SCHULE: «Männer wirken anders auf Kinder»

Männliche Lehrer sind in den Luzerner Primarschulen krass in Minderzahl. Was bewegt die Lehrer, den Beruf dennoch auszuüben?

Yasmin Kunz
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Roland Rüttimann, Primarlehrer im Emmenbrücker Schulhaus Erlen, erklärt seinen 6.-Klässlern Patrick Berger und Jan Ackermann (rechts) eine Aufgabe im Englischheft. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Roland Rüttimann, Primarlehrer im Emmenbrücker Schulhaus Erlen, erklärt seinen 6.-Klässlern Patrick Berger und Jan Ackermann (rechts) eine Aufgabe im Englischheft. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Grosser Frauenüberhang in der Luzerner Lehrerschaft: Knapp 80 Prozent von total 5295 Lehrpersonen auf Stufe Volksschule (ohne Gymnasien) sind weiblich. Je nach Altersstufe variiert der Frauenanteil (siehe Tabelle), wie die neusten Zahlen von Lustat Statistik Luzern zeigen (Ausgabe vom Montag). Auf Stufe Kindergarten hat gemäss der Dienststelle Volksschule im ganzen Kanton Luzern im auslaufenden Schuljahr ein einziger Mann unterrichtet, in der Basisstufe sind es deren fünf.

Auch in der Ausbildung ist die Frauenquote sehr hoch. Aktuell liegt der Frauenanteil an der Pädagogischen Hochschule Luzern (PHZ) bei 76 Prozent. 86 Prozent wählen die Studienrichtung Primarstufe, bei der Basisstufe sind es gar 99 Prozent. Stellt sich die Frage: Was sagen männliche Lehrer zu ihrer Minderheitenrolle? Stimmt es, dass das frauendominierte Arbeitsumfeld Schwierigkeiten birgt? Warum ist der Lehrerberuf auch oder gerade für Männer interessant?

Mit Hobbys punkten

Roland Rüttimann (50)unterrichtet seit knapp 30 Jahren auf Primarstufe, aktuell ist er 6.-Klass-Lehrer in Emmenbrücke. Er sagt: «Als ich angefangen habe, unterrichtete eine Lehrerin in der 5. und 6. Primar. Das war damals etwas Extraordinäres.» Sie hätte sozusagen in der «Königsklasse» unterrichtet. Heute ist es der Normalfall, dass Frauen eine 5. oder 6. Klasse führen. Für den Stadtluzerner Basisstufe-Lehrer (Kindergarten bis zweite Klasse) Alex Messerli (29) ist es «grundsätzlich wichtig», dass auch Männer diesen Beruf ausüben. «Männer haben einfach eine andere Präsenz», sagt er. Rüttimann bestätigt: «Männer wirken anders auf die Kinder, sei es durch ihre Grösse oder die tiefe Stimme.» Zudem würden Lehrer bei den Knaben auch mit Hobbys – wie Fussball – punkten.

Fehlende Karrieremöglichkeiten

Für Roland Rüttimann liegt ein Grund, weshalb so wenig Männer den Lehrerberuf wählen, vorwiegend auch bei den fehlenden Karrieremöglichkeiten. «Zudem steigt der Lohn – wenn überhaupt – nur gering und langsam an.» Gemäss der Besoldungsliste verdienen ausgebildete Lehrer im Kanton Luzern auf der Basisstufe zwischen 5700 Franken und 8600 Franken, auf der Primarstufe zwischen 6000 Franken und 9000 Franken.

Nichtsdestotrotz birgt der Beruf für Rüttimann spezielle Reize: «Ich kann meine Kreativität, Vielfalt bei der Arbeit ausleben.» In einem Turnus von zwei Jahren kämen wieder rund 20 neue Kinder, das mache «den Alltag extrem spannend und auch herausfordernd».

Dies bestätigt auch BasisstufenlehrerIvo Dincic (20), der gerade das erste Studienjahr an der PH Luzern abgeschlossen hat: «Das Kreative fasziniert mich», sagt er. «Im Kindergarten kann ich mit den Kindern in eine Spielwelt abtauchen, mit ihnen etwas erleben.» Dafür brauche es natürlich auch die Begeisterungsfähigkeit, sich dieser Fantasiewelt hinzugeben. «Ein gebasteltes Schwert ist für mich eben nicht ein Kartonschwert, sondern ein Schwert», fügt er lachend an. Alex Messerli wählte den Beruf, weil «ich die Entwicklungsschritte in den Jahren von vier bis acht besonders spannend finde.» Als Lehrer müsse man auch viel Feingefühl mitbringen, sagt er weiter.

«Balance von Mann und Frau fehlt»

Der angehende Basisstufenlehrer Ivo Dincic erläutert die Geschlechterrollen an einem Beispiel: «Wenn zwei Buben streiten, weiss ich, wie das läuft. Streiten sich zwei Mädchen, bin ich noch überfordert, weil ich das nicht kenne.» Eine Lehrerin kenne womöglich das Problem in genau umgekehrter Richtung. «Die Balance von Mann und Frau im Lehrerberuf fehlt», findet PH-Student Dincic, mehr Männer seien wünschenswert.

Männer unter Verdacht

Für Männer abschreckend wirken kann gemäss Dincic und Messerli, dass gerade Basisstufenlehrer sich oft gegen Vorurteile wehren müssten. «Männer, die mit kleinen Kindern arbeiten, geraten bald mal in den Verdacht der Pädophilie. ‹Was macht ein Mann mit Kindern?›, das fragen sich viele Leute», so Dincic. Diese Fragen kämen sogar aus dem eigenen Umfeld, «und das schmerzt». Auch Messerli sagt: «Man muss schon vorsichtig sein, was man macht.» Diese Vorurteile sind laut Dincic nebst dem Lohn sicher Gründe, weshalb der Beruf für Männer an Attraktivität eingebüsst habe. «Viele kommen gar nicht auf die Idee, einen Beruf mit Kindern auszuüben, obwohl er ihnen gefallen könnte.»

Vorurteile, fehlende Karrieremöglichkeiten, Minderheitenrolle – trotzdem würde Roland Rüttimann heute wieder denselben Beruf wählen. «Er ist bereichernd, emotional, und die Jahre fliegen nur so vorbei.»

Zu wenig Lehrer – ein Grund ist das Hochschulstudium

Studien «Es braucht mehr Männer, weil viele Kinder nie in ihrer Schulkarriere einen Lehrer erleben», sagt Beat Ramseier, Geschäftsleiter des Netzwerks Schulische Bubenarbeit (NWSB). Der Verein setzt sich ein, um Männer für den Lehrerberuf zu gewinnen.

Formales für Männer wichtiger

Buben sollen im Laufe ihrer Entwicklung «verschiedene und vor allem reale Männerrollen» kennen lernen, so Ramseier. «Es geht uns überhaupt nicht darum, Frauen gegen Männer auszuspielen.» Weder Frauen noch Männer seien besser geeignet als Lehrer. Dies würden Studien belegen. «Das Geschlecht des Lehrers spielt keine Rolle für die Leistung der Schüler.» Ebenso habe ein hoher Frauenanteil auch keine Auswirkungen auf das Bildungssystem. Dennoch gibt es Unterschiede: Untersuchungen zeigen, dass Lehrer mehr die «offiziellen schulischen Anforderungen und Strukturen» vertreten als Lehrerinnen. Dies geht aus einer 2012 veröffentlichten Studie von Mitarbeiterinnen der Pädagogischen Hochschule Zürich hervor. Männer gewichten demnach die «formalen Aspekte» stärker und «halten mehr Distanz» zu den Schülern. Lehrerinnen wiederum setzen mehr «auf die Ausgestaltung des Unterrichts» und eine Beziehung zu den Schülern.

«Natürlich sind nicht alle Männer gleich», sagt Ramseier. «Aber in der Tendenz können sie Buben besser nachfühlen, weil sie dasselbe Geschlecht haben.» Das Umgekehrte sei bei Frauen und Mädchen der Fall. So gesehen sei es für die Schüler wichtig, auch bei Männern Unterricht zu haben. Die Gründe, warum dies aber immer weniger vorkommt, sind vielfältig. Studien zeigen unter anderem, dass der Beruf wegen «geringer Karriere- und Aufstiegsmöglichkeiten als Sackgasse» wahrgenommen wird. Zugleich wird seit den 2003 erlassenen Bologna-Richtlinien ein längeres Studium verlangt. Im Kanton Luzern werden Lehrer seither nicht mehr an Lehrerseminaren ausgebildet, sondern an Pädagogischen Hochschulen. Wie aus einem Bericht der PH Zürich hervorgeht, denken viele junge Männer: «Wenn schon ein Hochschulzugang verlangt wird, dann gehe ich an die Universität oder ETH und absolviere ein Studium mit vielseitigen Perspektiven.»

Weitere Gründe für den tiefen Männeranteil auf Primarstufe sind laut Studien unter anderem:

  • Je weniger Lehrer es gibt, desto weniger Rollenvorbilder haben die Schüler – umso weniger Buben können es sich vorstellen, selbst Lehrer zu werden.
  • Lehrer auf Primarstufe sind schlechter entlöhnt als auf Sekundarstufe.
  • Der Lehrerberuf ist weiblich etikettiert. Dies schreckt Männer ab.
  • Es geht im Beruf vermehrt um Erziehungsarbeit als um Stoffvermitteln.
  • Männer mit einer Matura fokussieren sich eher auf ein bestimmtes Thema (Studienfach), das breite Schulfeld spricht sie weniger an.

«Kämpfen mit Vorurteilen»

Damit es künftig wieder mehr Lehrer gibt, brauche es Projekte wie «Männer an die Primarschule», sagt Ramseier. Dabei sollen durch verschiedene Teilprojekte Jugendliche oder Quereinsteiger auf den Beruf aufmerksam gemacht werden. Das Gesuch für die Finanzierung des Projekts liegt derzeit beim Bund. Es wird vom NWSB zusammen mit Lehrerverbänden und acht pädagogischen Hochschulen – unter anderem der PH Luzern – durchgeführt.

Ramseier sagt: «Wir müssen aktiv auf Buben und Männer zugehen. Viele Männer kämpfen mit Vorurteilen.» Wie Untersuchungen zeigen, fühlen sich viele Gymnasiasten abgeschreckt vom «Frauenberuf Lehrer». Ebenso werden Männer in erzieherischen Berufen vermehrt «unter Generalverdacht der Pädophilie gestellt». Ein Beispiel: Ist es nach dem Turnen in der Bubengarderobe lärmig, geht die Lehrerin hinein, sorgt für Ordnung. «Macht dies ein Mann bei der Mädchengarderobe, kann es schnell zu Problemen führen.»

Christian Hodel