in der Gesellschaft gibt es auch in der Schule Strömungen, die kommen und wieder gehen.

Wie gesagt: Lehrer haben viel Ferien. Und Sie?

Egli: Leider nicht so viele.

Aber wenn Sie haben, bleiben Sie zu Hause?

Egli: Nein, wir sind viel auf Reisen, auch aus familiären Gründen, beide Kinder hat es in den frankofonen Raum verschlagen. Die Tochter wohnt in Cannes, der Sohn in Genf. Nun werde ich mehr Zeit zum Reisen haben. Und eben: der Wein, das Essen, die Bücher ....

Sie sind ein hartnäckiger Chrampfer, der dem Genuss nicht abgeneigt ist.

Egli: Das ist so, irgendwo muss man sich seinen Ausgleich ja holen (lacht).

Worauf freuen Sie sich am meisten?

Egli: Dass ich über meine Zeit frei verfügen kann und nicht mehr so fremdbestimmt bin. Und nicht mehr jeden Morgen um sechs aufstehen muss.