Schwer und dicht muss der Wein sein

Konsumenten mögen gehaltvollen Wein. Und sie wollen genau wissen, woher der Rebensaft stammt und wer dahintersteckt.

Interview Pirmin Bossart
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Degustieren neue Weine für Kunden: die Brüder Urs (links) und Thomas Fischer in ihrem Weinladen in Sursee. (Bild Nadia Schärli)

Degustieren neue Weine für Kunden: die Brüder Urs (links) und Thomas Fischer in ihrem Weinladen in Sursee. (Bild Nadia Schärli)

Wie konsumieren Sie persönlich Wein? Trinken Sie jeden Tag?

Urs Fischer: Ich trinke fast täglich Wein, aber in der Regel nur zum Essen. Wein ist für mich primär ein Speisebegleiter. Ich trinke fast ausschliesslich am Abend, selten am Mittag.

Thomas Fischer: Bei mir ist es ähnlich. Beim Degustieren wird konsequenterweise nur gespuckt. Bei 25 bis 40 Weinen, die man bei einer Degustation konsumiert, ginge das gar nicht anders. Auch ein Weinhändler hat nur eine Leber.

Welche Weine sind zurzeit besonders gefragt?

Urs Fischer: Der Weinstil hat sich markant verändert. Schon seit einiger Zeit geht die Tendenz zunehmend hin zu intensiveren, schwereren und dichteren Weinen, oft mit Barrique Einsatz – Weine, die aromatisch, rund, weich, samtig und fruchtig in der Nase sind. Beliebt bei der konsumierenden Masse sind andererseits Weine mit einem Restzuckergehalt wie Amarone oder Primitivo, die leicht süsslich sind. Dieser Hype hält sich.

Spielt der Alkoholgehalt eine Rolle?

Thomas Fischer: Der Alkoholgehalt ist eindeutig höher und wichtiger geworden. Heute gibt es kaum mehr einen Rotwein mit 12 Volumenprozenten, was vor 20 Jahren die Regel war. Die meisten liegen inzwischen bei 13,5 bis 14,5 Volumenprozenten.

Gibt es Herkunftsgebiete, die neu im Trend sind?

Urs Fischer: Es sind nicht mehr unbedingt Länder oder Regionen, die im Trend liegen, so wie früher, sondern eher eine bestimmte Stilistik. Den Kundinnen und Kunden ist es heutzutage vielfach egal, ob nun ein Wein aus Spanien, Frankreich oder aus Übersee kommt. Wenn er dem Geschmacksbild des Kunden entspricht, ist dieser eher bereit zu wechseln.

Trotzdem: Wie schneiden die einzelnen Herkunftsgebiete ab?

Thomas Fischer: Italien und Spanien sind immer noch sehr populär. Die französischen Weine laufen seit Jahren auf einem konstant tiefen Niveau. Vor 20 Jahren betrug deren Anteil noch 35 Prozent an unserem Umsatz, inzwischen sind es nur gerade noch 5 Prozent. Wir verkaufen inzwischen mehr österreichische als französische Weine. Bei der Nachfrage nach Weinen aus Übersee ist es ein wenig ruhiger geworden. Beliebt sind die Malbec-Weine aus Argentinien. Als interessante Nische laufen auch die wunderbaren Weine aus dem Libanon sehr gut. Wir haben zudem Osteuropa stark im Fokus. Diese Weinbaugebiete haben ein riesiges Potenzial, das längst nicht ausgeschöpft wird.

Wie verhält es sich mit den Schweizer Weinen?

Urs Fischer: Schweizer Weine sind zunehmend gefragt, vor allem solche aus der Deutschschweiz. Man darf sagen, dass Schweizer Weine in den letzten Jahren markant besser geworden sind.

Womit hat das zu tun?

Urs Fischer: Das Wegfallen der Kontingentierung hat sicher dazu beigetragen. Mit dem Öffnen der Handelsgrenzen wurden die Produzenten gefordert, innovativ zu werden, um nicht zuletzt auch die wachsenden Ansprüche der Konsumenten besser befriedigen zu können. Diese Belebung des Marktes hat sich auf das Niveau der Schweizer Weine spürbar ausgewirkt.

Wie erkennen Sie Trends bei den Weinen?

Thomas Fischer: Wir gehen regelmässig an grosse internationale Weinausstellungen und Weinmessen, wo die Produzenten versammelt sind und man am Puls des Geschehens ist. Dort wird auch spürbar, welche Länder im Kommen sind und passable Weine anbieten. Wir haben ein breites Netzwerk, lesen Fachzeitschriften und erhalten auch mal Tipps von Produzenten.

Es ist beliebt, Weine mit dem Jahrgang der Frau oder der Kinder im Keller zu haben. Ist ein 30- oder 40-jähriger Wein wirklich noch gut?

Urs Fischer: In den allermeisten Fällen würde ich diese Weine im Keller belassen. Nur bei Top-Weinen eines Top-Jahrgangs, die in Top-Kellern gelagert sind, besteht eine kleine Möglichkeit, dass man sie noch trinken kann. Weine sind nicht gemacht, um sie länger als 15 bis höchstens 20 Jahre zu lagern. Aber auch das ist letztlich subjektiv: Es gibt Leute, die gerade an alten Weinen mit dieser leicht bräunlichen Farbe Gefallen finden.

Kann man Wein als Wertanlage kaufen?

Thomas Fischer: Man kann. Es gibt auch Weinfonds von Banken. Aber wer Wein als Kapitalanlage kauft, sollte sich in der Materie wirklich auskennen. Nur bei absoluten Top-Marken und Top-Jahrgängen besteht die Chance, dass es einen Wertzuwachs gibt. Dieses Business hat sehr viel mit Spekulation, aber nichts mit dem Weinhandel, wie wir ihn betreiben, zu tun. Wir haben beispielsweise einen Top-Rioja, Jahrgang 2004, für 59 Franken im Angebot, der einem Château Mouton Rothschild, Jahrgang 2005, wie wir ihn auch anbieten, absolut ebenbürtig ist. Nur kostet Letzterer 850 Franken.

Urs Fischer: Es gibt Broker, die Kultweine praktisch über den ganzen Globus verschieben und gut davon leben können. Zurzeit sind es die Chinesen, die bestimmte Markenweine zu überrissenen Preisen kaufen und für eine Flasche Bordeaux 800 bis 1000 Franken bezahlen, bevor sie ihn getrunken haben. Mit der Qualität eines Weines hat das nichts zu tun, da geht es nur um Marke und Prestige.

Apropos überrissen: Sind nicht auch die Weine in den Restaurants letztlich zu teuer, gemessen an ihrer Qualität?

Thomas Fischer: Auch wir hören das von Konsumenten immer wieder. Aber man darf nicht vergessen, dass die Gastronomie finanziell sehr aufwendig ist. Die Wirte müssen irgendwo das Geld hereinbekommen. Beim Essen lässt sich nicht viel herausholen, oder es müsste teurer sein. Weine sind gute Bruttogewinnbringer. In der Regel wird ein Wein, den man bei uns für 15 Franken kauft, für 50 bis 60 Franken wiederverkauft.

Wie viel lohnt sich, für einen Wein auszugeben? Ist ein 200-fränkiger Wein tatsächlich markant besser?

Urs Fischer: In Preislagen zwischen 10 und 50 Franken lässt sich sicher eine objektive Steigerung feststellen. Bei Weinen über 80 oder 100 Franken spielen bereits das Marketing und die Exklusi­vität mit. Bei höheren Preisen geht es nur noch um Prestige. Ein 500-fränkiger Wein kann nicht zehnmal besser sein als einer für 50 Franken.

Wie wichtig ist «Bio» im Geschäft? Bemerken Sie noch Vorurteile gegenüber Bioweinen?

Urs Fischer: Viele der früheren Bioweine waren vom Geschmack her nicht wirklich klasse. Da gab es viele idealistische Winzer, die aber in der Umsetzung vielleicht nicht den letzten Schliff hatten. Das hat sich geändert. Biologische Weine sind sicher viel besser geworden. Hinzu kommt, dass das Bewusstsein für einen naturnahen Anbau stark gewachsen ist. Dies auch bei Winzern, die ihren Betrieb nicht als Bio zertifizieren lassen. Eine integrierte Produktion ist im modernen Rebbau fast Standard geworden.

Wie wichtig ist der visuelle Auftritt einer Flasche Wein, damit sie gekauft wird?

Thomas Fischer: Für den Erstkauf ist die Etikette sicher wichtig. Wer einen Wein kennt und weiss, was er davon hat, für den wird sie sekundär. Wie andere Märkte ist auch der Weinmarkt völlig übersättigt und segmentiert. Da spielen der richtige Auftritt und die Vermarktung eine zentrale Rolle.

Wann kommt denn ein Wein beim Kunden gut an? Was braucht es für eine gute Vermarktung?

Urs Fischer: Der Kunde sucht das Authentische. Er will wissen, wer dahintersteht, woher ein Wein kommt, und er hat eine bestimmte Qualitätsvorstellung. Das müssen wir ehrlich und kompetent vermitteln können. Als Fachhandel und Fachgeschäft übernehmen wir die Rolle, im Weinmarkt eine Vorselektion vorzunehmen.

Urs (52) und Thomas (53) Fischer sind Inhaber und Geschäftsführer der Fischer Weine AG in Sursee. Urs Fischer ist Önologe, sein Bruder Thomas ist Betriebsökonom. Sie leiten den 1882 gegründeten Familienbetrieb in der 4. Generation.

www.fischer-weine.ch