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SCHWINDEL: Chinesen fälschen Uhren – auf Kosten von Luzern

Kunden wird vorgegaukelt, eine Uhr «made in Lucerne» zu kaufen. Alles Lug und Betrug: Die entsprechende Manufaktur existiert in Luzern nicht. Hinter der dubiosen Geschäftspraxis stecken Chinesen – ihnen droht nun Ungemach.
«Agelocer befindet sich in der Uhrenfabrik in Luzern», behauptet das Unternehmen auf seiner Webseite. Man sieht ein schmuckes Gebäude, inklusive Firmenschriftzug (links). Das hübsche Gebäude gibt es tatsächlich, allerdings nicht in Luzern. Es handelt sich nämlich um die ehemalige Zisterzienserinnenabtei «La Cambre» in Brüssel. (Bild: Internet-Screenshots; Getty)

«Agelocer befindet sich in der Uhrenfabrik in Luzern», behauptet das Unternehmen auf seiner Webseite. Man sieht ein schmuckes Gebäude, inklusive Firmenschriftzug (links). Das hübsche Gebäude gibt es tatsächlich, allerdings nicht in Luzern. Es handelt sich nämlich um die ehemalige Zisterzienserinnenabtei «La Cambre» in Brüssel. (Bild: Internet-Screenshots; Getty)

Sie sind einige Franken wert, lassen sich aber für über 1000 Franken verkaufen: Bei den Uhren der Marke Agelocer wird vorgegaukelt, dass sie in Luzern hergestellt werden – um den Anschein von Qualität zu erwecken. In Tat und Wahrheit gibt es die Firma und die dazugehörige Uhrenmanufaktur mit Sitz in der Stadt Luzern aber nicht.

Ausser Frage steht hingegen: Uhren der Marke Agelocer gibt es zu kaufen. Auf chinesischen Onlineshops wie www.aliexpress.com und www.tmall.com – dem asiatischen Pendant zu Amazon – kostet eine solche umgerechnet gut und gerne über 1000 Franken. Ein nicht zertifiziertes Dokument, das Schweizer Qualität verspricht, ist im Preis inbegriffen. Und um alle Zweifel auszuräumen, geben die Lügenbarone auf dem Papier gleich noch eine Luzerner Telefonnummer an – jene der Firma Bucherer in Luzern. Kurzum: Die Personen hinter Agelocer missbrauchen Daten von Firmen und den Namen Luzerns, um Qualität vorzutäuschen und höhere Preise verlangen zu können. Darf man das?

Rechtlich schwierig vorzugehen

«Luzern ist ein Eigenname. Den kann man nicht schützen», sagt Sibylle Gerardi, Mediensprecherin von Luzern Tourismus, zur rechtlichen Situation. Grundsätzlich sei es ja auch positiv, wenn weltweit mit dem Namen Luzern geworben werde. Aber in diesem Fall würden falsche Tatsachen vorgetäuscht. «Für uns als Tourismusorganisation ist es natürlich bedauerlich, dass der Standort Luzern für eine solche irreführende Aktion missbraucht wird.» Denn die Website www.agelocer.com – die in Chinesisch verfasst und nur halbherzig auf Englisch und Deutsch übersetzt ist – besteht aus zusammengestohlenen Elementen aus dem Internet. Das Foto der Manufaktur in Luzern – ein altes, pompöses, weisses Gebäude – zeigt in Wahrheit die einstige Zisterzienserinnenabtei La Cambre in Brüssel. Das Bild aus der Werkstatt stammt von der Website des Schaffhauser Uhrenherstellers IWC. Und ein gewisser Eus Müller, der Sohn des angeblichen Firmengründers, ist in Tat und Wahrheit irgendein Fotomodell.

Trotz handfesten Beweisen ist es rechtlich schwierig und vor allem langwierig und teuer, gegen solche Machenschaften vorzugehen. Zumal unklar ist, wer sich hinter der Website tatsächlich verbirgt. Als Inhaber der Marke Agelocer wird Ye Fuqing aus der chinesischen Provinz Guangdong angegeben. In der Schweiz wird er von einer Person namens Anthea Lee aus Bütschwil vertreten. Ihr Name und eine dazugehörige Telefonnummer tauchen bei Dutzenden weiteren Marken auf – telefonisch erreichbar war Anthea Lee aber nie in den vergangenen Tagen.

«Leider kein Einzelfall»

Fest steht, dass es in Luzern folgende Uhrenhersteller gibt: Chronoswiss, Ochs und Junior sowie Hess. Ebenso hat Carl F. Bucherer eine enge Beziehung zu Luzern – und wirbt mit dem Namen der Stadt. Alle Firmen haben vor der Anfrage der «Zentralschweiz am Sonntag» noch nie von Agelocer gehört und waren entsprechend erstaunt: «Solche Trittbrettfahrer sind unerwünscht», sagt Jörg Baumann, Mediensprecher von Bucherer. Werde der Name Luzern für minderwertige oder fragwürdige Produkte eingesetzt, könne das der Reputation «nachhaltig schaden».

Dennoch gehen Baumann und die anderen Uhrenhersteller in Luzern relativ gelassen mit dem chinesischen Etikettenschwindel um – obwohl Agelocer teils ihre Daten missbräuchlich verwendet. «Diese Machenschaften schaden vor allem denen, die darauf hereinfallen und für ein billiges Produkt viel zu viel bezahlen», sagt etwa Judith Hess von der Firma Hess Uhren. «Der Marke Schweiz oder Luzern wir dadurch kein Schaden zugefügt.» Der Unterschied zu einem hochwertigen Produkt werde bereits auf der Website deutlich – da etwa die verwendeten Bilder von schlechter Qualität seien. Hess ärgert sich aber über die Internetseiten, auf denen mit dem Schweizer Kreuz und Luzern geworben wird und wo die Produkte verkauft werden – etwa auf dem erwähnten Onlineshop Ali Express, der auch in der Schweiz viele Kunden hat. «Hier ist die Irreführung subtiler, nicht auf den ersten Blick feststellbar.»

Genau bei diesem Punkt will nun Jean-Daniel Pasche, Präsident des Verbands Schweizerischer Uhrenindustrie (FH), ansetzen. Er geht indirekt gegen die unbekannten Personen hinter Agelocer vor. Da das Einklagen von Marken- und Urheberrechten langwierig und teuer ist – unter anderem, weil man in China klagen muss –, versucht Pasche den Verkauf der Uhren zu verbieten. «Wir wurden bei den Anbietern des Internetshops Tmall vorstellig, wo die Produkte angeboten werden. Wir versuchen, dass diese nun das Konto von Agelocer sperren.» Das sei der erfolgsversprechendste Weg. «Können die Fälscher ihre Produkte nicht mehr verkaufen, schmerzt sie das am meisten», sagt Pasche und fügt an: «Leider ist Agelocer kein Einzelfall.» Verschwinde ein Schwindler vom Markt, stehe der nächste schon bereit.

Das Problem: Die Täuschungen sind immer ausgeklügelter. Die Schwindler geben sich grosse Mühe, ein beeindruckendes Märchen zu erschaffen. Etwa jenes des Luzerner Uhrenmachers Maerqisi Müller, der die Turbulenzen des 2. Weltkriegs überwindet, die perfekte Uhr entwickelt – und letztlich glücklich und zufrieden bis ans Ende seiner Tage lebte (siehe unten).

Das Märchen von der perfekten Luzerner Uhr

Die Geschichte der angeblichen Luzerner Uhrenmarke Agelocer klingt gut, zu gut: Es war einmal ein Luzerner namens Müller, er kam aus gutbürgerlichem Haus und studierte an der ETH in Zürich Astronomie und Physik. Schnell merkt das tapfere Müllerlein, dass für die Navigation präzise und leicht zu lesende Instrumente unerlässlich sind. 1929 kehrt Müller, mit Vornamen Maerqisi, in seine Heimatstadt zurück, um sich seiner Vision zu widmen: eine perfekte Uhr zu entwerfen. Müller, ein wahrer Gutmensch, will seiner Stadt zum Wohlstand verhelfen und engagiert sich für die Gesellschaft. 1932 gründet er die Uhrenmanufaktur Agelocer – und erzielt Erfolg um Erfolg. Müller im Glück, könnte man meinen.

Doch eine gute Geschichte braucht Dramatik – darum endet auch jene vom Luzerner Uhrenfabrikanten nicht an dieser Stelle: Der 2. Weltkrieg kommt Müller dazwischen, auf Druck der Kriegsmächte muss er seine Manufaktur schliessen. 1945 beginnt er wieder bei null – später übernimmt sein Sohn Eus die Uhrenfabrik. Und der Erfolg kehrt zurück. Die Müllers und die ganze Stadt haben jetzt Geld, und der Wohlstand nimmt von Jahr zu Jahr zu.

Wahrlich eine schöne Geschichte, wäre sie nicht erstunken und erlogen. Nachzulesen gibt es das Märchen vom Luzerner Traditions-Uhrenhaus im Internet (www.agelocer.com).

Auf seiner Homepage gibt das Unternehmen Kontaktinformationen an. Demnach kann man es an der Sedelstrasse 15 in Luzern aufsuchen, um die Handwerkskunst zu besichtigen (links.) Wir waren an der Sedelstrasse – Nummer 15 gibt es dort nicht. Zudem stehen da vor allem Wohnhäuser. Immerhin: Die Postleitzahl 6004 ist für die Sedelstrasse korrekt (rechts). (Bild: Internet-Screenshot; Christian Hodel)

Auf seiner Homepage gibt das Unternehmen Kontaktinformationen an. Demnach kann man es an der Sedelstrasse 15 in Luzern aufsuchen, um die Handwerkskunst zu besichtigen (links.) Wir waren an der Sedelstrasse – Nummer 15 gibt es dort nicht. Zudem stehen da vor allem Wohnhäuser. Immerhin: Die Postleitzahl 6004 ist für die Sedelstrasse korrekt (rechts). (Bild: Internet-Screenshot; Christian Hodel)

«Die saubere Montage-Werkstatt» heisst es bei diesem Bild auf der Agelocer-Homepage. Da scheinen tatsächlich absolute Uhrmacher-Profis am Werk zu sein. (links) Wir haben das Originalbild gefunden. Es zeigt tatsächlich Uhrmacher bei der Arbeit. Nur blöd, dass darauf das Personal der Schaffhauser Luxus-Uhrenmarke IWC zu sehen ist.(rechts.) (Bild: Internet-Screenshot)

«Die saubere Montage-Werkstatt» heisst es bei diesem Bild auf der Agelocer-Homepage. Da scheinen tatsächlich absolute Uhrmacher-Profis am Werk zu sein. (links) Wir haben das Originalbild gefunden. Es zeigt tatsächlich Uhrmacher bei der Arbeit. Nur blöd, dass darauf das Personal der Schaffhauser Luxus-Uhrenmarke IWC zu sehen ist.(rechts.) (Bild: Internet-Screenshot)

Das hier ist laut Agelocer Eus Müller, Sohn des Firmengründers. Er – der mit dem Ritterkreuz der französischen Ehrenlegion ausgezeichnet wurde – soll die Firma 1960 übernommen haben. (links) Das Originalbild rechts zeigt wohl ein Model; das Bild findet sich auf diversen Webseiten. Zudem hat Agelocer offensichtlich das Gesicht des Mannes digital verändert. (Bild: Internet-Screenshot; Getty)

Das hier ist laut Agelocer Eus Müller, Sohn des Firmengründers. Er – der mit dem Ritterkreuz der französischen Ehrenlegion ausgezeichnet wurde – soll die Firma 1960 übernommen haben. (links) Das Originalbild rechts zeigt wohl ein Model; das Bild findet sich auf diversen Webseiten. Zudem hat Agelocer offensichtlich das Gesicht des Mannes digital verändert. (Bild: Internet-Screenshot; Getty)

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