SCHULE: Reto Wyss gibt zu: Es ist auch eine Sparübung

Der Übertritt ans Kurzzeitgymnasium soll nur noch ab der 2. Sek möglich sein. Nun räumt der Bildungsdirektor ein: Das kann zu Qualitätseinbussen führen.

Interview Christian Hodel
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Gestern Nach­mittag in einer 1. Klasse des Kurzzeitgymnasiums Musegg in der Stadt Luzern: Lehrerin Rahel Grunder (schwarzes Oberteil) gibt Gestaltungs­unterricht. (Bild Dominik Wunderli)

Gestern Nach­mittag in einer 1. Klasse des Kurzzeitgymnasiums Musegg in der Stadt Luzern: Lehrerin Rahel Grunder (schwarzes Oberteil) gibt Gestaltungs­unterricht. (Bild Dominik Wunderli)

Künftig sollen nur noch 2.-Sek-Schüler ans Kurzzeitgymnasium wechseln. Der Kanton könnte so jährlich 529 000 Franken einsparen. Zudem bekäme er von den Gemeinden 1,8 Millionen zusätzliches Schulgeld. Der Vorschlag wurde vor zwei Jahren vom Kantonsrat hochkant verworfen. Jedoch forderte das Parlament im Anschluss von der Regierung einen Bericht, in dem ein Übertritt nach der 2. Sek aus pädagogischer Sicht beurteilt werden soll. In diesem kommt die Regierung nun zum gleichen Schluss: Der Übertritt nach der 3. Sek soll mit wenigen Ausnahmen gestrichen werden. Der Kantonsrat wird wohl im November über den Bericht befinden. Klar ist schon jetzt: Lehrer sind über den Vorschlag entrüstet (Ausgabe vom 8. September). Die leistungsstarken Schüler würden inmitten der Ausbildung weggerissen, sagen sie. Der Weg in die Berufslehre bleibe ihnen von vornherein verwehrt.

Reto Wyss, wird mit dem Vorschlag die Volksschule geschwächt?

Reto Wyss*: Von einem generellen Qualitätsverlust möchte ich nicht sprechen, denn zahlreiche andere Kantone kennen diese Regelung auch, ohne jeglichen Schaden. Ich bestreite aber nicht, dass die neue Übertrittsregelung für die Schüler eine gewisse Einschränkung bedeutet.

Wieso will man dann trotzdem den Wechsel nach der 3. Sek verbieten?

Wyss: Aus pädagogischer Sicht ist die Änderung beim Übertrittsverfahren vertretbar. Die Lehrpläne sind auf einen Übergang nach der 2. Sek ausgerichtet. Der Entschluss der Regierung beruht aber auch auf finanzpolitischen Überlegungen.

Es geht also lediglich darum, auf dem Buckel der Schüler zu sparen?

Wyss: So ist das nicht. Fakt ist, die Regierung bekam vor zwei Jahren vom Parlament den Auftrag zu überprüfen, inwiefern es aus pädagogischer Sicht möglich ist, nur noch nach der 2. Sek ans Kurzzeitgymnasium zu wechseln. Wir sind nun basierend auf Fakten und auch im Anbetracht des Kostendrucks zum Schluss gekommen, dass ein Wechsel grundsätzlich nach der 2. Sek vertretbar ist.

Was spricht denn aus pädagogischer Sicht für die neue Regelung?

Wyss: Bisher haben die 3.-Sek-Schüler ein Jahr verloren, wenn sie ans Kurzzeitgymnasium gewechselt sind. Denn der Lehrplan der 2. Sek A ist so ausgelegt, dass ein Übertritt reibungslos auf dieser Stufe vonstatten geht.

Der Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverband ist anderer Meinung: Der Lehrplan sei nur auf leistungsstarke Schüler ausgelegt und in der Praxis nicht immer umsetzbar.

Wyss: Selbstverständlich ist der Lehrplan der Sek A auf die leistungsstarken Schüler ausgelegt. Die Sek A ist kein Wohlfühlprogramm. Das Niveau A wurde als Vorbereitung auf das Kurzzeitgymi geschaffen. Dies, damit Langzeit- und Kurzzeitgymi gleichwertige Wege darstellen. Der Lehrplan des Kurzzeitgymis schliesst an jenen der 2. Sek A an. Ein Übertritt ab dieser Stufe ist machbar. Dies zeigen die Erfahrungen in anderen Kantonen und etwa in der Region Entlebuch (siehe Kasten; d. Red.). Hier findet der Übertritt bereits seit 2002 nur ab der 2. Sek statt. Die Durchfallquote an den Gymis ist deswegen nicht höher als anderswo.

Zwei Drittel der Luzerner Schüler, die ans Kurzzeitgymi wollen, wechseln erst nach der 3. Sek. Auch weil sie sich überfordert fühlen.

Wyss: Es gibt viele Gründe, warum die Lernenden erst nach der 3. Sek den Übertritt wagen. Viele Schüler wollen eine Sicherheit, damit der Einstieg ins Gymnasium gelingt, und machen darum ein Schuljahr mehr. Andere werden von den Lehrern oder Eltern angehalten, die Oberstufe zu beenden, weil sie sich ein Jahr später noch immer entscheiden können.

Was ist falsch, wenn sich die Schüler Zeit nehmen, die Zukunft zu planen?

Wyss: Grundsätzlich nichts. Es macht aber keinen Sinn, wenn die Mehrheit der Lernenden ein Jahr wiederholt.

Ist es denn sinnvoll, wenn die Schüler nach dem ersten Jahr am Kurzzeitgymnasium bereits wieder aufgeben müssen?

Wyss: Ich glaube nicht, dass sich die Durchfallquote an den Gymnasien erhöhen wird. Warum soll der Übertritt nach der 2. Sek nicht auch in den übrigen Regionen funktionieren, wenn es doch im Entlebuch und in andern Kantonen geht? Die kommunalen Unterschiede zeigen, dass es vor allem auch eine Frage der Überzeugung und der Information ist.

Buben entwickeln sich in der Tendenz schulisch weniger schnell als Mädchen. Sie sind an den Gymnasien aber bereits heute klar in der Minderheit (Ausgabe von gestern). Jetzt stellt man ihnen eine weitere Hürde.

Wyss: Ich glaube nicht, dass sich wegen des neuen Systems an der Geschlechterverteilung an den Kurzzeitgymnasien etwas ändern wird.

Lehrer von Gymnasien befürchten, dass künftig weniger Schüler die gymnasiale Matura machen werden.

Wyss: Diese Befürchtung teile ich nicht.

Andere Pädagogen sehen in der neuen Regelung eine Schwächung der Berufslehre und der Berufsmatura.

Wyss: Ich glaube nicht, dass es wegen eines neuen Übertrittsverfahrens zu grossen Verschiebungen kommt. Wir haben ein hervorragendes Bildungssystem. Die Regelung wird daran nichts ändern.

Fakt ist: Schnupperlehren finden erst im zweiten Semester der 2. Sek statt – wie soll sich ein Schüler also entscheiden können, wenn er nicht beide Wege aufgezeigt bekommt?

Wyss: Es ist richtig, dass die Schnupperlehren primär erst im zweiten Semester der 2. Sek stattfinden. Fakt ist aber auch, dass der Berufswahlprozess schon intensiv im ersten Semester ein Thema ist. Zudem ist dieser Prozess sehr individuell. Lernende können auch bereits im ersten Semester Schnupperlehren machen und den Weg ans Kurzzeitgymi parallel weiterverfolgen.

In der Praxis sieht der Berufswahlprozess oft anders aus, sagen Lehrer. Ihre Lösung sei völlig realitätsfern.

Wyss: Ich kann die Sorgen der Volksschullehrer verstehen, dass sie die leistungsstarken Schüler bis am Ende der obligatorischen Schulzeit in der Klasse haben möchten. Die neue Lösung bietet aber die Chance, in der 3. Sek wirklich die Vorbereitung auf den Berufseintritt zu verstärken.

Hand aufs Herz: Können Sie hinter dem Regierungsentscheid stehen?

Wyss: Ja, das kann ich.

Aber sinnvoll ist er nicht?

Wyss: Wie gesagt, die Freiheit der Schüler, selbst zu entscheiden, wird eingeschränkt. Ebenso wird es möglicherweise zu geringen Qualitätseinbussen kommen, weil die leistungsstarken Schüler früher die Sek verlassen werden. Aber die Lösung ist aus pädagogischer Sicht vertretbar.

Das tönt nicht gerade überzeugend.

Wyss: Schauen Sie, die Regierung hat den Auftrag des Kantonsrates umgesetzt und nun eine Lösung vorgeschlagen. Jetzt liegt es abermals am Parlament, darüber zu befinden. Man kann uns nicht immer Sparaufträge erteilen und dann die noch umsetzbaren Vorschläge kritisieren.

Der Kanton muss sparen, die Schule soll effizienter werden. Wie viel Freiraum bleibt für die Schüler übrig?

Wyss: Wir haben ein sehr gutes Bildungsangebot. Im Moment gibt es aus meiner Sicht im Bildungsbereich bezüglich Sparen keinen Spielraum mehr. Fest steht aber: Aufgrund des ansteigenden Bevölkerungswachstums werden die Kosten für die Bildung auch künftig zunehmen.

Hinweis

* Reto Wyss (49, CVP) kommt aus Rothenburg. Er ist der Vorsteher des Bildungs- und Kulturdepartements des Kantons Luzern. Er gehört seit Juli 2011 der Regierung an.

Das Entlebuch ist ein Sonderfall

Anders als in den übrigen Regionen des Kantons Luzern gibt es im Entlebuch kein Langzeitgymnasium. Schüler, die im Entlebuch die gymnasiale Matura erlangen wollen, müssen das Kurzzeitgymnasium der Kantonsschule Schüpfheim besuchen. Über 90 Prozent der Schüler, die ans Gymi wollen, wechseln darum bereits ab der 2. Sek. «Das ist von uns so gewünscht», sagt Heinrich Felder, Rektor der Kantonsschule Schüpfheim. Damit die Entlebucher Schüler nicht benachteiligt sind und ein Jahr länger bis zur Matura haben, sei mit den Volksschulen vereinbart worden, dass das Gros der Schüler bereits nach der 2. Sek den Übertritt vollziehe. «Wir kennen bei uns nichts anderes und haben gute Erfahrungen gemacht», so Felder. Die Schüler würden in den ersten beiden Sek-Jahren gut auf den Übertritt vorbereitet. Die Lehrpläne der 2. Sek seien auf den Anschluss an das Kurzzeitgymnasium ausgerichtet.

Abbruchquote: Rund 7 Prozent

Laut Felder ist aber klar, dass die Situation in Schüpfheim nicht mit anderen Regionen im Kanton zu vergleichen sei. «In jenen Regionen mit Langzeitgymnasien ist die Ausgangslage eine völlig andere.» Leistungsstarke Schüler würden bereits ab der 6. Primarklasse ans Gymnasium gehen. «Im Entlebuch bleiben die leistungsstarken Schüler aber bis zur 2. Sek an der Volksschule.» Pro Jahr machen zwischen 30 und 50 der gesamthaft etwas über 200 Schüler die Matura an der Kantonsschule Schüpfheim/Gymnasium Plus. Gut 97 Prozent der Schüler bestehen die Prüfungen – was dem kantonalen Durchschnitt entspricht. Pro Jahr würden aus allen Klassen insgesamt rund 7 Prozent der Schüler den gymnasialen Lehrgang abbrechen, so Felder. «Einige Schüler promovieren nach dem ersten Schuljahr nicht oder orientieren sich um und treten eine Berufslehre an.» Die Drop-out-Rate nach dem ersten Jahr betrage bei den ersten Klassen 11 Prozent. Zum Vergleich: Am grössten Kurzzeitgymnasium im Kanton, der Kantonsschule Musegg, fallen nach dem ersten Schuljahr rund 15 Prozent der Schüler durch.