SEMPACH-STATION: Spielend zum Computercrack

Beim Projekt «PrimaLogo» lernen Fünftklässler derzeit programmieren. Häufig sind es schulisch schwache Kinder, die hier am meisten brillieren.

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Primarschüler von Sempach-Station lernen, wie man programmiert. Das Programm wurde seit 2010 in rund 100 Klassen durchgeführt. (Bild Pius Amrein)

Primarschüler von Sempach-Station lernen, wie man programmiert. Das Programm wurde seit 2010 in rund 100 Klassen durchgeführt. (Bild Pius Amrein)

Zeigefinger huschen über die Tastaturen, englisches Gemurmel ist zu vernehmen: Bei den Fünftklässlern von Sempach Station ist an diesem Montagmorgen «PrimaLogo» angesagt – Programmieren leicht gemacht. Kinder lernen, was es heisst, Befehle zu geben. «Sie beginnen zu verstehen, wie ein Computer denkt», sagt Urs Meier. Der Informatikdozent der Pädagogischen Hochschule (PH) Luzern koordiniert das Projekt (siehe Box). Dieses greift dem Lehrplan 21 vor, der Programmieren im Kanton ab 2017/18 fix vorschreibt.

Drache gehorcht dem Befehl

Der Augenschein zeigt: Jenen Cracks, die letzte Woche an der Hacker-Europameisterschaft teilgenommen haben, können die 18 Sempacher Fünftklässler noch nicht das Wasser reichen (Ausgabe vom 22. Oktober). Immerhin: Sie haben sich bereits eine Handvoll Grundbefehle angeeignet – repeat («wiederholen»), fd für forward («weiter»), rt für right («rechts»), lt für left («links»). Monika Marku, 11, tippt gerade: repeat 4 [fd 100 rt 90 fd 100 lt 90]. Enter. Der Drache auf dem Bildschirm zeichnet eine Treppe – analog zur abgebildeten im Aufgabenbuch. Monika jubelt. Übung gelöst.

«Kinder erhalten hier umgehend eine Rückmeldung. Deshalb macht ihnen Informatikunterricht enorm Spass», sagt PH-Dozent Meier. «Das schnelle Erfolgserlebnis ist eine gute Motivationsspritze.» Insbesondere für jene, die in gewissen Fächern sonst Mühe bekunden. Der Klassenbeste sei hier nicht zwingend vorne mit dabei, bestätigt Klassenlehrerin Eveline Marberger. «In den Informatikunterricht fliessen diverse Fächer ein, ohne dass es sich die Kinder bewusst sind.» Rechnen, Textverständnis, Englisch, Vorstellungsvermögen, Genauigkeit. «Gleich mehrere Kompetenzen werden gestärkt.»

Kinder verweigern die Pause

Die abstrakte Welt des Programmierens wird bei «PrimaLogo» so konkret wie möglich gezeigt: «Es ist wichtig, einen Bezug zur Alltagswelt zu schaffen», sagt Meier. Kinder lernen, wie sie Namen schreiben, Flaggen zeichnen oder Tiere in Pixelform erschaffen können. Fabrizio Luchs, 10, hat gerade einen sechszackigen Stern konstruiert. «Man muss die richtigen Abkürzungen suchen. Das ist der Trick der Programmiersprache», sagt er. Für Fabrizio ist nun Kurzpause angesagt. Jonglieren. Sein Blick verrät: Er hätte lieber noch weiterprogrammiert. «Die Kinder sind derart begeistert, dass sie sich weigern, Pausen zu machen», sagt Klassenlehrerin Marberger.

Sie ist an diesem Morgen gefordert – ebenso wie Assistent Marc Böhler und Unterrichtsleiter Olivier Ens, angehender Seklehrer. Sie begleiten die erste Phase des dreijährigen Projekts. Immer wieder schnellen Hände in die Höhe. Jeder Schüler arbeitet nach seinem Rhythmus, benötigt bei einem anderen Befehl Hilfe. Je heterogener eine Klasse, desto herausfordernder sei der Unterricht für die Lehrer, sagt PH-Dozent Meier. «Ein starker Schüler stösst irgendwann an die Grenzen des Programms.» Bei Kindern mit integrativer Sonderschulung wiederum sei man froh, wenn das Abtippen fehlerfrei gelinge.

Knackpunkt Eltern

Nach den insgesamt fünf Vormittagen sollen die Kinder die Computertastatur kennen, Dateien abspeichern und danach auch wieder öffnen können. «Viele Schüler dieses Alters haben zwar schon mit Computern gearbeitet, können ihn aber noch nicht selbstständig bedienen», sagt Urs Meier von der Pädagogischen Hochschule Luzern. Während sich Kinder problemlos für das Projekt begeistern lassen, hapert es jedoch auf Seiten der Eltern. Jene vom Nutzen zu überzeugen, sei eine Knacknuss.

Mit Briefen im Vorfeld werde versucht, «proaktiv» den Widerstand der Eltern zu brechen. Urs Meier: «Fünftklässler stecken mitten im Übertrittsverfahren. Eltern gewichten dann Fächer mit Noten wie Mathematik oder Deutsch oft höher.»

Evelyne Fischer