SCHULSTART: Elterntaxis werden zur Gefahr

Aus Sicherheitsgründen chauffieren immer mehr Eltern ihre Sprösslinge zur Schule. Für die Kinder hat das nur Nachteile.

Yasmin Kunz
Merken
Drucken
Teilen
«Eltern fahren ihre Kinder bis vor den Schulhauseingang.» Seppi Rütter, Schulleiter Dagmersellen (Bild: pd)

«Eltern fahren ihre Kinder bis vor den Schulhauseingang.» Seppi Rütter, Schulleiter Dagmersellen (Bild: pd)

Tausende Kinder starten heute und in einer Woche ihre Schulkarriere. Das bringt insbesondere für die Kleinsten viele neue Herausforderungen mit sich. Dazu gehört auch der Schulweg. Dass die Schulanfänger sicher im Schulhaus ankommen, werden auch dieses Jahr mehrere Dutzend Polizisten im Kanton Luzern entlang der Schulwege präsent sein.

Kurt Graf, Sprecher der Luzerner Polizei, sagt: «In den ersten Schulwochen werden die Wege verstärkt überwacht, und im Bereich der Schulhäuser werden auch Geschwindigkeitskontrollen durchgeführt.»

Chauffieren ist weiter im Trend

«Rad steht – Kind geht». Mit dem diesjährigen Präventions-Slogan der Polizei will man einerseits die fahrenden Verkehrsteilnehmer auf den Schulanfang sensibilisieren, andererseits auch die Kinder dazu bewegen, den Fussgängerstreifen erst zu überqueren, wenn das Auto vollständig angehalten hat. Graf sagt: «Kinder können den Verkehr schlecht einschätzen, darum ist es wichtig, dass die fahrenden Verkehrsteilnehmer Rücksicht nehmen und sich im Strassenverkehr adäquat verhalten.»

Viele Kinder lernen allerdings den Umgang mit dem Verkehr gar nicht mehr. Ein Blick in verschiedene Schulen zeigt, dass immer mehr Kinder von ihren Eltern in die Schule chauffiert werden. Die Gründe dafür sind vielfältig, wie Erwin Gräni, Leiter der Verkehrsinstruktoren der Luzerner Polizei, weiss: «Eltern geben an, dass das Chauffieren sicherer ist, dass die Schule auf ihrem Arbeitsweg liegt oder dass man es dem Kind nicht zumuten kann, schlechter Witterung ausgesetzt zu sein.»

Mit Dialog gegen Elterntaxis

In Dagmersellen kennt man das Elterntaxi-Phänomen bestens. Schulleiter Seppi Rütter sagt: «Einige Eltern fahren ihre Kinder teils bis vor den Schulhauseingang.» Vor Jahren hat man in Dagmersellen die Zufahrt zum Schulhausareal gesperrt, um auf die Problematik hinzuweisen. Immer wieder setzt man auf den Dialog. Rütter sagt: «Dank alljährlicher Elternorientierung ist die Zahl der Elterntaxis stabil geblieben.» Doch nicht bei allen kommt der Appell an. «Leider gibt es immer noch unverbesserliche Eltern, die denken, sie täten ihren Sprösslingen einen Gefallen, wenn sie sie zur Schule fahren.» Doch der Schulweg ist wichtig. «Er bietet den Kindern viele Erlebnisse und eine Möglichkeit, selbstständiger zu werden. Zudem lernen die Schüler nur so mit den Gefahren des Strassenverkehrs umzugehen», sagt Rütter.

Er meint, dass mit den Ermahnungen die Eltern «wenigstens mit einem schlechten Gewissen ihre Kinder chauffieren». Eine Handvoll Eltern hat in Dagmersellen die Erlaubnis, ihre Kinder zu chauffieren. «Das betrifft jene Familien, die etwa im Dorfteil Buchs oder Uffikon wohnen und deren Kinder noch zu klein sind, um selbstständig mit dem Velo zur Schule zu fahren.»

Auch in Ebikon gibt es zunehmend mehr Elterntaxis. An Informationsabenden weist man darauf hin, dass die Kinder den Schulweg grundsätzlich selber bewältigen können und sollen. Rektor Olivier Prince sagt: «Der Schulweg ist eine wichtige Begegnungszone unter den Schülern.» Für ihn ist klar: «Angenommen, die Zahl der Elterntaxis nimmt massiv zu, würden wir etwas unternehmen.»

Appell an die Vernunft

Bereits im Kindergarten werden die Schüler geschult, wie sie sich im Strassenverkehr verhalten müssen. Das ist auch wichtig. Denn: In der Schweiz werden jährlich rund 2000 Strassenverkehrsunfälle mit Kindern unter 16 Jahren polizeilich registriert. Etwa ein Viertel davon ereignet sich auf Schulwegen. Laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung sind häufige Unfallursachen bei unter 14-Jährigen mangelnde Aufmerksamkeit, leichte Ablenkbarkeit und fehlende Konzentrationsfähigkeit.

Ein gewisses Verständnis für die Sorgen der Eltern hat Verkehrsinstruktor Erwin Gräni. «Es ist natürlich, dass Eltern das Bedürfnis haben, ihre Kinder zu schützen.» Indem aber Eltern ihre Kinder zur Schule kutschieren würden, bliebe ihnen die Chance verwehrt, den Umgang im und mit dem Verkehr zu lernen. Er empfiehlt deshalb, die Kinder schrittweise an den Verkehr zu gewöhnen (siehe Kasten).

Er betont ausserdem: «Wenn Eltern mit ihren Autos auf dem Schulhausplatz manövrieren, ist das ebenfalls gefährlich für die Kinder.»

Wie das Kind letztlich den Schulweg zurücklegt, ist allerdings den Eltern überlassen. Weder Lehrer noch Polizei können gegen die Elterntaxis etwas unternehmen.

Yasmin Kunz

Hinweis

Zum Thema Schulanfang und Sicherheit im Strassenverkehr orientiert die Luzerner Polizei diese Woche von Montag bis Freitag zwischen 9 und 17 Uhr im Emmen Center in Emmen.

Sicher in die Schule

Tipps red. Diese Regeln von der Luzerner Polizei und dem Verkehrs-Club Schweiz gilt es für Eltern und Kinder zu beachten:

  • Sicherheit: Wählen Sie nicht den kürzesten, sondern den sichersten Weg. Achten Sie darauf, dass Ihr Kind genügend Zeit zur Verfügung hat.
  • Üben: Legen Sie mit Ihrem Kind schon vor dem ersten Schultag den Schulweg zurück, um es daran zu gewöhnen und ihm die Gefahrenstellen in Ruhe erklären zu können.
  • Vorbild: Kinder beobachten, was Erwachsene tun, und ahmen sie nach. Gehen Sie mit gutem Beispiel voran.
  • Begleitung: Bei gefährlichen Stellen begleiten Sie Ihr Kind zu Fuss.
  • Sichtbar: Kleiden Sie ihr Kind gut sichtbar mit reflektierenden Teilen.
  • Gemeinsam: Achten Sie darauf, dass Ihr Kind mit anderen Kindern zur Schule geht.
  • Freizeit: Kickboards, Inlineskates und ähnliche Geräte sind für den Weg in den Kindergarten und die Schule nicht geeignet.
  • Elterntaxi: Verzichten Sie aus Sicherheitsüberlegungen auf das Chauffieren Ihres Kindes.
Es wird eng auf den Parkplätzen und dem Schulweg: Zuehmend bringen Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule. (Symbolbild Neue LZ (Archiv))

Es wird eng auf den Parkplätzen und dem Schulweg: Zuehmend bringen Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule. (Symbolbild Neue LZ (Archiv))