SCHULE: Sitzenbleiben oder «mitschleppen»?

Noten sollen weniger wichtig, das Wiederholen von Klassen fast unmöglich werden – so die Pläne des Kantons. Bei Politikern könnten die Meinungen dazu nicht unterschiedlicher sein.

Guy Studer
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Künftig sollen Schulnoten eine weniger gewichtige Rolle spielen und Sitzenbleiben kaum noch möglich sein. (Symbolbild) (Bild: Keystone)

Künftig sollen Schulnoten eine weniger gewichtige Rolle spielen und Sitzenbleiben kaum noch möglich sein. (Symbolbild) (Bild: Keystone)

Sitzenbleiben in der Schule soll künftig praktisch unmöglich werden. So will es der Kanton jedenfalls, wenn der Lehrplan 21 auf das Schuljahr 2017/18 eingeführt wird. Demnach würden nur noch Schüler eine Klasse wiederholen, wenn sie durch Unfall oder Krankheit längere Zeit ausgefallen sind. Bei Schülern, die nicht die vorgesehene Leistung erbringen, passt man hingegen die Lernziele nach unten an, belässt sie aber weiter in ihrer Klasse (Ausgabe vom Mittwoch).

Kanton: Sitzenbleiben bringt nichts

Grund: Die Erfahrung zeige, dass Schüler, die wiederholen, schnell in altes Fahrwasser geraten, den Vorsprung innert eines Jahres bereits wieder verspielt haben. Anders gesagt: Sitzenbleiben bringt nichts, wie Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung, sagt: «Nach kurzer Zeit ist die Leistungssituation wieder gleich, wenn nicht zusätzliche Förderungsmassnahmen eingesetzt werden.» Sukkurs erhält Vincent vom Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverband. Eine Reduktion der Lernziele bescherten schwächeren Schülern mehr Erfolgserlebnisse und bestärkten sie in deren Selbstwertgefühl.

Gewerbeverband und SVP kritisieren das Vorhaben des Kantons scharf. Eine Umfrage bei Parlamentariern, überwiegend Mitglieder der Bildungskommission im Kantonsrat, zeigt, dass die Meinungen dazu weit auseinandergehen.

CVP: Offen bleiben für Repetieren

 

  • Dass Repetieren aufgrund der Leistungen nicht mehr möglich sein soll, betrachtet CVP-Kantonsrätin Priska Wismer als falsch. «Man muss gegenüber dem Wiederholungsjahr offen bleiben.» Dies mache etwa Sinn, wenn es ein Problem der Reife sei. Wismer fordert aber eine differenziertere Betrachtung: «In den meisten Fällen liegt es an den kognitiven Fähigkeiten der Schüler.» In solchen Fällenoder wenn ein Kind beispielsweise an einer Legasthenie leide, mache Wiederholen keinen Sinn.

 

Den Einwand, dass mit der sinkenden Bedeutung der Noten der Leistungsgedanke untergraben werde, lässt Wismer nicht gelten: «Als Lehrerin weiss ich, dass man von den Kindern auch mit den Lernzielen Leistungen verlangt. Auch wenn man diese anpasst.» Sie mag die Bedeutung der Noten deshalb auch nicht überbewerten: «Sie widerspiegeln nicht eins zu eins das Können eines Kindes, sondern sind Momentaufnahmen.»

 

  • Bereits in der Ausgabe von Mittwoch äusserte sich Barbara Lang von der SVP zum Thema. Sie kann der Absicht des Kantons nichts abgewinnen: «Das hilft weder den Kindern noch den Eltern oder den Lehrern.» Letztere würden durch das individuelle und integrierte Fördern (IF/IS) noch mehr gefordert. Auch müssten die Lehrer ihre Aufmerksamkeit immer mehr auf lernschwache Kinder richten. «Spätestens nach der Oberstufe werden die Kinder von der Realität eingeholt. Denn bei Lehrbetrieben und Berufsschulen gilt das Leistungsprinzip.»

 

 

 

  • FDP-Kantonsrätin Angela Pfäfflistösst ins selbe Horn: «Ich finde das ganz schlecht. Kinder müssen sich vergleichen können.» Und dazu seien verbindliche Noten unablässig. «Auch wir Erwachsenen legen Werte fest, an denen wir uns orientieren können.» Sie ärgert sich über die «ewige Gleichmacherei und Pseudo-Chancengleichheit», wie sie sagt. «Es ist nun mal Tatsache, dass Kinder unterschiedliche Voraussetzungen im Leben haben, das sehe ich ja an meinen eigenen drei Kindern.» Pfäffli findet es problematisch, wenn der minimale Notenschnitt für den Wechsel in die nächste Klasse abgeschafft wird. «Das ist ein falsches Signal. Minimalisten hängen oft erst ein und lernen, wenn sie merken, dass es mit den Noten eng wird.»

 

 

 

  • Gemäss Jacqueline Mennel Kaeslin von der SPändert sich mit den Plänen des Kantons hingegen kaum etwas: «Mit der Einführung von IF und ISist das ja eigentlich bereits vorgesehen.Auch meine Erfahrung zeigt: Repetieren bringt in der Regel nichts, die erhoffte Wirkung ist nur von kurzer Dauer, was kontraproduktiv ist», sagt die ehemalige Primarlehrerin. Die Leistung nur auf die Noten abzustützen, wie das der Gewerbeverband mache, findet Mennel nicht zielführend, eine «sehr einseitige Haltung». Roland Vonarburg, Präsident des Gewerbeverbandes, kritisierte, der Kanton gehe mit dieser Strategie den «Weg des geringsten Widerstandes».Jugendlichewürden erst in der Lehre mit leistungsorientierten Beurteilungen konfrontiert.

 

Dennoch ist auch Mennel mit der jetzigen Entwicklung nicht glücklich: «Das integrative Schulmodell kann nur funktionieren, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.» Diese würden durch die derzeitige Sparpolitik der Regierung untergraben: «Der Kanton tut derzeit alles dafür, die Schule unattraktiv zu machen.»

 

  • Die grüne Kantonsrätin Monique Frey stellt sich hinter die Strategie des Kantons. Sie findet richtig, dass meist auf die Repetition verzichtet wird. Eine Repetition führe oft nicht zum langfristigen Erfolg«und sollte deshalb nur in Notfällen ausgesprochen werden». Die Noten würden auch künftig eine wichtige Rolle spielen, «gerade wenn es um den Übertritt in die Oberstufe geht». Die Gefahr, dass sich Schüler keine Mühe mehr geben würden, weil der Notendurchschnitt nicht mehr zähle, werde völlig überschätzt.

 

 

 

  • Auch GLP-Kantonsrat Markus Baumann ist der Ansicht, dass die Abschaffung der Steignorm «schon ein Stück weit eingeführt» worden ist. «Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass Fördermassnahmen besser sind als Wiederholung.» Auf Primarstufe seien eine Lernzielanpassung und der Verbleib im Klassenverband wichtiger als der reine Leistungsgedanke. «Auf der Oberstufe ist die ­Leistungskomponente durch die verschiedenen Niveaus gegeben.» Er seinicht der Meinung, Schüler würden künftig erst in der Berufswelt mit Leistungsdruck konfrontiert.