Interview
Sekten: Im Raum Luzern sind rund 100 sektenähnliche Gruppen aktiv

In der katholischen Zentralschweiz haben Sekten einen schwierigeren Stand als anderswo im Land. Dennoch seien mittlerweile eine Vielzahl von Gruppen in der Gegend aktiv, schätzt ein Experte.

Raphael Zemp
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Knapp 1000 Sekten sind schweizweit aktiv. Viele von ihnen haben auch in der Zentralschweiz Fuss gefasst. Welche besonders gefährlich sind und inwiefern sich unsere Region doch von anderen unterscheidet, erklärt Sektenexperte Georg Otto Schmid von der Infostelle Relinfo, der Evangelische Informationsstelle für Kirchen, Sekten und Religionen im Zürcherischen Rüti.

In der Zentralschweiz ist die Katholische Kirche traditionell stark verankert. Gibt es da überhaupt noch Platz für Sekten?

Sektenexperte Georg Otto Schmid

Sektenexperte Georg Otto Schmid

Georg Otto Schmid: Wer kirchlich gut verankert ist, erliegt tatsächlich weniger den Verlockungen einer radikalen Gemeinschaft. Das erklärt auch, weshalb die Anzahl Sekten in den ländlichen Gebieten der Innerschweiz geringer ist als in den Städten des Mittellandes. Im Grossraum Luzern hingegen haben sich die spirituellen Entwicklungen anderen urbanen Zentren der Schweiz angepasst.

Was heisst das?

Viele der überregional tätigen weltanschaulichen Gemeinschaften sind heute auch im Raum Luzern vertreten. Wir gehen von einigen Hundert spirituellen Gruppen und Institutionen aus, von denen rund 100 deutlich sektenhafte Züge aufweisen.

Welches ist denn die grösste und mitgliederstärkste Sekte?

Von jenen Organisationen, die gemeinhin als Sekten bezeichnet werden, haben die Zeugen Jehovas in der Innerschweiz – wie auch gesamtschweizerisch – die grösste Anhängerschaft. Ebenfalls relativ viele Mitglieder hat Scientology, die in letzter Zeit aber viel an Strahlkraft verloren hat. Zum einen wegen der negativen Presse, zum anderen aber auch weil ihr Menschenbild aus der Mitte des 20. Jahrhunderts stammt und wissenschaftlich längst überholt ist.

Heisst grösser auch gefährlicher?

Nein, im Gegenteil: Kleine Sekten sind potenziell gefährlicher als grössere. Sie können oft über Jahre unbeachtet operieren, wohingegen grössere Gemeinschaften sich schnell mit kritischen Berichten konfrontiert sehen. Die geringe Grösse einer Sekte kann aber auch darauf hindeuten, dass sie besonders radikale Ansichten vertritt – und nur wenige Menschen bereit sind diesen steilen und steinigen Weg zu gehen. Uriella und ihre Fiat-Lux-Sekte zu ihren besten Zeiten bloss ein paar Hundert Menschen aus der Schweiz hat ansprechen können, die weniger radikalen Zeugen Jehovas dagegen fast 20'000.

Was sind die Trends der letzten Jahre?

Einerseits sind kleine, familiäre Gemeinschaften beliebter als grosse, denen immer auch etwas Anonymes und Unpersönliches anhaftet. Zum anderen finden netzwerkartige Bewegungen grösseren Zulauf als hierarchische Gruppen. Ein Beispiel dafür ist die derzeit besonders populäre Bewegung um die bald 18-jährige Toggenburgerin Christina Meier, besser bekannt als Christina von Dreien, die Parallelen zum Fiat-Lux-Orden von Uriella aufweist.

Netzwerkartige Bewegungen ohne straffe Hierarchien – das klingt ja schon fast sympathisch.

Der Schein trügt. Viele aufstrebende Bewegungen weisen ideologisch höchst problematische Verquickungen auf. Da gibt es beispielsweise die sogenannten Neugermanen, welche die Verehrung der Wikinger-Götter mit rechtsradikaler Gesinnung verbinden. Aber auch die russisch-nationalistische Anastasia-Bewegung, die heftig umstritten ist. Ferner fallen auch der moderne Satanismus sowie der radikalislamische Salafismus in diese Kategorie. All diese Szenen verfügen nicht über eine zentrale Leitung, vertreten aber problematische Lehren, die dann von der Anhängerschaft unterschiedlich stark ausgelegt wird.