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SCHULSTART: Sie starten mit Feuer ins neue Schuljahr

Für rund 77500 Kinder und Jugendliche hat in diesen Tagen der Schulalltag wieder begonnen. Keine Ausnahme bilden dabei die rund 80 körperlich Behinderten der Stiftung Rodtegg. Sonst läuft aber vieles anders.
Raphael Zemp
Luitgardis Sonderegger, Direktorin der Stiftung Rodtegg, heisst die Schüler willkommen. (Bild: Roger Grütter (Luzern, 21. August 2017))

Luitgardis Sonderegger, Direktorin der Stiftung Rodtegg, heisst die Schüler willkommen. (Bild: Roger Grütter (Luzern, 21. August 2017))

Es ist kurz nach acht Uhr morgens. Ein Bus nach dem anderen fährt beim Hauptgebäude der Stiftung Rodtegg vor. Kaum stehen sie still, werden auch schon die Stahlrampen ausgeklappt, Gurten gelöst und die Kinder – eines nach dem anderen – aus dem Inneren geborgen. «Jeden Tag holen wir die meisten unserer 80 Schüler mit dem Bus von zu Hause ab und fahren sie nach Schulschluss wieder zurück», erklärt Luitgardis Sonderegger, Direktorin der Stiftung Rodtegg. 10 000 Fahrkilometer kämen so jede Woche zusammen. Vielerorts wird über Sinn und Zweck von Elterntaxis bis vor die Schule diskutiert. Die Probleme hier oben sind – wie so oft – ganz andere. Etwa: Eignet sich diese Rollstuhlmarke zum Transport? Muss eine Gehhilfe mittransportiert werden? Reicht ein Kindersitz auf dem normalen Autositz? Muss zusätzlich eine Begleitperson mitfahren? Noch bevor ein neuer Schüler einen Fuss aufs Schulgelände setzt, noch bevor eine neue Schülerin über die Eingangsschwelle rollt, sind bereits unzählige Fragen abgeklärt worden.

Im Gespräch mit den Stiftungsverantwortlichen fallen immer wieder Worte wie «muss man individuell beurteilen» oder «gilt es von Fall zu Fall zu entscheiden». Auf der Rodtegg, wo man sich auf den Umgang mit körperlich behinderten Menschen spezialisiert hat, ist das mehr als ein blosses Lippenbekenntnis. Es ist eine oftmals ­lebensnotwendige Pflicht. Jeder «Klient» lernt mit ganz spezifischen Beeinträchtigungen um­zugehen. Entsprechend unterschiedlich fallen Unterricht, ­Pflege und Therapie aus. «Pauschallösungen gibt es hier keine», betont Direktorin Sonderegger. Das ist aufwendig und ohne den grossen Einsatz der gesamthaft 260 Mitarbeiter nicht machbar. Um eine individuelle Betreuung zu garantieren, sind im Schnitt nur fünf bis sechs Schüler in einer Klasse. Aber auch so haben die Lehrperson und ihre Assistentin oder ihr Praktikant alle Hände voll zu tun. Sonderegger verdeutlicht: «Nur schon ein Toilettengang ist oft ein längeres Prozedere, das ohne weiteres 20 Minuten dauert.»

Direktorin wünscht allen gutes Kommunizieren

Inzwischen hat sich ein Grossteil der Schüler um die offene Feuerstelle im Foyer eingefunden. Die Reihen schliessen sich. Ein Primarschüler hat gerade eben seinen Rollstuhl in eine letzte Parklücke hineingezirkelt. Während einige noch gähnen, unterhält sich ein eingeschworenes Grüppchen angeregt über ihre Ferienabenteuer. Wieder andere rutschen vorfreudig nervös auf ihren Holzstühlen hin und her. Am Rand des Geschehens streichelt ein Bub selbstvergessen durchs Haar seines Mitschülers – und ­reagiert ziemlich energisch, als eine Betreuerin dies zu unterbinden versucht. Es braucht zwei herzhafte «Guten Morgen» von Direktorin Sonderegger, und die versammelten Schulkinder, Lehrer und Betreuer verstummen. Es folgt eine Ansprache, die mit Ausnahmen auch an einer ganz normalen Schule funktionieren würde. «Dass man gut miteinander kommuniziert», wünscht sich ­Direktorin Sonderegger für das neue Schuljahr. Und dass man ­einander zuhöre und füreinander Geduld aufbringe – «auch wenn jemand etwas länger hat, eine Antwort auf der Kommunikationshilfe einzutippen».

Betreuungsfälle sind komplexer geworden

Danach geht der Schulunterricht endlich los, die Schüler verschwinden nach und nach in ihre Klassenzimmer. Einige von ihnen zum allerersten Mal. Noch aber sind nicht alle 14 neuen Schüler vor Ort. Denn auch hier will man dem Einzelnen gerecht werden: Die Einschulungen finden über eine Woche gestaffelt statt und werden von den Eltern begleitet. Die Beziehung zu ihren behinderten Kindern sei oftmals besonders eng, das Abnabeln umso schwieriger, erklärt Sonderegger. Von den 14 Schülern, die neu dazustossen, sind nur drei im Vorschulalter. Die übrigen sind «Quereinsteiger», die von der integrativen Förderung in Regelklassen nun an die Stiftung gewechselt sind. Der diesjährige Zuwachs liegt laut Sonderegger leicht über dem Durchschnitt.

Stabil geblieben seien laut ­Judith Stocker, Bereichsleiterin Kinder und Jugend der Stiftung Rodtegg, hingegen langfristig betrachtet die Schülerzahlen. Dies. obschon heutzutage leichtere Fälle gar nicht mehr an der Stiftung, sondern in Regelklassen unterrichtet werden. Stocker ­bestätigt aber: «Aufgrund des ­medizinischen Fortschritts sind unsere Betreuungsfälle allerdings komplexer geworden.»

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

Schulanfang bei einer Schulklasse der Rodtegg-Stiftung. (Bild: Roger Grütter (Luzern, 21. August 2017))

Schulanfang bei einer Schulklasse der Rodtegg-Stiftung. (Bild: Roger Grütter (Luzern, 21. August 2017))

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