SEETAL: Baldeggersee ringt nach Luft

Während der letzten drei Monate fehlte am Boden des Baldeggersees jeglicher Sauerstoff. Der zuständige Gemeindeverband muss nun notfallmässig handeln.

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Blick über den Baldeggersee – im Hintergrund ist der Pilatus zu erkennen. (Archivbild Pius Amrein / Neue LZ)

Blick über den Baldeggersee – im Hintergrund ist der Pilatus zu erkennen. (Archivbild Pius Amrein / Neue LZ)

Evelyne Fischer

0,00 – dies war der Wert, den die Sauerstoffmessungen am Grund des Baldeggersees im August anzeigten. «Zwei bis drei Meter über Boden war der See schlicht tot», sagt Josef Wermelinger, Präsident des Gemeindeverbandes Baldegger- und Hallwilersee. Notfallmässig wurden von September bis Oktober zusätzlich 180 Tonnen Sauerstoff hineingepumpt. Zum Vergleich: Fürs ganze Jahr sah der Verband 283 Tonnen vor.

Nun ist der Seegrund wieder mit Sauerstoff angereichert. Die Sofortmassnahme hatte ihren Preis: 70 000 Franken musste der Verband kurzfristig genehmigen. Zudem beschloss er, dem See früher als üblich Druckluft zuzuführen: Diese sorgt für eine Zwangszirkulation und bringt sauerstoffarmes Tiefenwasser nach oben. An der tiefsten Stelle misst der Baldeggersee 63 Meter.

Viel zu viel Phosphor im Wasser

Der Baldeggersee wird seit über drei Jahrzehnten künstlich belüftet. Grund: der hohe Phosphorgehalt. Die landwirtschaftlich intensiv genutzte Umgebung führte zu einer Überdüngung. Auch Abwasser floss ungereinigt in den See. Die Folge: 1982 war der See bis auf die obersten acht Meter tot. «Die Phosphorkonzentration betrug damals 300 Milligramm pro Kubikmeter Wasser», sagt Wermelinger. «Heute messen wir zwischen 20 und 30 Milligramm, ein Riesenfortschritt.»

Die Alarmwerte der letzten Monate hängen mit der Witterung zusammen. «Für sauerstoffarme Seen wären kalte Winter vonnöten. Dank der natürlichen Umwälzung könnte sich das Gewässer so genügend mit Sauerstoff anreichern», sagt Wermelinger. Dies war im letzten Winter nicht der Fall. Hinzu kamen der warme Frühling und die Sommerhitze, die das Algenwachstum ankurbelten. «Sterben diese ab, verbraucht der Verwesungsprozess Sauerstoff.» Dieser fehlt dann am Seegrund, um die sauerstofffreien Sedimentschichten aus Zeiten der Überdüngung abzutragen. Das sei problematisch, so Werner Göggel, Leiter der Abteilung Gewässer bei der Dienststelle Umwelt und Energie (UWE): «Es droht die Gefahr, dass Phosphor aus den Sedimenten ins Wasser rückgelöst wird. Dadurch könnte die Phosphorkonzentration wieder ansteigen und die bisherigen Anstrengungen gefährden.» Ziel der Seesanierung sei, die natürliche Fortpflanzung der Felchen sicherzustellen. «Davon sind wir noch weit entfernt. Heute sinkt der Laich auf den Grund, wo die Eier mangels Sauerstoff sterben.»

Kanton zahlt nicht mehr mit

Bis 2012 leistete der Kanton jährlich einen Beitrag an die Belüftung – zuletzt waren es 125 000 Franken. Seither übernimmt er nur noch die Messungen und die Beratung der Gemeinden. Folglich müssen die 13 Verbandsgemeinden die Ausgaben für die Seebelüftung nun allein stemmen. Aufgrund der fehlenden kantonalen Mittel drosselten sie die Sauerstoffzufuhr – heuer sind noch 110 000 Franken budgetiert. «Wie sich nun drastisch zeigte, reicht dies bei weitem nicht aus», sagt Wermelinger. «Der Baldeggersee ist wie ein Patient auf der Intensivstation. Er lebt zwar – braucht aber weiterhin medizinische Betreuung.»

Auch Göggel vom UWE sagt: «Auf­atmen können wir noch lange nicht.» Es sei unabdingbar, die Phosphorbelastung weiter zu senken. «Noch immer übersteigt der Eintrag von Phosphor die verträgliche Menge um das Doppelte.» Dabei will der Kanton die Landwirte in die Pflicht nehmen: Mit der Wiedereinführung des sogenannten Phosphorprojektes sollen finanzielle Anreize zur Kooperation geschaffen werden. Wer sich beteiligt, darf unter anderem weniger Phosphor als Nährstoff einsetzen und muss gewisse Pufferstreifen ungedüngt belassen.

Wie viele Tonnen respektive Gelder künftig in die Belüftung fliessen, entscheiden Verband und Kanton im Dezember. «Wir werden das Budget schrittweise erhöhen müssen», sagt Wermelinger. Laut dem Wasserforschungsinstitut Eawag bräuchte es jährlich 500 Tonnen Sauerstoff für die Abbauprozesse im Sediment. Kostenpunkt: gegen 200 000 Franken. «Wir hoffen, diese Menge ab 2017 sicherstellen zu können.»