Seit 30 Jahren büffeln Luzerner Kinder Tamilisch

Die erste Generation Tamilen sorgte dafür, dass ihre Enkel heute die Sprache und Kultur nicht vergessen – und gründete in Littau einen Verein.

Stephan Santschi
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Impression aus einer Tamilmandram-Schule.

Impression aus einer Tamilmandram-Schule.

Bilder: PD

Die drei Männer stammen aus Jaffna im Norden von Sri Lanka. Sie waren Teil der Welle tamilischer Zivilisten, die in den 1980-er-Jahren in die Schweiz schwappte – auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg, der aufgrund des ethnischen Konflikts zwischen Singhalesen und Tamilen entflammt war. Heute sind die drei Männer alle um die 60 Jahre alt und sitzen im Vorstand des Littauer Vereins Tamilmandram. Ihre Namen: Tharumabalan Thiyagarajah (Präsident), Ranjan Naganathar (Schuldirektor) und Sivaji Sivasubramaniam (Mitglied im Beratungsgremium). Letzterer sagt:

«Eigentlich gingen wir damals
davon aus, bald wieder in unsere Heimat zurückzukehren.»

Mittlerweile sind sie Schweizer Staatsbürger und Teil der 3000 bis 3500-köpfigen tamilischen Gemeinde im Kanton Luzern.

In diesem Jahr begeht der Verein Tamilmandram seinen 30. Geburtstag. Am 14. März hätte im Zentrum St. Michael eigentlich die Jubiläumsfeier mit viel Tanz, Gesang und Theater über die Bühne gehen sollen, doch aufgrund des grassierenden Corona-Virus ist dieser Event auf den 4. Oktober verschoben worden. 1990 war der Verein als erste tamilische Schule für heimatlichen Sprach- und Kulturunterricht gegründet und zunächst von der Caritas subventioniert worden.

Schwierig: Tamilische Sprache hat 247 Zeichen

Während die ältere Generation mit Informationsveranstaltungen über das Leben in der Schweiz geschult wird, besuchen tamilische Kinder und Jugendliche die Tamilmandram freiwillig als Ergänzung zum regulären Schweizer Schulunterricht (Derzeit finden die Kurse aufgrund des Corona-Virus nicht statt.) «Anfänglich waren es ein Lehrer und elf Kinder, aktuell zählen wir 284 Schüler und 12 Lehrpersonen», erzählt Schuldirektor Naganathar. In Luzern, Root, Sursee und Hochdorf wird von der Spielgruppe bis zur Maturitätsreife in erster Linie die tamilische Sprache gelehrt, welche aus 247 Zeichen besteht. Pro Woche stehen zwei Lektionen auf dem Programm.

Wer mit dem Diplom abschliesst, kann als Lehrer an der Tamilmandram arbeiten. Oder er ist berechtigt, in Südindien ein Sprach- und Literaturstudium zu beginnen. «Die Doppelbelastung während den Semesterprüfungen war jeweils hart», erzählt Sujevan Thiyagarajah. Der 27-jährige Krienser ist der Sohn des Präsidenten und vertritt im Verein die zweite Generation der tamilischen Einwanderer. Er sagt:

«Das Interesse der Jungen an ihrer
Kultur ist noch immer gross, die Schülerzahlen bleiben stabil.»

Sein Deutsch ist tadellos, im Gegensatz zu jenem der drei älteren Vorstandskollegen. Der 60-jährige Sivasubramaniam, der am verständlichsten spricht, erklärt das so: «Beruflich sind wir gut integriert, in sozialer Hinsicht bin ich aber nicht ganz zufrieden.»

Erste Generation hat wenig Kontakt zu Schweizern

Er selber sei Mitglied in einem Luzerner Schachklub, grundsätzlich hätten die Tamilen erster Generation aber wenig Kontakt zu Schweizern und seien vornehmlich unter sich. Eine Ausbildung machte kaum einer, vielmehr ging es darum, möglichst schnell Geld zu verdienen und die Familie nachkommen zu lassen. Thiyagarajah ist Koch, Sivasubramaniam Busfahrer und Naganathar arbeitet in einer Hydraulikfirma. «Unsere Väter arbeiten hart, meistens zu einem Tiefstlohn. Wenn sie frei haben, verbringen sie die Zeit mit ihrer Familie», erklärt Sujevan Thiyagarajah und führt aus: «Sie schauen zu den Kindern, möchten ihnen ein besseres Leben ermöglichen. Sie kämpfen, kosten ihr Leben nicht aus.»

Mittlerweile gehen die zweite und sogar schon die dritte Generation in die Tamilmandram. Die Jungen sorgen dafür, dass die Schule mit der Zeit geht, so machen sie sich zum Beispiel für die Digitalisierung stark. Darüber hinaus möchten sie vereinsinterne Events für Schweizer zugänglicher machen. Dass sie besser integriert sind als ihre Eltern, zeigt die sinkende Zahl an Musik-, Tanz- und Sportkursen, welche die tamilische Schule neben dem Sprachunterricht im Programm hat (siehe Bild unten). «Das liegt daran, dass wir uns öffnen und auch ausserhalb des Vereins nach Möglichkeiten umschauen», erklärt Sujevan Thiyagarajah.

Zur Pensionierung zurück in die Heimat?

Bleibt die Frage, welche Pläne die Familienoberhäupter nach ihrer Pensionierung haben. Ist eine Rückkehr ein Thema? «Ja», sagt Sivasubramaniam, «für die 1000 Franken, die ich monatlich für meine Zweizimmer-Wohnung in Emmenbrücke zahle, könnte ich in Sri Lanka ein Luxusleben führen».

Die Skepsis aber ist spürbar. Zu gross sei die Kriminalität in Jaffna, zu einschneidend weiterhin die Benachteiligung der Tamilen, zudem sei man nach all den Jahren in der Heimat ein Fremder. «Unsere Kinder leben hier in der Schweiz, bald werde ich Opa», sagt Naganathar und lächelt. Der Bürgerkrieg, der 2009 endete, ist glücklicherweise weit weg. Und Fremdenfeindlichkeit, so versichern sie, hätten sie in der Schweiz nicht erlebt.