Schweizer Uni-Studium für Imame? Luzerner Islamwissenschaftler winkt ab

Ein Studium in der Schweiz für Imame wäre die wirksamste Massnahme gegen Hassprediger, so der Luzerner Regierungsrat. Ein Experte hält das jedoch für wenig realistisch.

Robert Knobel
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Der Luzerner Regierungsrat spricht sich für eine Imam-Ausbildung aus.

Der Luzerner Regierungsrat spricht sich für eine Imam-Ausbildung aus. 

Symbolbild: Alessandro Della Bella/Keystone

Der Wirbel um einen Prediger in der Krienser Dar-Assalam-Moschee hat auch die Politik auf den Plan gerufen. Nach dem Krienser Stadtrat musste sich nun auch die Luzerner Regierung aufgrund eines Vorstosses im Parlament zum Fall äussern. Zur Erinnerung: Im August 2019 soll ein irakischer Imam anlässlich einer Freitagspredigt in Kriens frauenfeindliche Aussagen gemacht haben (wir berichteten).

CVP-Kantonsrat Carlo Piani wollte von der Regierung wissen, welche Mittel der Kanton zur Kontrolle von Moscheen habe. In seiner Antwort erklärt der Regierungsrat nun, dass die Moscheen als Vereine organisiert und grundsätzlich selber für Betrieb und Inhalt verantwortlich sind. Eine systematische Überwachung von Moscheen sei nicht Aufgabe der Behörden und rechtlich auch gar nicht zulässig. 

Imamen sollen «Schweizer Werte» vermittelt werden

Die wirksamste Massnahme gegen unerwünschte oder gar strafbare Äusserungen wäre gemäss Regierungsrat die Ausbildung von Imamen an Schweizer Hochschulen «und damit verbunden die Vermittlung von Schweizer Werten bereits in der Ausbildung». Entsprechende Pläne existierten seitens Kanton aber keine, teilt Bildungs- und Kulturdirektor Marcel Schwerzmann auf Anfrage mit. Im Ausland gebe es jedoch bereits Angebote. «Deren Erfahrungen sollten wir beobachten.»

Andreas Tunger-Zanetti Islamwissenschaftler an der Universität Luzern

Andreas Tunger-Zanetti Islamwissenschaftler an der Universität Luzern

Bild: PD

Die Hoffnung, eines Tages Schweizer Imame ausbilden zu können, wurde kürzlich auch von der Islamischen Gemeinde Luzern (IGL) geäussert. Die Vision, dass islamische Geistliche in der Schweiz ein ähnlich fundiertes Studium wie christliche Pfarrer durchlaufen, tönt verlockend. Doch für Andreas Tunger-Zanetti, Islamwissenschaftler am Zentrum Religionsforschung der Uni Luzern, ist dies Wunschdenken.

«Nur schon einen Studiengang zu schaffen, der von allen islamischen Gemeinschaften akzeptiert wird, ist praktisch unmöglich.»

Hinzu komme, dass der Begriff «Theologiestudium» bisweilen missverstanden werde: Christliche Pfarrer sind zwar akademisch gebildet – aber die eigentliche religionspraktische Ausbildung findet nicht an der Uni statt, sondern wird von den Kirchen selber verantwortet. Auch im Fall von Imamen wäre es nicht Aufgabe der Schweizer Hochschulen, sondern der islamischen Verbände, eine entsprechende Ausbildung aufzubauen.  Tunger-Zanetti verweist auch auf negative Erfahrungen in Frankreich, wo es Versuche mit einer staatlichen Imam-Ausbildung gab. «Viele Moscheen wollen solche staatlich zertifizierten Imame aber gar nicht anstellen.»

Fall in Kriens: Verbot wäre «unzulässig»

Für den Imam, der sich in der Krienser Dar-Assalam-Moschee mutmasslich frauenfeindlich geäussert hat, besteht bis zum Abschluss des Strafverfahrens die Unschuldsvermutung. Daher wäre ein es «eine unzulässige Vorverurteilung», ihm das Praktizieren im Kanton Luzern zu verbieten. Das schreibt der Regierungsrat in seiner Stellungnahme auf eine Anfrage von Carlo Piani (CVP). Der Krienser Moscheeverein habe den Imam ohnehin bereits freigestellt. Eine Überwachung von Moscheen, wie sie in der Anfrage von Piani angeregt wird, sei ohne einen Verdacht auf eine strafbare Handlungen «rechtlich nicht zulässig». (std)

Ein Vollstudium in islamischer Theologie wäre laut Tunger-Zanetti auch deshalb nicht realistisch, weil es wohl gar nicht genügend Interessenten gäbe. «Die kritische Masse dafür fehlt.» Vielversprechend sei hingegen eine Initiative der Uni Fribourg, welche im Rahmen eines CAS Weiterbildungen für in der Schweiz tätige Imame anbietet. Dieses Modell gelte es weiterzuentwickeln.

Der Ideal-Imam für die Schweiz

Der Idealfall wäre gemäss Tunger-Zanetti folgender: Ein in der Schweiz aufgewachsener Muslim studiert an einer islamischen Universität Theologie – etwa in Bosnien, Ägypten, Türkei oder Deutschland. Im Anschluss an dieses religiös-akademische Studium besucht er in der Schweiz eine Weiterbildung, in der er auf seine Arbeit als Seelsorger im Schweizer Alltag vorbereitet wird.

Wie wichtig speziell dieser Aspekt ist, zeigt eine Studie der Universität Freiburg über die Bildungsmöglichkeiten von Imamen, die 2019 veröffentlicht wurde. Die Imame hätten in der Diaspora eine viel komplexere Rolle als in ihrer Heimat, stellt die Studie fest: Sie seien nicht bloss religiöser Spezialist, sondern auch Pädagoge, Gemeindeleiter, Sozialarbeiter, Integrationsfigur und moralisches Vorbild. Doch längst nicht alle in der Schweiz tätigen Imame sind diesen Ansprüchen gewachsen. Viele sind einfache Gemeindemitglieder ohne spezielle Ausbildung, die oftmals ehrenamtlich die Rolle des Imams übernehmen. Einen gut ausgebildeten Imam im Vollzeit-Pensum anzustellen, liegt für die meisten Moschee-Vereine ausserhalb ihrer finanziellen Möglichkeiten. Tunger-Zanetti sagt: «Viele sind nur schon froh, wenn sie die Miete für ein Lokal bezahlen können.»

Akut ist dieses Problem insbesondere in arabischsprachigen Moscheen wie derjenigen in Kriens. Diese haben oft nur ein paar Dutzend Mitglieder, kaum Geld und sind strukturell weitgehend isoliert. Wesentlich besser da stehen die türkischen und bosnischen Moscheen, wie in der Studie aus Fribourg nachzulesen ist. Sie können auf gut funktionierende Strukturen in ihren Heimatländern zurückgreifen. So stehen die bosnischen Imame in ständigem Austausch mit dem «Riyaset», dem höchsten islamischen Organ in Bosnien. Dieses kümmert sich nicht nur um die Ausbildung der Prediger, sondern ist auch für deren Arbeit verantwortlich.

Der türkische Staat finanziert Schweizer Moscheen

Ähnlich ist es bei den türkischen Moscheen – mit einem wichtigen Unterschied: Im Gegensatz zu Bosnien sind in der Türkei Religion und Staat nicht getrennt. Das «Diyanet», dem sich die meisten türkischen Moscheen in der Schweiz angeschlossen haben, ist eine staatliche Religionsbehörde. Auch der Imam der türkischen Moschee in Luzern wird seit 2015 von dieser Behörde bezahlt. Bevor sie in die Schweiz kommen, müssen diese Imame jeweils eine von der Türkisch Islamischen Stiftung Schweiz (TISS) organisierte Weiterbildung besuchen. Diese beinhaltet unter anderem Pädagogik und vermittelt Grundkenntnisse über die Schweiz. Die Behörde hat sich gemäss der Studie auch der Frauenförderung verschrieben, mit dem Ziel, vermehrt Predigerinnen auszubilden.

Andreas Tunger-Zanetti beurteilt den wachsenden Einfluss des türkischen Staats kritisch. Die Gefahr sei dabei weniger, dass Schweizer Muslime indoktriniert würden, sondern eher, dass dieser «Ankara-Islam» an den Bedürfnissen der Gläubigen grösstenteils vorbeigehe:

«Gerade Jugendliche, die in der Schweizer Realität aufgewachsen sind, können damit oft nicht viel anfangen.»

Hinzu kommt, dass die türkischen Imame jeweils nach maximal fünf Jahren wieder abgezogen werden. Tunger-Zanetti vermutet, dass die Türkei damit verhindern will, dass sich die Imame zu stark dem Gastland anpassen. Doch für die Gläubigen seien diese ständigen Wechsel sicher nicht ideal. 

Uni Luzern hat Assistenzprofessur in islamischer Theologie

Ob die Uni Luzern dereinst in die Weiterbildung von Imamen einsteigt, wie dies Fribourg erfolgreich macht, ist noch völlig offen. Das einzige, was Luzern bisher im Bereich Islamische Theologie hat, ist eine befristete Assistenzprofessur an der Theologischen Fakultät.

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